Bei Funktionellen Neurologischen Störungen (FNS) sind die zugrunde liegenden Strukturen – Nerven, Muskeln, Gehirn – intakt, und trotzdem funktioniert etwas nicht wie gewohnt: Gehen, Stehen, Greifen, Sprechen. Die Beschwerden sind real und nicht willentlich erzeugt. Sie entstehen nicht aus einer Schädigung, sondern aus einer veränderten Steuerung und Wahrnehmung von Bewegung. Genau das macht die Frage nach Hilfsmitteln so heikel: Ein Hilfsmittel kann entlasten – aber bei FNS greift es zugleich in eben jene Bewegungssteuerung ein, die aus dem Takt geraten ist.
Warum Hilfsmittel bei FNS anders wirken
Um zu verstehen, warum Hilfsmittel hier ein Balanceakt sind, hilft ein Blick auf die Störung selbst. Bei FNS ist keine Struktur zerstört; vielmehr greift das Gehirn bei der Bewegung auf eingeübte Muster und Erwartungen zurück, und die Aufmerksamkeit spielt eine große Rolle. Ein Hilfsmittel ist deshalb nicht neutral: Es kann Sicherheit geben – aber es kann dem Körper auch beibringen, sich dauerhaft „anders" zu bewegen.
Die FNS-erfahrene Ergotherapie benennt das offen. Hilfsmittel könnten „die Art, wie wir uns bewegen, ungünstig verändern und so eine Verbesserung verhindern oder verzögern" und Folgeprobleme wie „Gelenkschmerzen und Muskelabbau" begünstigen. Im Original:
„Adaptive equipment can adversely change the way that we move and thus prevent or delay improvement … secondary problems such as joint pain and muscle deconditioning." — neurosymptoms.org, Patientenleitfaden von Prof. Jon Stone (Ergotherapie bei FND)
Umgekehrt gilt: Wer Alltagstätigkeiten möglichst normal und mit „geringerer Abhängigkeit von Hilfsmitteln" erledigt, baut damit Kraft, Ausdauer und Selbstvertrauen auf – denn „Teilhabe stärkt körperliche Kraft, Ausdauer und Zuversicht" („participation acts to build functional strength, endurance and confidence") (neurosymptoms.org). Das ist der Kern des Dilemmas: Was kurzfristig entlastet, kann langfristig im Weg stehen – und was anstrengend ist, kann langfristig helfen.
Ein echter Spagat
Das Besondere bei FNS: Beide Richtungen können die Beschwerden verfestigen – zu viele Hilfsmittel genauso wie gar keine. Fachlich wird deshalb kein starres „ja" oder „nein" empfohlen, sondern eine sorgfältige Abwägung im Einzelfall.
Zu viele, zu früh
Werden Hilfsmittel früh und dauerhaft eingesetzt, kann sich der Körper an ausweichende Bewegungsmuster gewöhnen; die Rückkehr zu normaler Bewegung wird schwerer. Dazu drohen Folgen wie Muskelabbau, Schwäche, Gelenk- und Schmerzbeschwerden – und mit jedem Hilfsmittel mehr ein Stück verlorene Selbstständigkeit.
Zu wenige, gar keine
Wer nicht mobil ist, kann an die Wohnung gebunden sein, Kontakte und Teilhabe verlieren und körperlich abbauen. Auch Stürze und Verletzungen sind ein reales Risiko. Auch das kann Symptome verstärken und den Weg zurück erschweren.
Warum ein Tag nicht wie der andere ist
Ein Kernmerkmal von FNS ist die Schwankung. Dieselben Beine, die morgens noch zum Einkaufen tragen, können sich Stunden später „schwach, schwer, steif, unsicher oder wie festgefroren" anfühlen („weak, heavy, stiff, unsteady or stuck") (FND Connect). Auslöser sind zum Beispiel Erschöpfung, Stress, Reizüberflutung, Schmerzen, schlechter Schlaf oder schlicht zu viel Aktivität am Stück.
Das erklärt, warum jemand ein Hilfsmittel an einem Tag braucht und am nächsten nicht – und warum Sätze wie „Aber gestern konntest du doch laufen" so verletzen: Sie treffen die Angst, nicht ernst genommen zu werden. Diese Wechselhaftigkeit ist ein Merkmal der Erkrankung, kein Widerspruch und keine Simulation. In diesem Licht sind Hilfsmittel
„… praktische Werkzeuge, die Teilhabe am Leben ermöglichen – kein Eingeständnis einer Niederlage." — FND Connect, „But You Walked Yesterday": zur zeitweisen Nutzung von Rollstuhl oder Gehstock
Die Leitidee heißt: Kräfte einteilen statt sich zu verausgaben – „pacing, not racing". Ein Hilfsmittel, das an einem schlechten Tag Teilhabe ermöglicht, kann also durchaus sinnvoll sein – entscheidend ist, dass es nicht unbemerkt zur Dauerlösung wird.
Was die Fachwelt empfiehlt
Die internationale Physiotherapie-Konsensempfehlung ist eindeutig und zugleich differenziert. Sie rät:
„Avoid use of adaptive equipment and mobility aids (though these are not always contra-indicated)." — Nielsen G, Stone J, Matthews A, et al., J Neurol Neurosurg Psychiatry 2015
Hilfsmittel sind also möglichst zu vermeiden, aber ausdrücklich nicht generell verboten. Ist eines aus Sicherheitsgründen nötig (etwa „to ensure safety after proven injuries"), soll es als vorübergehend gelten und mit einem Plan zur schrittweisen Reduktion verbunden sein – „it should be considered as temporary and provided with a plan to wean its use". Wer einen Rollstuhl nutzt, soll – so sicher wie möglich – Gelegenheiten zum Stehen und Bewegen behalten („the opportunity to stand and mobilise as much as is safe and possible"). Und bei Menschen, deren Einschränkung trotz Behandlung anhält, können Hilfsmittel „may improve independence and quality of life" – dann sind sie sinnvoll und richtig (Nielsen et al. 2015).
Die Ergotherapie-Konsensempfehlung ergänzt, worum es im Kern geht: „Education, rehabilitation within functional activity and the use of taught self-management strategies are central to occupational therapy intervention for FND" (Nicholson et al. 2020) – also Aufklärung, Üben im normalen Alltag und selbst erlernte Strategien, nicht die Ausstattung mit immer mehr Hilfsmitteln. Auch die deutsche S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen" (DGN 2026) setzt auf eine aktiv ausgerichtete Therapie. Der praktische Rat der Fachwelt lautet dabei immer wieder: gesunder Menschenverstand und Beratung durch Therapeut:innen, „who understand FND".
Manchmal kann es therapeutisch und medizinisch sinnvoll sein, ein Hilfsmittel bewusst zu reduzieren oder wegzulassen – auch wenn das im ersten Moment hart klingt. Das ist keine Bestrafung und kein „Stellen Sie sich nicht so an", sondern Teil eines Behandlungsplans, der die Rückkehr von Bewegung fördern soll. Entscheidend ist: individuell, begleitet, nie abrupt und nie allein.
Warum der Blick von außen zählt
Weil beide Richtungen schaden können und weil FNS von Tag zu Tag schwankt, lässt sich die richtige Balance kaum allein finden. Hilfsmittel-Entscheidungen gehören deshalb in die Absprache mit Ärzt:innen und – wo möglich – FNS-erfahrenen Therapeut:innen, individuell abgewogen: Was hilft hier und jetzt? Was hält gesund? Was fördert den nächsten Schritt? Wichtig ist, dass die begleitende Fachperson FNS wirklich kennt, denn die Behandlung unterscheidet sich von klassischen Ansätzen. Viele Betroffene erleben genau diese Abwägung als überfordernd – das ist absolut verständlich, und niemand muss sie allein treffen.
FNS-erfahrene Anlaufstellen finden
Gerade bei Hilfsmitteln lohnt sich die Begleitung durch FNS-erfahrene Therapeut:innen. Unsere Übersicht bündelt Kliniken, Sprechstunden und Praxen (Physio/Ergo/Logo) – filterbar nach Bundesland.
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Quellen & Einordnung. Die Empfehlungen zu Hilfsmitteln beruhen auf internationalem Fachkonsens (Erfahrung und vorhandene Evidenz), nicht auf großen randomisierten Studien. Die englischen Originalzitate sind bewusst beibehalten und im Text übersetzt.
• Nielsen G, Stone J, Matthews A, et al.: Physiotherapy for functional motor disorders: a consensus recommendation. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2015;86(10):1113–1119. doi:10.1136/jnnp-2014-309255. PubMed ↗
• Nicholson C, Edwards MJ, Carson AJ, et al.: Occupational therapy consensus recommendations for functional neurological disorder. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2020;91(10):1037–1045. doi:10.1136/jnnp-2019-322281. PubMed ↗
• Deutsche Gesellschaft für Neurologie: S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen", 2026 (AWMF-Register 030/148). Leitlinie ↗
• Prof. Jon Stone: Occupational Therapy, Patientenleitfaden. neurosymptoms.org ↗ (deutsch: neurosymptoms.org/de)
• FND Connect: „But You Walked Yesterday": Using a Wheelchair or Walking Stick Part-Time With FND. fndconnect.org.uk ↗