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Akzeptanz: annehmen, was ist – ohne aufzugeben, was werden kann

„Du musst es halt akzeptieren." Kaum ein Satz wird chronisch kranken Menschen öfter gesagt – und kaum einer wird öfter missverstanden. Denn Akzeptanz ist beides: einer der am besten belegten Wirkfaktoren im Umgang mit Krankheit – und ein Wort, hinter dem sich manchmal auch das Gegenteil von Heilung verstecken kann. Zeit für einen ehrlichen Blick auf alle Seiten.

Das Wichtigste zuerst

  • Akzeptanz ist in der Forschung kein Aufgeben, sondern ein aktiver Prozess: aufhören, gegen das Jetzt zu kämpfen – um die Kraft für das Leben zurückzubekommen.
  • Resignation gibt das Ziel auf. Akzeptanz gibt nur den Kampf auf – das Ziel behält sie.
  • Bei FNS gilt eine feine, wichtige Linie: die Diagnose annehmen hilft nachweislich – die Symptome für unabänderlich zu erklären, wäre falsch, denn FNS ist grundsätzlich umkehrbar.
  • Akzeptanz kann auch zu schnell kommen – dann ist sie manchmal ein leiser Abschied von der Hoffnung. Und sie lässt sich nicht verordnen, weder von anderen noch von einem selbst.

Was Akzeptanz wirklich meint

Im Alltag klingt „akzeptieren" nach Kapitulation: sich abfinden, die Segel streichen, den Mund halten. Die psychologische Forschung meint fast das Gegenteil. Dort ist Akzeptanz ein aktiver, fortlaufender Prozess: die Bereitschaft, schwierige Empfindungen, Gedanken und Symptome da sein zu lassen, ohne die gesamte Kraft in ihre Bekämpfung zu stecken – und diese Kraft stattdessen wieder in das zu legen, was einem wichtig ist.1,2 Fachleute beschreiben zwei Seiten dieser Haltung: die Bereitschaft, Unangenehmes zu erleben, und die Bereitschaft, trotzdem wieder zu handeln.2

Akzeptanz ist also kein Gefühl, das man irgendwann „hat", und schon gar nicht Gleichgültigkeit. Sie ist eher eine Bewegung – jeden Tag neu: Es ist gerade so. Und ich lebe trotzdem in Richtung dessen, was mir wichtig ist. Bemerkenswert ist, was die Forschung dazu zeigt: Wie gut Menschen mit einer chronischen Erkrankung funktionieren und leben, hängt oft stärker von dieser Haltung ab als vom Ausmaß der Beschwerden selbst.2,3

Akzeptanz ist keine Resignation

Der Unterschied lässt sich in einem Satz fassen: Resignation gibt das Ziel auf. Akzeptanz gibt den Kampf auf – nicht das Ziel. Resignation sagt: „Es hat keinen Sinn mehr." Akzeptanz sagt: „Ich höre auf, mich am Unabänderlichen von heute aufzureiben – damit ich morgen wieder Spielraum habe." Das eine macht das Leben eng und still. Das andere macht es wieder weit.

Wer je versucht hat, ein Symptom mit purem Willen wegzudrücken, kennt die Bilanz dieses Kampfes: Er kostet enorm viel Kraft, er besetzt die Gedanken, und oft macht er alles schlimmer. Die Forschung nennt dieses Dauerprogramm Erlebnisvermeidung – das ständige Wegdrücken-, Kontrollieren- und Loswerden-Wollen innerer Zustände – und zählt es zu den zuverlässigsten Verstärkern von Leiden.1,3 Bei FNS kommt eine Besonderheit dazu, die Betroffene nur zu gut kennen: Viele Symptome werden stärker, je mehr Aufmerksamkeit sie bekommen. Und was ist der Kampf gegen ein Symptom anderes als Aufmerksamkeit in ihrer intensivsten Form? Akzeptanz löst genau diesen Griff. Sie nimmt Druck und Selbstbeobachtung heraus – und schafft damit die Bedingungen, unter denen Gehen, Sprechen oder Ruhe wieder „nebenbei" gelingen können.

Dass diese Haltung nicht nur tröstet, sondern wirkt, zeigt die Studienlage zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), die Akzeptanz gezielt aufbaut: Übersichtsarbeiten und Metaanalysen finden bei chronischen Erkrankungen – am besten untersucht beim chronischen Schmerz – konsistente Verbesserungen von Funktionsfähigkeit, Stimmung und Lebensqualität.3,4

Der besondere Fall FNS: den Ausgangspunkt annehmen, nicht das Ergebnis

Bei FNS hat Akzeptanz eine doppelte Rolle – und genau hier entscheidet sich, ob sie hilft oder schadet. Auf der einen Seite ist die Annahme der Diagnose nachweislich ein eigener Wirkfaktor: Wer versteht und annimmt, dass es FNS ist und warum die Beschwerden real sind, kann die zermürbende Suche nach dem „fehlenden Befund" beenden – die Leitlinien betonen diese Diagnoseakzeptanz ausdrücklich als Teil der Behandlung.5,6 Diese Akzeptanz ist ein Türöffner: raus aus der Odyssee, hinein in die Therapie.

Auf der anderen Seite ist FNS grundsätzlich umkehrbar – nicht die Struktur des Nervensystems ist geschädigt, sondern sein Zusammenspiel, und Zusammenspiel lässt sich neu einüben.5,7 Deshalb wäre es ein folgenschweres Missverständnis, „Akzeptanz" auf die Symptome selbst zu münzen und sie für dauerhaft zu erklären. Die hilfreiche Formel lautet: Man akzeptiert den Ausgangspunkt – nicht das Endergebnis. Das Jetzt annehmen und zugleich an der Besserung arbeiten ist kein Widerspruch. Es ist die Grundhaltung jeder wirksamen FNS-Therapie: heute mit dem Rollstuhl zum Termin fahren und daran arbeiten, ihn eines Tages seltener zu brauchen.

„Ich habe das total akzeptiert" – wenn Annehmen zum Festhalten wird

Und nun zur unbequemsten Facette, die in Communities selten offen ausgesprochen wird: Manchmal kommt Akzeptanz verdächtig schnell. „Ich habe das völlig akzeptiert" kann das Ergebnis eines langen, ehrlichen Weges sein – gereift, erkämpft, tragfähig. Es kann aber auch, ohne dass die Person es selbst merkt, etwas anderes bedeuten: Ich möchte eigentlich nicht mehr, dass es weggeht.

Das ist kein Vorwurf, und es geschieht nicht mit Absicht. Es hat nachvollziehbare Gründe: Eine lange Erkrankung wächst in die Identität hinein – sie ordnet den Alltag, bringt Gemeinschaft, Sprache und eine Rolle, in der man endlich gesehen wird. Genesung kann sich dann paradoxerweise wie ein Verlust anfühlen.8 Eine „Akzeptanz", die in Wahrheit dieses Gefüge schützt, ist kein Frieden mit der Krankheit – sie ist ein leiser Abschied von der Hoffnung, verkleidet als Reife. Der Unterschied ist von außen kaum zu sehen, von innen aber prüfbar, mit einer einzigen Frage: Macht meine Akzeptanz mein Leben weiter – oder hält sie es an? Öffnet sie Türen zu dem, was mir wichtig ist – oder verriegelt sie geräuschlos die Tür mit der Aufschrift „Besserung"? (Wie solche Verknüpfungen entstehen, ganz ohne Absicht, beschreibt unser Beitrag „Wenn Krankheit auch etwas gibt".)

Akzeptanz lässt sich nicht verordnen

Eine letzte Facette gehört dazu, gerade für Angehörige: Akzeptanz ist nichts, was man von einem anderen Menschen einfordern kann. „Du musst es halt annehmen" – von außen gesagt, oft gut gemeint – kommt beim Gegenüber selten als Weisheit an, sondern als Abkürzung: Hör auf, mich mit deinem Leid zu behelligen. Echte Akzeptanz reift von innen, in ihrem eigenen Tempo, und sie schließt Trauer ausdrücklich ein: um Pläne, um Selbstverständlichkeiten, um das Leben, das man sich anders vorgestellt hatte. Diese Trauer ist kein Umweg, sondern Teil des Weges – Annehmen ist immer auch Abschiednehmen.8

Und sie ist kein Schalter, sondern ein Pendel: Heute gelingt sie, morgen hadert man wieder, übermorgen liegt beides in einer Stunde. Das ist kein Rückfall und kein Versagen – so sieht der Prozess bei fast allen aus.2 Wer sich dafür verurteilt, „immer noch nicht so weit" zu sein, hat nur eine zweite Front im alten Kampf eröffnet. Auch der Umgang mit der eigenen Ungeduld darf – Akzeptanz üben.

Vier Prüfsteine für eine Akzeptanz, die trägt

  • Richtung: Bringt sie mich näher an das, was mir wichtig ist – oder weiter weg davon?
  • Spielraum: Ist mein Leben mit ihr größer geworden – oder kleiner und stiller?
  • Offenheit: Darf Besserung noch passieren – oder hätte sie inzwischen etwas zu verlieren?
  • Ton: Spreche ich mit mir wie mit einem Menschen, den ich mag – oder wie mit einem Fall, der endlich abgeschlossen gehört?

Wenn diese Fragen etwas aufwühlen: Genau dafür gibt es Psychotherapie – besonders akzeptanzbasierte Ansätze begleiten diesen Prozess wirksam. Du musst ihn nicht allein gehen.

Weiterlesen

Warum Krankheit auch etwas geben und zur Identität werden kann, vertieft „Wenn Krankheit auch etwas gibt". Warum die endlose Ursachensuche selbst zur Last wird, zeigt „Die Spirale". Und was den Verlauf wirklich beeinflusst, liest du unter „Prognose bei FNS".

Quellen

  1. Hayes SC, Strosahl KD, Wilson KG. Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change. 2. Aufl. New York: Guilford Press; 2012.
  2. Thompson M, McCracken LM. Acceptance and related processes in adjustment to chronic pain. Current Pain and Headache Reports. 2011;15(2):144–151. doi:10.1007/s11916-010-0170-2.
  3. McCracken LM, Vowles KE. Acceptance and Commitment Therapy and Mindfulness for Chronic Pain: Model, Process, and Progress. American Psychologist. 2014;69(2):178–187. doi:10.1037/a0035623.
  4. Lai L, et al. Acceptance and commitment therapy for patients with chronic pain: a systematic review and meta-analysis on psychological outcomes and quality of life. PLOS ONE. 2024;19(4):e0301226. doi:10.1371/journal.pone.0301226.
  5. Espay AJ, Aybek S, Carson A, et al. Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology. 2018;75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264.
  6. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen", AWMF-Registernummer 030/148 – u. a. zur empathischen Diagnosevermittlung und Diagnoseakzeptanz.
  7. Gelauff J, Stone J. The prognosis of functional (psychogenic) motor symptoms: a systematic review. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2014;85(2):220–226. doi:10.1136/jnnp-2013-305321.
  8. Charmaz K. Loss of self: a fundamental form of suffering in the chronically ill. Sociology of Health & Illness. 1983;5(2):168–195. doi:10.1111/1467-9566.ep10491512.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Wenn dich das Thema aufwühlt, ist das kein Makel – sondern ein guter Grund, es mit einer FNS-erfahrenen Therapeut:in weiterzudenken.

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