Netzwerk FNS Bundesverband für Funktionelle Neurologische Störungen (in Gründung)

StartThemen & Beiträge › Ursachen & Diagnose bei FNS

Verstehen

Ursachen & Diagnose bei FNS

Zwei Fragen stehen nach einer FNS-Diagnose fast immer im Raum: Wie hat man das eigentlich festgestellt? Und: Woher kommt das? Beides lässt sich heute gut beantworten – und die Antworten sind anders, als viele erwarten.

Lange galt die Funktionelle Neurologische Störung als etwas, das übrig bleibt, wenn man „nichts findet“. Dieses Bild ist überholt. FNS wird heute positiv diagnostiziert – an typischen klinischen Zeichen – und als eine Störung der Funktion des Nervensystems verstanden, die aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren entsteht. Dieser Beitrag ordnet beides ein: wie diagnostiziert wird und was als Ursache gilt.

Wie FNS entsteht – drei Arten von Faktoren wirken zusammen: prädisponierende (Boden bereiten), auslösende (den Anstoss geben) und aufrechterhaltende (das Muster festhalten).

Das Wichtigste zuerst

  • FNS ist keine Ausschlussdiagnose mehr – sie wird an typischen positiven Zeichen erkannt.
  • Bildgebung wie das MRT ist meist unauffällig – das passt zur Diagnose und widerspricht ihr nicht.
  • Es gibt nicht die eine Ursache: Meist wirken mehrere Faktoren zusammen.
  • Hilfreich ist das biopsychosoziale Modell: prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren.
  • Ein Trauma kann eine Rolle spielen, ist aber keine Voraussetzung für die Diagnose.
  • Gestört ist das Zusammenspiel im Nervensystem – nicht seine Struktur.

Wie wird FNS diagnostiziert?

Der wichtigste Wandel der letzten Jahre: FNS wird nicht mehr dadurch festgestellt, dass alle anderen Erkrankungen ausgeschlossen sind. Sie wird positiv gestellt – also anhand von Untersuchungsbefunden, die typisch für eine funktionelle Störung sind und sie von anderen Erkrankungen unterscheiden.1,2 Auch die aktuellen Leitlinien und Diagnosesysteme sehen das so vor.5 Eine sorgfältig gestellte FNS-Diagnose ist dabei verlässlich: Dass sich später doch eine andere Erkrankung dahinter zeigt, ist die absolute Ausnahme.1

Was sind „positive Zeichen“?

Positive Zeichen sind kleine, gut untersuchte Tests in der neurologischen Untersuchung, die zeigen, dass eine Funktion im Prinzip vorhanden ist, aber nicht willentlich abrufbar – typisch für FNS. Bekannt ist etwa das Hoover-Zeichen: Eine funktionell geschwächte Beinstreckung kehrt zurück, sobald das andere Bein gegen Widerstand angebeugt wird – die Bewegung gelingt also automatisch, nur nicht auf direktes Kommando. Ähnliche Zeichen gibt es für funktionelles Zittern (es „springt“ auf einen vorgegebenen Rhythmus an) oder für Gang- und Sehstörungen.3 Diese Zeichen sind kein Trick und kein „Ertappen“: Sie belegen, dass die Beschwerden echt sind und ihren Ursprung in der gestörten Steuerung haben.

Welche Rolle spielen MRT, EEG & Co.?

Geräteuntersuchungen wie MRT, CT oder EEG sind bei FNS meist unauffällig. Das ist kein Widerspruch zur Diagnose, sondern passt zu ihr: Weil bei FNS keine strukturelle Schädigung vorliegt, ist auf dem Bild nichts „kaputt“ zu sehen. Bildgebung wird vor allem eingesetzt, um in unklaren Fällen andere Ursachen auszuschließen – die FNS-Diagnose selbst ruht aber auf den klinischen Zeichen, nicht auf dem Fehlen eines Befundes.1,2 Deshalb führt eine endlose Suche nach dem „übersehenen Befund“ selten weiter. Warum diese Suche selbst zur Last werden kann, zeigt der Beitrag „Die Spirale“.

Was verursacht FNS?

Die ehrliche Antwort: nicht eine einzelne Ursache. FNS entsteht in aller Regel aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren – körperlicher, seelischer und äußerer. Der gemeinsame Nenner ist, dass das Zusammenspiel im Nervensystem gestört ist: Die „Hardware“ ist intakt, aber die Steuerung von Bewegung, Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit läuft aus dem Takt.1,4 Genau deshalb sind die Beschwerden real – und zugleich grundsätzlich umkehrbar.

Das biopsychosoziale Modell: drei Arten von Faktoren

Um dieses Zusammenwirken zu ordnen, hat sich ein einfaches Denkmodell bewährt – es unterscheidet drei Rollen, die Faktoren spielen können:4

Prädisponierend – Faktoren, die den Boden bereiten und die Verletzlichkeit erhöhen: etwa frühere Erkrankungen, körperliche Beschwerden, andauernde Belastungen oder belastende Lebenserfahrungen.

Auslösend – ein konkreter Anstoss, der die Beschwerden in Gang setzt: häufig ein körperliches Ereignis wie eine Verletzung, eine Infektion, eine Operation, eine Migräneattacke oder eine Panik- bzw. akute Stressreaktion.

Aufrechterhaltend – Faktoren, die das Muster festhalten: etwa ständige Selbstbeobachtung der Symptome, Angst vor Bewegung, Schonhaltung oder die Sorge, es könne doch etwas Übersehenes sein. Gerade hier liegt aber auch die Chance – denn diese Faktoren lassen sich beeinflussen.

Welche Rolle spielt ein Trauma?

Ein Trauma kann zu den prädisponierenden Faktoren gehören – belastende Lebenserfahrungen sind bei Menschen mit FNS im Durchschnitt häufiger als in Vergleichsgruppen. Voraussetzung ist es aber nicht: Ein großer Teil der Betroffenen berichtet keine solche Vorgeschichte, und FNS ist deshalb keine „versteckte psychische Erkrankung“, sondern eine eigenständige Störung der Nervensystem-Funktion.6 Diese Frage – mit den genauen Zahlen – vertieft der Beitrag „Dissoziation verstehen“; dort geht es auch um dissoziative (funktionelle) Anfälle.

Was dabei im Nervensystem passiert

Vereinfacht gesagt: Bei FNS gerät die Art, wie das Gehirn Bewegungen und Wahrnehmungen steuert und vorhersagt, aus dem Gleichgewicht. Eine große Rolle spielen dabei Aufmerksamkeit und Erwartung: Wird eine Bewegung zu stark bewusst überwacht oder eine bestimmte Störung fest „erwartet“, kann genau das die normale, automatische Steuerung blockieren. Das erklärt, warum Symptome oft nachlassen, wenn die Aufmerksamkeit abgelenkt ist, und warum sie unter Anspannung zunehmen.4 Diese Mechanismen sind zugleich der Ansatzpunkt der Behandlung.

Weiterlesen

Wie sich FNS behandeln lassen, liest du im Beitrag „Behandlung bei FNS“. Wie sie sich über die Zeit entwickeln, zeigt „Prognose bei FNS“. Und warum eine endlose Ursachensuche selbst zur Last werden kann, erklärt „Die Spirale“.

Ein anschaulicher Fallbericht des Universitätsklinikums Bonn ↗ schildert am Beispiel einer 13-Jährigen, wie lang der Weg bis zur Diagnose sein kann – und warum eine frühe, integrative Diagnostik statt endlosem Ausschluss so wichtig ist (PDF, Fachartikel).

Quellen

  1. Espay AJ, Aybek S, Carson A, et al. Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology. 2018;75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264. PMID 29868890.
  2. Aybek S, Perez DL. Diagnosis and management of functional neurological disorder. BMJ. 2022;376:o64. doi:10.1136/bmj.o64. PMID 35074803.
  3. Daum C, Hubschmid M, Aybek S. The value of ‘positive’ clinical signs for weakness, sensory and gait disorders in conversion disorder: a systematic and narrative review. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2014;85(2):180–190. doi:10.1136/jnnp-2012-304607. PMID 23572514.
  4. Hallett M, Aybek S, Dworetzky BA, et al. Functional neurological disorder: new subtypes and shared mechanisms. The Lancet Neurology. 2022;21(6):537–550. doi:10.1016/S1474-4422(21)00422-1. PMID 35430029.
  5. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“, AWMF-Registernummer 030/148, 2026.
  6. Ludwig L, Pasman JA, Nicholson T, et al. Stressful life events and maltreatment in conversion (functional neurological) disorder: systematic review and meta-analysis of case-control studies. The Lancet Psychiatry. 2018;5(4):307–320. doi:10.1016/S2215-0366(18)30051-8. PMID 29526521.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Diagnose einer FNS gehört in die Hände erfahrener Ärzt:innen, die die typischen klinischen Zeichen sicher einordnen können.

← Zurück zur Startseite