Am Anfang steht eine Frage: Woher kommen die Beschwerden? Es folgen Untersuchungen, Termine, Wartezeiten – und am Ende oft ein Satz, der bleibt: „Wir finden nichts." Für viele Menschen mit Funktionellen Neurologischen Störungen (FNS) ist dieser Satz nicht das Ende der Suche, sondern ihr Anfang.
Wenn „nichts" zur Last wird
Wird keine Ursache benannt, bleibt leicht das Gefühl zurück, nicht ernst genommen zu werden. Das ist zutiefst verständlich: Man spürt die Beschwerden jeden Tag – und hört doch, es sei „nichts". Aus dieser Kränkung wird mit der Zeit oft Enttäuschung, und aus Enttäuschung kann Verbitterung werden. Ein Gedanke setzt sich fest: Es muss doch etwas geben – ich muss nur lange genug suchen lassen.
Der Trugschluss: „Nur was man findet, ist echt"
Im Kern dieser Spirale steckt eine Überzeugung, die kaum jemand offen ausspricht, die aber enorme Kraft hat: „Meine Beschwerden sind erst dann real, wenn sich endlich ein körperlicher Schaden nachweisen lässt." Aus dieser Annahme heraus verfestigt sich die Suche nach einer strukturellen Ursache – denn ein Befund verspricht, was man am meisten braucht: die Bestätigung, dass alles echt ist und man sich nichts eingebildet hat.
Der Trugschluss steckt in der Gleichung selbst. Bei FNS liegt keine Schädigung vor, sondern eine Störung im Zusammenspiel von Steuerung und Wahrnehmung – die Beschwerden sind deshalb echt, aber nicht als Strukturschaden messbar [5]. „Real" und „nachweisbar" fallen hier auseinander. Wer weiter nach einem Schaden fahndet, sucht nach etwas, das es in dieser Form nicht gibt – und übersieht dabei, was wirklich hilft. Warum „real" eben nicht „nachweisbar" heißt, vertieft der Beitrag „Die Psyche aus der Ecke holen".
Wie sich die Spirale dreht
Von da an dreht sich vieles nur noch um den nächsten Befund. Noch eine Überweisung, noch ein Bild, noch ein Test – in der Hoffnung, dass endlich etwas sichtbar wird. Doch je länger die Suche dauert, desto größer werden Erschöpfung und Frust. Wiederholte, unauffällige Untersuchungen bringen selten Beruhigung; sie können die Sorge sogar verstärken und den Blick immer enger auf den Körper richten. Die Spirale hält gefangen: Sie kostet Kraft, Zeit und Zuversicht, ohne einer Antwort näherzukommen.
Mitfühlen ist nicht dasselbe wie Recht geben
Diese Spirale endet nicht am Untersuchungstisch – sie setzt sich fort, sobald andere auf das Erlebte reagieren. Die erste, verständliche Reaktion ist oft Mitgefühl: Zuspruch, das Gefühl, endlich verstanden zu werden. Das ist wichtig und richtig – niemand soll mit dem Gefühl allein bleiben, übersehen worden zu sein.
Hier lohnt eine feine, aber entscheidende Unterscheidung – zwischen Empathie und inhaltlichem Bestätigen. Empathie heißt, die Gefühle eines Menschen wahrzunehmen und anzuerkennen: die Erschöpfung, die Angst, die Kränkung. In der Psychotherapie nennt man das Validierung. Entscheidend ist – so lehrt es die dialektisch-behaviorale Therapie – dass sich Validierung auf das Gefühl bezieht, nicht auf jede damit verbundene Überzeugung: Man würdigt das Erleben, nicht automatisch dessen Deutung [6]. Man kann also voll mitfühlen – „Ich verstehe, wie zermürbend und ungerecht sich das anfühlt" – ohne die Annahme zu bekräftigen, es müsse doch noch ein übersehener Schaden gefunden werden. Genau hier trennen sich Empathie (die dem Menschen gilt) und Recht geben (das einer Deutung gilt, die festhalten kann).
Wie aus gut gemeinter Bestätigung Verbitterung wird
Am Anfang steht ein echtes Ungerechtigkeitserleben: Man wird nicht ernst genommen, fühlt sich abgewiesen. Die anhaltende Reaktion darauf hat einen Namen und ist gut erforscht – Verbitterung (der Psychiater Michael Linden beschrieb sie als „Posttraumatische Verbitterungsstörung"). Verbitterung ist ein anhaltender emotionaler Zustand, der aus erlebter Ungerechtigkeit, Demütigung oder Vertrauensbruch entsteht – und anders als vorübergehender Ärger verschwindet sie nicht von selbst [8]. Gerade das macht sie so zäh:
Die Betroffenen sind „in einem Teufelskreis starker negativer Emotionen gefangen, die sich gegenseitig immer weiter verstärken".— zum selbstverstärkenden Verlauf der Verbitterung (nach M. Linden)
Nun kann genau das, was eigentlich helfen soll, das Gegenteil bewirken. Wird die Kränkung immer wieder durchgesprochen und dabei der Inhalt bestätigt – die Annahme, dass sich doch noch etwas finden lassen müsse –, entsteht ein Muster, das die Psychologie Ko-Rumination nennt: das „übermäßige, wiederholte Besprechen von Problemen mit starkem Fokus auf die negativen Gefühle" [7]. Das Tückische daran ist ein Paradox:
Ko-Rumination stärkt die Verbundenheit – und macht zugleich anfälliger für innere Belastung: Nähe und Risiko liegen hier dicht beieinander.— sinngemäß nach A. Rose (2002)
So schließt sich der Kreis. Das Ungerechtigkeitserleben wird bekräftigt statt eingeordnet, die Grundannahme „nur echt, wenn man etwas findet" verfestigt sich – und die Verbitterung setzt sich fest. Auch die Forschung zu chronischen Erkrankungen zeigt in dieselbe Richtung: Ein starkes, immer wieder durchdachtes Ungerechtigkeitsempfinden geht mit mehr Schmerz, Ärger und depressiven Beschwerden einher [9]. Das ist kein Vorwurf an die Betroffenen – im Gegenteil: Es ist ein zutiefst menschlicher Trostreflex, der nur an dieser besonderen Stelle nicht weiterträgt.
Mitfühlen mit dem Menschen – ja, immer. Einer Deutung recht geben, die in der Spirale festhält – nicht automatisch. Denn FNS ist eine reale, klar diagnostizierbare Erkrankung, die keinen Strukturschaden braucht, um wahr zu sein. Was wirklich weiterhilft, verbindet echtes Mitgefühl und verlässliche Information.
Was die neuen Leitlinien sagen
Das Verständnis von FNS hat sich gewandelt – und mit ihm die Diagnostik. Die aktuelle DGN-Leitlinie (2026) versteht funktionelle Bewegungsstörungen als eigenständige Erkrankung, die man an positiven klinischen Zeichen erkennt, nicht am Fehlen anderer Befunde [1][2]. Auch die Klassifikation ICD-11 (6B60) hat die alte Unterstellung einer psychischen Verursachung fallengelassen [4]. Kurz: Eine belastbare Diagnose entsteht aus einem Nachweis – nicht aus der Suche nach einer Lücke. Ausführlicher der Beitrag „Neue Leitlinie 2026" auf der Startseite.
Die Diagnose als Wendepunkt
Eine gut vermittelte, positive Diagnose ist mehr als ein Etikett – sie ist der erste Schritt der Behandlung. Wenn Betroffene verstehen, was FNS ist und warum die Beschwerden real sind, verliert die Suche nach dem „fehlenden Befund" ihre Dringlichkeit. Fachleute beschreiben die neurologische Untersuchung und die verständliche Erklärung deshalb selbst als Teil der Therapie [3]. Nicht die Diagnose fehlt – es fehlt oft ein Verständnis, das die Beschwerden ernst nimmt und richtig einordnet. Wie FNS positiv – an typischen Zeichen – diagnostiziert wird, erklärt der Beitrag „Ursachen & Diagnose". Und wie sich FNS mit der Zeit entwickeln können, lesen Sie unter „Prognose bei FNS".
Warum Vernetzung aus der Spirale führt
Aus der Spirale führt selten der nächste Termin allein. Was hilft, ist: ernst genommen zu werden, verlässliche Informationen zu finden und Menschen zu begegnen, die dasselbe erlebt haben. Genau hier liegt die Chance von Vernetzung – wenn sie beides zusammenbringt: das Mitgefühl, das die Isolation durchbricht, in der Verbitterung wächst, und die Sachebene, die zeigt, dass FNS erkennbar, erklärbar und behandelbar ist. Vernetzung bringt Betroffene, Angehörige und Fachleute zusammen und macht sichtbar, wo es Anlaufstellen gibt, die FNS kennen. Wissen und Austausch nehmen der Spirale ihre Kraft.
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Für Austausch, verlässliche Informationen und den Weg zu spezialisierten Anlaufstellen.
Kontakt aufnehmen- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen", 2026 (AWMF-Register 030/148). Leitlinie ↗
- Aybek S, Perez DL: Diagnosis and management of functional neurological disorder. BMJ 2022;376:o64. PubMed ↗
- Stone J: Functional neurological disorders: the neurological assessment as treatment. 2016. PubMed ↗
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11, 6B60 Dissociative neurological symptom disorder. icd.who.int ↗
- Prof. Jon Stone u. a.: Patienteninformation zu FND/FNS. neurosymptoms.org ↗
- Zum Konzept der Validierung (das Gefühl würdigen, nicht zwingend die Deutung bestätigen): dialektisch-behaviorale Therapie nach M. M. Linehan; experimentelle Übersicht zu Validierung/Invalidierung von Emotionen. PMC ↗
- Rose AJ: Co-rumination in the friendships of girls and boys. Child Development 2002;73(6):1830–1843. PubMed ↗
- Linden M: Posttraumatic embitterment disorder. Psychotherapy and Psychosomatics 2003;72(4):195–202. PubMed ↗
- Sullivan MJL, Adams H, Horan S, et al.: The role of perceived injustice in the experience of chronic pain and disability. J Occup Rehabil 2008;18(3):249–261. PubMed ↗
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Er bewertet keine einzelnen Personen, Gruppen oder ihre Entscheidungen.