Die Psyche aus der Ecke holen
Warum bei FNS Körper und Psyche zusammengehören – und was psychische Faktoren wirklich bedeuten.
Körper oder Psyche? Die Frage ist falsch gestellt. Bei FNS gehört beides zusammen – wie bei fast jeder Krankheit. Psychische Faktoren sind ein normaler Teil von Gesundheit und Krankheit.
Schon 1977 beschrieb der Arzt George L. Engel das biopsychosoziale Modell: Gesundheit und Krankheit entstehen im Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren – nicht aus einer einzigen Ursache (Engel 1977, Science). Das gilt für nahezu jede Erkrankung. Bei Funktionellen Neurologischen Störungen wird es besonders deutlich.
Multifaktoriell statt „entweder – oder"
FNS ist multifaktoriell. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen: eine biologische Veranlagung, körperliche oder seelische Auslöser (etwa eine Verletzung, ein Infekt oder eine belastende Situation) und Mechanismen, die die Beschwerden aufrechterhalten – wie eine veränderte Aufmerksamkeit und fehlerhafte Erwartungen des Gehirns (Aybek & Perez 2022, BMJ).
Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Ursache und Auslöser: Die eine, klar benennbare Ursache gibt es bei FNS meist nicht. Ein Auslöser ist der Anstoß, der die Beschwerden ins Rollen bringt – aber nicht dasselbe wie eine allein verantwortliche Ursache. Die Psyche gehört ausdrücklich dazu – als einer dieser Faktoren, gleichberechtigt neben den körperlichen. Sie ist aber weder die alleinige Ursache noch ein Beweis dafür, dass „nichts Körperliches" vorliegt. Der Streit „Körper gegen Psyche" führt deshalb in die Irre – beides gehört untrennbar zusammen.
Warum die „Psycho-Ecke" diskriminiert
„Mein Arzt hat mich in die Psycho-Ecke geschoben" – diesen Satz sagen viele Betroffene selbst. Verständlich, denn dahinter steckt oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Doch die Formulierung hat einen Haken: Sie behandelt „psychisch" wie etwas Abwertendes – eine Ecke, in die niemand gehören will – und diskriminiert damit unbeabsichtigt sich selbst und andere. Dabei ist „psychisch" nichts Beschämendes: Seelische und körperliche Vorgänge sind im Gehirn dasselbe biologische Geschehen.
Verstärkt wird dieses Gefühl durch die oft jahrelange Ärzte-Odyssee: Viele Betroffene erleben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen oder als „nichts Organisches" abgetan werden. Fällt dann das Wort „psychisch", klingt das für viele wie „Sie bilden sich das ein" – und die fehlerhafte Gleichung Psyche = eingebildet verfestigt sich. Genau diese Gleichung wollen wir auflösen. Unser Ziel ist, die Psyche aus der Ecke zu holen: Psychische Faktoren gehören zum Menschen – und machen eine Erkrankung kein bisschen weniger real.
Real – auch ohne sichtbaren „Schaden"
Viele Betroffene durchlaufen eine zermürbende Suche nach einer körperlichen Ursache – ein Untersuchungstermin nach dem anderen, MRT, EEG, CT. Angetrieben wird sie oft von dem Gedanken: „Erst wenn sich etwas nachweisen lässt, ist es echt." Doch dieser Gedanke stimmt nicht. Ein unauffälliger Befund heißt nicht, dass die Erkrankung nicht real ist – er schließt nur bestimmte andere Ursachen aus. FNS wird heute aktiv anhand typischer positiver Zeichen festgestellt, nicht durch das bloße Fehlen eines Befundes.
In den üblichen Untersuchungen (zum Beispiel im MRT) findet sich bei FNS keine strukturelle Schädigung wie bei einem Schlaganfall. Das bedeutet aber nicht, dass „nichts" da wäre: Moderne, funktionelle Bildgebung zeigt auf Gruppenebene Veränderungen in der Funktion und Vernetzung des Gehirns (Bègue et al. 2019, NeuroImage: Clinical). Ein eindrückliches Beispiel: In einer Studie unter Beteiligung der Kliniken Schmieder (Lurija-Institut, Allensbach) zeigten Menschen mit funktioneller (konversiver) Lähmung und Gesunde, die eine Lähmung nur vortäuschten, zwar ähnliche, aber nicht dieselben Aktivierungsmuster im Stirnhirn – die funktionellen Beschwerden werden also nicht bewusst erzeugt (Hassa et al. 2016, NeuroImage: Clinical).
Wichtig bei alldem: Solche Bildbefunde sind bislang Zusammenhänge (Korrelationen), keine bewiesenen Ursachen. Ob die beobachteten Veränderungen die Beschwerden verursachen oder eher ihre Folge sind, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt; als Diagnose-Test taugt die Bildgebung (noch) nicht (Perez et al. 2021, NeuroImage: Clinical). Klar ist aber: Die Beschwerden sind körperlich echt – und werden nicht willentlich erzeugt.
Die Kraft der Erwartung: Placebo, Nocebo – und FNS
Dass Erwartungen den Körper messbar verändern, ist wissenschaftlich gut belegt und wird längst nicht mehr belächelt. Beim Placebo-Effekt schüttet das Gehirn allein durch die Erwartung einer Wirkung körpereigene Botenstoffe aus – etwa Opioide und Dopamin – und verändert nachweisbar seine Aktivität (Benedetti 2011, Neuropsychopharmacology). Die Kehrseite ist der Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen können Beschwerden real verstärken (Colloca & Barsky 2020, NEJM).
Solche sich selbst erfüllenden Erwartungen (self-fulfilling prophecy) spielen auch bei FNS eine Rolle: Wenn das Gehirn ein Symptom „erwartet" und die Aufmerksamkeit darauf richtet, kann es genau dieses Symptom hervorbringen. Das ist keine Einbildung, sondern Neurobiologie – und zugleich eine Chance: Weil solche Muster zu einem Teil erlernt sind, lassen sie sich auch wieder umlernen. Genau hier setzt die Behandlung an (Deutsche Hirnstiftung).
Das hat eine praktische Folge, die vielen Betroffenen den Zugang zur Behandlung erleichtert: Psychotherapie bei FNS ist kein Eingeständnis, dass die Beschwerden „doch nur im Kopf" wären. Sie ist ein Werkzeug wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie – gleichwertig, gezielt und an denselben Mechanismen ansetzend: an Aufmerksamkeit, Erwartung und erlernten Mustern. Wer sie in Anspruch nimmt, gibt damit nichts zu, sondern nutzt eine der wirksamsten Möglichkeiten, die es gibt. Genauso gilt: Wer sie nicht braucht oder nicht möchte, hat trotzdem eine echte Erkrankung und andere wirksame Wege.
Kurz gesagt: Körper und Psyche sind keine Gegensätze. FNS zeigt beispielhaft, dass Beschwerden gleichzeitig real, körperlich spürbar und durch Erleben, Aufmerksamkeit und Erwartung beeinflussbar sein können. Wer das versteht, hört auf zu fragen „echt oder eingebildet?" – und beginnt zu fragen: „Wie können wir helfen?"
Zum Weiterlesen: Ein anschaulicher Fallbericht des Universitätsklinikums Bonn ↗ zeigt am Beispiel einer 13-Jährigen, warum die künstliche Trennung von „körperlich" und „psychisch" überwunden werden muss – und FNS zugleich real und behandelbar ist (PDF, Fachartikel).
Quellen
- Engel GL (1977): The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science 196, 129–136. science.org ↗
- Aybek S, Perez DL (2022): Diagnosis and management of functional neurological disorder. BMJ 376:o64. PubMed ↗
- Bègue I, Adams C, Stone J, Perez DL (2019): Structural alterations in functional neurological disorder and related conditions: a software and hardware problem? NeuroImage: Clinical 22:101798. PMC ↗
- Hassa T et al. (2016): Functional networks of motor inhibition in conversion disorder patients and feigning subjects. NeuroImage: Clinical (unter Beteiligung des Lurija-Instituts, Kliniken Schmieder, Allensbach). PMC ↗
- Perez DL et al. (2021): Neuroimaging in Functional Neurological Disorder: State of the Field and Research Agenda. NeuroImage: Clinical. PMC ↗
- Benedetti F, Carlino E, Pollo A (2011): How placebos change the patient's brain. Neuropsychopharmacology 36, 339–354. nature.com ↗
- Colloca L, Barsky AJ (2020): Placebo and Nocebo Effects. New England Journal of Medicine 382, 554–561. NEJM ↗
- Popkirov S: Funktionelle neurologische Störungen – Erkennen, verstehen, behandeln. Springer. Springer ↗
- Deutsche Hirnstiftung: Funktionelle (Bewegungs-)Störungen. hirnstiftung.org ↗
Dieser Beitrag stützt sich auf Grundlagenliteratur (Engel 1977 in Science) sowie auf aktuelle Fachübersichten in BMJ, NEJM und NeuroImage: Clinical.
Einschränkend gilt: Bildgebungsbefunde bei FNS beruhen überwiegend auf kleinen Stichproben und zeigen Unterschiede auf Gruppenebene – sie erlauben keine Aussage über einzelne Personen und dienen nicht der Diagnose. Das biopsychosoziale Modell ist ein anerkanntes Rahmenkonzept, kein Messverfahren.
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Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.