Netzwerk FNS Bundesverband für Funktionelle Neurologische Störungen (in Gründung)
Miteinander

Wenn die Gruppe verletzt

Über Mobbing, Abwertung und Aggression in Krankheits- und Selbsthilfegruppen – und warum das kein Zufall ist, sondern gut untersuchten Mustern folgt.

Selbsthilfe- und Krankheitsgruppen sollen ein Ort sein, an dem man sich sicher fühlt: verstanden, angenommen, nicht allein. Meistens sind sie genau das. Manchmal aber passiert das Gegenteil – es wird beschimpft, abgewertet, ausgegrenzt. Ausgerechnet dort, wo Menschen Halt suchen. Das ist bitter – aber es ist kein persönliches Versagen der Betroffenen und auch kein Zufall. Die Sozialwissenschaften kennen die Mechanismen dahinter recht genau.

Was Mobbing überhaupt ist

Mobbing ist nicht dasselbe wie ein einzelner Streit oder eine harte Meinung. Es hat drei Merkmale: Es ist wiederholt, es ist gegen eine Person gerichtet, und es beruht auf einem Ungleichgewicht der Kräfte – die betroffene Person kann sich schlecht wehren (Olweus, 1993). Nicht jede Reibung ist Mobbing. Aber wiederholte Herabsetzung, die einen Menschen kleinmacht, ist es.

Ein Gruppenphänomen – kein Zweikampf

Mobbing wird oft als „Täter gegen Opfer" gedacht. Die Forschung zeigt etwas anderes: Es ist ein Gruppenprozess. Neben der Person, die austeilt, gibt es Verstärker (die zustimmen oder mitlachen), Zuschauende (die schweigen) und – seltener – Verteidiger. Gerade das Schweigen der Mehrheit hält Mobbing am Leben (Salmivalli, 2010). Das heißt aber auch: Eine Gruppe kann sich entscheiden, es nicht zuzulassen.

Online sinkt die Hemmschwelle

In Online-Gruppen kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: die Online-Enthemmung. Anonymität, Unsichtbarkeit und das zeitversetzte Schreiben senken unsere natürliche Hemmschwelle. Was im direkten Gespräch die Mimik des Gegenübers abbremsen würde, fällt am Bildschirm weg – aus Nähe kann schnell Härte werden (Suler, 2004).

Warum ausgerechnet unter Betroffenen?

Man würde erwarten, dass Menschen mit ähnlichem Leid besonders solidarisch sind. Oft stimmt das auch. Doch die Soziologie beschreibt ein Gegenmuster: laterale Gewalt (auch „horizontal hostility"). Gemeint ist Aggression, die sich nicht gegen die eigentliche Quelle von Ohnmacht und Belastung richtet – etwa gegen ein System, das nicht ernst nimmt –, sondern seitwärts, gegen die eigenen Leute (White & Langer, 1999). Der aufgestaute Druck entlädt sich dort, wo es am „sichersten" scheint: in der eigenen Gruppe.

Dazu kommt die Last der Erkrankung selbst. Dauerschmerz, Angst, Erschöpfung und das ständige Ringen um Anerkennung machen dünnhäutig. Manchmal entsteht sogar eine unausgesprochene Konkurrenz darum, „wer es schwerer hat". All das erklärt, warum Töne rauer werden – aber es entschuldigt Verletzungen nicht.

Wer widerspricht, gilt als illoyal

Ein zweites Muster trifft nicht die Schwächsten, sondern die Abweichenden. Menschen überschätzen systematisch, wie viele andere ihre Auffassung teilen – ein Effekt, der in Gruppen besonders stark ausfällt, weil man dort selten Widerspruch erlebt. Und wer mit Hinweisen konfrontiert wird, dass ein Konsens gar nicht besteht, neigt dazu, den Andersdenkenden ein Defizit zuzuschreiben (Ross, Greene & House, 1977). Der Widersprechende gilt dann nicht als jemand mit anderer Erfahrung, sondern als jemand, der es nicht verstanden hat.

Wie häufig Ausgrenzung vorkommt, zeigt eine Befragung mit 2.353 Antworten aus einem großen, moderierten Peer-Support-Netzwerk: Unter den 197 geschilderten belastenden Erlebnissen war soziale Ausgrenzung mit 25,4 % das zweithäufigste (Easton et al., 2017).

Das Verletzlichkeits-Paradox

Besonders schmerzhaft ist ein Muster, das viele kennen: Wer sich in der Gruppe offen und verletzlich zeigt, bekommt nicht immer Schutz – manchmal wird genau diese Offenheit zur Angriffsfläche. Das ist keine Einbildung, sondern folgt der Logik lateraler Gewalt und ungleicher Kräfteverhältnisse: Wo Sicherheit fehlt, wird Schwäche eher bestraft als aufgefangen. Genau deshalb braucht es einen geschützten Rahmen.

Für Menschen mit FNS wiegt es doppelt

Wer mit einer Funktionellen Neurologischen Störung lebt, kämpft ohnehin oft darum, überhaupt ernst genommen zu werden – das Gefühl, sich ständig „beweisen" zu müssen, ist gut dokumentiert (Stigma-Forschung zu FNS, 2022). Wenn Abwertung dann aus der eigenen Community kommt, reißt sie genau diese Wunde wieder auf.

Was nachweislich hilft

Die gute Nachricht: Gruppen sind gestaltbar. Studien zu Online-Selbsthilfeforen zeigen, dass klare Regeln, verlässliche Moderation und ein respektvoller Umgangston Gruppen spürbar sicherer und hilfreicher machen (JMIR Mental Health, 2024). Normen wirken – wenn sie sichtbar sind und gelebt werden.

  • Klare Regeln, die von Anfang an bekannt sind.
  • Moderation, die eingreift, statt wegzusehen.
  • Kritik an der Sache – nicht an der Person.
  • Raum für Frust, aber nicht auf Kosten anderer.

Unsere Haltung

Deshalb setzen wir im Netzwerk FNS bewusst auf moderierte Räume und einen klaren, freundlichen Ton. Nicht, um Meinungen zu glätten – Widerspruch ist willkommen –, sondern damit sich niemand für seine Offenheit bestrafen lassen muss. Frust darf raus. Nur nicht auf Kosten anderer. Wir sitzen im selben Boot. 💜

Quellen

Zur Quellenlage:

Dieser Beitrag stützt sich auf etablierte Mobbingforschung (Olweus, Salmivalli), auf sozialpsychologische Arbeiten zu Online-Verhalten und zu Konflikten zwischen ähnlichen Gruppen sowie auf zwei aktuelle Übersichtsarbeiten – eine zu Online-Selbsthilfeforen, eine zum Stigma bei FNS.

Einschränkend gilt: Zu Mobbing speziell in FNS-Communitys gibt es keine Forschung. Die hier beschriebenen Mechanismen stammen aus benachbarten Feldern – aus der Schulmobbingforschung, aus der Untersuchung von Online-Foren allgemein und aus der Sozialpsychologie. Ihre Übertragung auf FNS-Gruppen ist plausibel, aber nicht eigens untersucht.

Gut belegt ist dagegen, dass Menschen mit FNS überdurchschnittlich häufig Stigmatisierung erleben – und dass Moderation für die Sicherheit von Online-Gemeinschaften entscheidend ist.

💜 Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Aufklärung und der respektvollen Gestaltung von Gemeinschaft. Er ersetzt keine individuelle Beratung.
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Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

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