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Tagungsrückblick · Bonn 2026

Kann künstliche Intelligenz Anfälle unterscheiden?

Auf der gemeinsamen Jahrestagung der AG FNS und der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn sprach Prof. Markus Reuber (Sheffield) über Kommunikation, Konversation – und was KI dabei heute kann und was nicht. Wir waren dabei. Ein Rückblick.

Eine KI liest, wie ein Mensch seinen Anfall beschreibt – und stellt daraus die Diagnose. In 57 Prozent der Fälle richtig. Drei erfahrene Epileptologen schaffen mit denselben Texten 71 Prozent. Das Rennen zwischen Mensch und Maschine hat die Anfallsmedizin längst erreicht – und vorerst gewinnt der Mensch. Aber der Abstand ist kleiner, als vielen lieb sein dürfte.

Diese Zahlen stammen aus der Keynote von Prof. Markus Reuber (Universität Sheffield), Herausgeber der Fachzeitschrift Seizure und einer der international führenden Forscher zu funktionellen/dissoziativen Anfällen – gehalten am 18. September 2026 in Bonn, auf der gemeinsamen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen (AG FNS) und der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn. Sein Thema: „Kommunikation, Konversation und künstliche Intelligenz bei Anfallserkrankungen“ [1]. Wir saßen im Publikum – dieser Beitrag ist unser persönlicher Rückblick auf den Vortrag, in eigenen Worten und in Auswahl; die erwähnten Studien sind unten einzeln belegt.

Warum ausgerechnet das Gespräch entscheidend ist

Der Ausgangspunkt des Vortrags: Hinter über 90 Prozent aller Vorstellungen mit vorübergehendem Bewusstseinsverlust stecken nur drei Diagnosen – Synkopen (Kreislauf-Ohnmachten), epileptische Anfälle und funktionelle/dissoziative Anfälle [1]. Und doch sind Fehldiagnosen häufig und verzögern den Zugang zu wirksamer Behandlung oft erheblich. Der Grund: Es gibt selten einen Test, der die Diagnose eindeutig macht. Die Erstdiagnose beruht vor allem auf dem, was Betroffene und Augenzeugen erzählen – auf Eigen- und Fremdanamnese, manchmal ergänzt durch ein Video.

Genau hier setzt die Forschung von Reubers Arbeitsgruppe seit Jahren an: Nicht nur was Menschen über ihre Anfälle berichten, unterscheidet sich zwischen Epilepsie und dissoziativen Anfällen – auch wie sie es erzählen. Die Konversationsanalyse zeigt messbare Unterschiede im Gesprächsverhalten [2]. Und wo es Muster in Sprache gibt, liegt die Frage nahe: Kann eine Sprach-KI diese Muster erkennen?

Der Praxistest: GPT-4 gegen drei erfahrene Epileptologen

Hier kommen die Zahlen vom Anfang ins Spiel: Reuber stellte eine Studie seiner Gruppe vor, die den direkten Vergleich gewagt hat [3]. GPT-4 bekam Transkripte von Anfallsbeschreibungen – 16 von Menschen mit epileptischen und 25 von Menschen mit funktionellen/dissoziativen Anfällen – und sollte die Diagnose stellen. Zum Vergleich beurteilten drei erfahrene Epileptologen dieselben Texte. Das Ergebnis im Detail:

Balkendiagramm: GPT-4 ordnet ohne Beispiele 57 Prozent der Anfallsbeschreibungen richtig zu, mit je einem Trainingsbeispiel 64 Prozent – drei erfahrene Epileptologen erreichen im Durchschnitt 71 Prozent.
Mensch gegen Maschine: korrekte Diagnosen aus Anfallsbeschreibungen (Ford et al., Epilepsia 2025).

Bemerkenswert war auch, was nicht half: Mit zwei oder drei Trainingsbeispielen statt einem wurde die KI nicht besser. Und die Ergebnisse schwankten von Durchlauf zu Durchlauf – dieselbe Frage konnte an verschiedenen Tagen verschieden beantwortet werden, auch weil sich die Sprachmodelle selbst laufend weiterentwickeln [3]. Ältere Ansätze der Arbeitsgruppe mit klassischem maschinellem Lernen – etwa die automatische Analyse des „Formulierungsaufwands“ in Anfallsbeschreibungen – hatten zuvor ähnliche Größenordnungen erreicht: rund 71 Prozent korrekte Klassifikation [4]. Auch ein strukturierter Patientenfragebogen, dessen Auswertung ein Machine-Learning-Modell übernimmt, wurde inzwischen validiert [5].

Die nüchterne Zwischenbilanz des Vortrags: KI kann aus Sprache echte diagnostische Signale lesen – aber an erfahrene Kliniker reicht sie derzeit nicht heran.

KI auf der Therapieseite: von ELIZA bis zum Chatbot-Coach

Der zweite Teil des Vortrags widmete sich der Behandlung. Die Idee, Computer therapeutisch sprechen zu lassen, ist älter als viele denken: Schon 1966 simulierte der Chatbot ELIZA einen Gesprächstherapeuten [6]. Heutige Sprachmodelle können therapeutische Gesprächstechniken verschiedener Schulen imitieren – von klärenden Fragen der Gesprächspsychotherapie über sokratisches Fragen der Verhaltenstherapie bis zu Beziehungsfragen psychodynamischer Ansätze.

Was davon wirkt? Eine Metaanalyse über 32 randomisierte kontrollierte Studien mit über 6.000 Teilnehmenden zeigt: Chatbot-Interventionen können Symptome von Depression und Angst, Stress und psychosomatische Beschwerden kurzfristig verbessern – längerfristig waren die Effekte jedoch nicht mehr signifikant [7]. Realistischer als der „KI-Therapeut“ erscheint deshalb derzeit die Rolle der KI als Werkzeug für Therapeutinnen und Therapeuten: bei Fallkonzeption, Behandlungsplanung, Dokumentation oder der passenden Zuordnung von Patient und Therapeut [1].

Chancen und Risiken – Reubers doppelte Liste

Zum Abschluss stellte Reuber zwei Zukunftslisten nebeneinander – beide beginnen mit „KI wird …“:

Die HoffnungDie Gefahr
Die Zeit bis zur richtigen Diagnose dramatisch verkürzenDas Fehldiagnoserisiko erhöhen und heutige Fehler in automatisierten Abläufen festschreiben
Betroffenen ein besseres Verständnis ihrer Erkrankung vermittelnZur Entqualifizierung von Klinikern beitragen
Mehr Menschen Zugang zu guter Behandlung ermöglichenBehandler ersetzen statt entlasten – und so den Zugang verschlechtern
Behandlungsqualität und Prognosen verbessern, Forschung revolutionierenUnterschiede zwischen Arm und Reich vergrößern

Dass auf der Gefahrenseite augenzwinkernd auch „das Ende der Welt beschleunigen“ stand – und der Vortrag mit humorvollen KI-Ratschlägen nach Altersgruppen endete –, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Die ernsten Punkte dahinter benannte Reuber klar: fehlende objektive Referenzdiagnosen als Trainingsgrundlage, schwankende Ergebnisse, Entscheidungen in einer „Black Box“, Halluzinationen, Datenschutz und ein regulatorischer Rahmen, der der technischen Entwicklung hinterherläuft [1].

Was wir als Netzwerk daraus mitnehmen: Der Vortrag bestätigt den Weg, den wir mit unserem Transparenzhinweis eingeschlagen haben. Wir nutzen KI offen als Werkzeug – für Recherche und Texterstellung. Aber die Prüfung bleibt menschlich, und die Diagnose gehört in die Hände erfahrener Klinikerinnen und Kliniker. Genau das war auch Reubers Botschaft: KI kann Kommunikation unterstützen und Wissen zugänglicher machen – das entscheidende Gespräch ersetzt sie nicht.

Quellen

Die folgenden Studien wurden im Vortrag vorgestellt bzw. zitiert; die Angaben folgen den Vortragsfolien.

  1. Reuber M. Kommunikation, Konversation und künstliche Intelligenz bei Anfallserkrankungen. Keynote-Vortrag, gemeinsame Jahrestagung der AG FNS e. V. und der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn, 18.09.2026. Dieser Beitrag ist ein Tagungsbericht aus Sicht der Besucher und gibt den Vortrag in eigenen Worten und in Auswahl wieder.
  2. Jenkins L, Reuber M. Quantifying qualitative observations in patients’ talk to aid the differential diagnosis of transient loss of consciousness. Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 2015;16:198–225.
  3. Ford J, et al. Can artificial intelligence diagnose seizures based on patients’ descriptions? A study of GPT-4. Epilepsia 2025;66:1959–1974.
  4. Pevy N, et al. Feasibility of using an automated analysis of formulation effort in patients’ spoken seizure descriptions in the differential diagnosis of epileptic and nonepileptic seizures. Seizure 2021;91:141–145.
  5. Wardrope A, et al. Validation of a Machine-Learning Clinical Decision Aid for the Differential Diagnosis of Transient Loss of Consciousness. Neurol Clin Pract 2025;15(2):e200448.
  6. Olawade DB, et al. Enhancing mental health with Artificial Intelligence: Current trends and future prospects. J Med Surg Pub Health 2024;3:100099.
  7. He Y, et al. Conversational Agent Interventions for Mental Health Problems: Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. J Med Internet Res 2023;25:e43862.

Stand: September 2026. Dieser Rückblick gibt zentrale Inhalte des Vortrags in eigenen Worten und in Auswahl wieder; für die vollständigen Inhalte und alle Differenzierungen ist allein der Vortrag maßgeblich. Der Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung.