Wer den Eindruck hat, „FNS" sei bloß ein neues Etikett für etwas Altbekanntes, liegt an der Oberfläche nicht falsch. Und doch übersieht dieser Eindruck das Entscheidende: Zwischen „Hysterie" und „Funktioneller Neurologischer Störung" liegt kein bloßer Namenswechsel, sondern ein tiefgreifender Wandel darin, wie diese Erkrankung diagnostiziert, erklärt und behandelt wird. Dieser Beitrag zeichnet den Weg nach – von den ersten Beschreibungen in der Antike bis zur heutigen, neurowissenschaftlich fundierten Sicht – und zeigt, warum dieser Wandel für Betroffene alles andere als eine Formsache ist.
Eine alte – und häufige – Erkrankung
FNS ist keine neue Krankheit, und sie ist auch kein Randphänomen. In einer großen Untersuchung mit 3.781 neurologischen Patient:innen bildeten funktionelle und psychische Symptome die zweithäufigste Diagnosegruppe – nach Kopfschmerzen und noch vor Epilepsie.3 FNS gehört damit zu den häufigsten Diagnosen in der Neurologie überhaupt. Schätzungen gehen von einer Häufigkeit in einer Größenordnung von etwa 10 bis 20 Neuerkrankungen pro 100.000 Menschen und Jahr aus – vergleichbar mit anderen wichtigen neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose.10
Betroffen sein können Menschen jeden Geschlechts und Alters – vom Kind bis ins hohe Alter. Historisch wurden die Beschwerden vor allem bei Frauen unter dem Etikett „Hysterie" beschrieben; das hat den Blick lange verzerrt. Heute weiß man: FNS kommt bei allen Geschlechtern vor, wird bei Männern aber häufiger übersehen, gerade weil das alte Bild noch nachwirkt.
Von der Antike bis heute: eine kurze Geschichte
Ähnliche Beschwerden wurden schon vor Jahrtausenden beschrieben. Über weite Strecken der Medizingeschichte fasste man sie unter dem Begriff „Hysterie" zusammen – abgeleitet vom griechischen Wort für Gebärmutter (hystera), verbunden mit der längst widerlegten Vorstellung, ein „wanderndes" weibliches Organ verursache die Symptome. Der Begriff war damit von Beginn an mit abwertenden, geschlechtsbezogenen Annahmen beladen.
Im 19. Jahrhundert untersuchte der Pariser Neurologe Jean-Martin Charcot solche Fälle an der Salpêtrière erstmals systematisch und machte sie zum Gegenstand klinischer Vorlesungen. Um 1900 prägten Sigmund Freud und Pierre Janet die Begriffe „Konversion" und „Dissoziation": Ein seelischer Konflikt, so die Annahme, „wandle sich" in ein körperliches Symptom um. Aus dieser Idee wurde in den psychiatrischen Klassifikationen die „Konversionsstörung". Erst das DSM-5 (2013) und später die ICD-11 lösten den Begriff durch „Funktionelle Neurologische (Symptom-)Störung" ab.4
- AntikeErste Beschreibungen; der Begriff „Hysterie" verbindet die Beschwerden fälschlich mit der Gebärmutter.
- 19. JahrhundertCharcot untersucht „Hysterie" an der Salpêtrière systematisch und rückt sie in die Neurologie.
- um 1900Freud und Janet prägen „Konversion" und „Dissoziation" – das Symptom als Ausdruck eines seelischen Konflikts.
- 20. JahrhundertDie Erkrankung gerät zwischen Neurologie und Psychiatrie – ein „blinder Winkel", für den sich lange niemand zuständig fühlt.
- 2013Das DSM-5 führt „Functional Neurological Symptom Disorder" ein und verlangt positive klinische Zeichen.
- HeuteFNS gilt als eigenständige Störung der Hirnfunktion – positiv diagnostizierbar, multifaktoriell, behandelbar.
Der Name hat sich also mehrfach geändert. Wichtiger ist, was sich dahinter verändert hat – im Kern in vier Punkten.
Was FNS ist – und was nicht
Wichtig zum Verständnis: FNS bedeutet, dass das Nervensystem nicht richtig funktioniert – nicht, dass es strukturell geschädigt ist. Anders als etwa bei einem Schlaganfall oder einer Multiplen Sklerose findet man in der Bildgebung keine Läsion, die die Symptome erklärt. Das heißt aber ausdrücklich nicht, dass „nichts" da wäre: Die Beschwerden sind körperlich real und unwillkürlich – sie werden nicht vorgetäuscht oder bewusst erzeugt. „Funktionell" beschreibt genau das: eine Störung der Funktion bei erhaltener Struktur.9
Zwischen „Hysterie" und „FNS" liegt kein Etikettentausch, sondern ein Paradigmenwechsel.
Wandel 1: Von der Ausschluss- zur positiven Diagnose
Lange wurde FNS erst dann diagnostiziert, wenn „nichts gefunden" wurde – als reine Ausschlussdiagnose. Das war für viele Betroffene bitter: Sie hörten, „es sei alles in Ordnung", obwohl es das offensichtlich nicht war. Heute ist es umgekehrt: Die Diagnose wird über positive klinische Zeichen gestellt, die aktiv zeigen, dass die Störung funktioneller Natur ist.
Ein bekanntes Beispiel ist das Hoover-Zeichen bei funktioneller Beinschwäche: Die willentlich kaum mögliche Streckung des Beins kehrt reflexhaft zurück, sobald das andere Bein gegen Widerstand gebeugt wird. Bei funktionellem Tremor lässt sich häufig eine Ablenkbarkeit und ein Mitschwingen (Entrainment) mit vorgegebenen Bewegungen zeigen. Solche Zeichen sind keine „Tricks", sondern verlässliche neurologische Befunde – und das DSM-5 verlangt sie inzwischen ausdrücklich.1,5,8
Wandel 2: Kein Trauma mehr vorausgesetzt
Schon das Wort „Konversion" trug eine Annahme in sich: dass einem körperlichen Symptom stets ein verdrängter seelischer Konflikt zugrunde liegen müsse. Diese Vorgabe ist gefallen. Das DSM-5 verlangt keinen identifizierbaren psychischen Auslöser mehr – belastende Erfahrungen können eine Rolle spielen, sind aber keine Voraussetzung für die Diagnose.5
Stattdessen versteht man FNS heute als multifaktoriell: Verschiedene biologische, psychische und soziale Faktoren wirken zusammen – ähnlich wie bei vielen anderen Erkrankungen auch. Man unterscheidet dabei oft prädisponierende (z. B. eine erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems), auslösende (z. B. eine Verletzung, ein Infekt, eine akute Belastung) und aufrechterhaltende Faktoren. Ein einzelnes „Warum" gibt es meist nicht – und das zu wissen, entlastet.1,9
Wandel 3: Vom „eingebildet" zum Modell der Hirn-Netzwerke
Der vielleicht wichtigste Wandel betrifft das Verständnis selbst. FNS ist keine Einbildung und kein „Sich-Anstellen": Die Symptome sind echt und unwillkürlich. Modernes Verständnis und bildgebende Studien deuten auf eine Störung im Zusammenspiel von Hirn-Netzwerken hin – in Bereichen, die mit Aufmerksamkeit, mit dem Gefühl von Kontrolle über die eigene Bewegung (Agency) und mit der Vorhersage von Bewegungen zu tun haben.1,2
Ein gängiges Bild dafür: Es ist ein Problem der „Software", nicht der „Hardware" – die Grundstruktur des Nervensystems ist intakt, gestört ist die Art, wie Signale verarbeitet werden. Vereinfacht gesagt richtet das Gehirn zu viel Aufmerksamkeit auf einen Körperbereich und arbeitet dort mit fehlerhaften „Vorhersagen" darüber, was dieser tun wird. So entstehen Bewegungen oder Empfindungen, die sich fremd und unkontrollierbar anfühlen. Passend dazu finden bildgebende Studien eine veränderte Aktivität und Vernetzung zwischen emotionsverarbeitenden und bewegungssteuernden Hirnregionen.1
Wichtig ist dabei die ehrliche Einordnung: Diese Befunde erklären den Mechanismus auf Gruppenebene und sind ein großer Fortschritt – ein einzelner Hirnscan, der FNS bei einer bestimmten Person „beweist", existiert aber noch nicht. Die Diagnose bleibt eine klinische, gestützt auf die positiven Zeichen.8
Wandel 4: Von der Deutung zur wirksamen Behandlung
Wo früher Deutung und Psychoanalyse standen, steht heute eine evidenzbasierte, symptomspezifische Behandlung. Bei Bewegungssymptomen hilft eine spezialisierte, aktivierende Physiotherapie, die das Gehirn buchstäblich „umlernen" lässt; bei funktionellen (dissoziativen) Anfällen kommen psychologische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz. Häufig ist die Behandlung transdisziplinär – Neurologie, Physio-, Ergo- und Sprachtherapie sowie Psychotherapie greifen ineinander.7,9
Dass das wirkt, ist belegt: In der großen CODES-Studie verbesserte eine kognitive Verhaltenstherapie bei dissoziativen Anfällen mehrere wichtige Bereiche wie Lebensqualität und Funktionsniveau.6 Und ein oft unterschätzter Punkt: Die verständliche, wertschätzende Vermittlung der Diagnose ist selbst ein Teil der Behandlung. Wer erklärt bekommt, was mit dem eigenen Körper geschieht und dass es einen Namen und einen Weg gibt, kann anders damit umgehen.7
Die vier Veränderungen auf einen Blick
| Bereich | Früher | Heute |
|---|---|---|
| Diagnose | Ausschluss – „nichts gefunden" | Positive klinische Zeichen (z. B. Hoover-Zeichen) |
| Ursache | Verdrängtes Trauma vorausgesetzt | Multifaktoriell, kein Auslöser zwingend nötig |
| Verständnis | „Hysterie", Einbildung | Störung der Hirnfunktion – echt und unwillkürlich |
| Behandlung | Deutung, Psychoanalyse | Gezielte, evidenzbasierte Therapie |
Weg vom Stigma
„Hysterie" war nie ein neutraler Begriff. Er nahm Betroffene – historisch überwiegend Frauen – oft nicht ernst und schob die Beschwerden ins rein Psychische ab. FNS wurde deshalb lange als „blinder Winkel" zwischen Neurologie und Psychiatrie beschrieben, in dem sich kein Fach zuständig fühlte.2 Die Folgen spüren viele Betroffene bis heute: lange Wege bis zur richtigen Diagnose, das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, und Sätze wie „Sie sehen doch gesund aus".
Der heutige Blick überwindet die starre Trennung von „körperlich oder psychisch": FNS wird als eigenständige, ernstzunehmende Erkrankung an der Schnittstelle beider Fächer verstanden – real, häufig und behandelbar. Genau hier setzt Aufklärung an: Je selbstverständlicher der Begriff FNS wird, desto weniger Raum bleibt für das alte Stigma.
Warum ausgerechnet „funktionell"?
Der Wechsel zu „funktionell" ist kein Zufall. Begriffe wie „Hysterie" oder „psychogen" transportierten die Botschaft „alles nur im Kopf" und wurden von vielen Betroffenen als abwertend erlebt. „Funktionell" ist neutraler und zugleich präziser: Es benennt den eigentlichen Kern – eine Störung darin, wie das Nervensystem arbeitet – ohne eine bestimmte Ursache vorwegzunehmen. Und es lässt sich verständlich und ohne Schuldzuweisung erklären, was gerade im Gespräch mit Betroffenen entscheidend ist.2,9
Auf einen Blick
- FNS ist keine neue Krankheit – aber verändert hat sich viel mehr als der Name.
- Sie ist häufig: in der Neurologie eine der häufigsten Diagnosegruppen, in jedem Alter und Geschlecht.
- Diagnose: von der Ausschlussdiagnose zur positiven Diagnose über klinische Zeichen.
- Ursache: kein verdrängtes Trauma mehr vorausgesetzt; multifaktoriell.
- Verständnis: Störung der Funktion (Hirn-Netzwerke), nicht der Struktur – echt und unwillkürlich.
- Behandlung: von der Deutung zur gezielten, evidenzbasierten Therapie.
- Und: weg vom „Hysterie"-Stigma, hin zur Anerkennung als eigenständige Erkrankung.
Weiterlesen
Quellen
- Hallett M, Aybek S, Dworetzky BA, McWhirter L, Staab JP, Stone J. Functional neurological disorder: new subtypes and shared mechanisms. Lancet Neurology. 2022;21(6):537–550. doi:10.1016/S1474-4422(21)00422-1.
- Stone J. Functional neurological disorder: defying dualism. World Psychiatry. 2024;23(1):53–54. doi:10.1002/wps.21151.
- Stone J, Carson A, Duncan R, et al. Who is referred to neurology clinics? – the diagnoses made in 3781 new patients. Clinical Neurology and Neurosurgery. 2010;112(9):747–751. doi:10.1016/j.clineuro.2010.05.011.
- Hysteria to Functional Neurologic Disorders: A Historical Perspective. American Journal of Psychiatry Residents' Journal. 2019;15(1):11–13. doi:10.1176/appi.ajp-rj.2019.150111.
- American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage (DSM-5). Washington, DC: APA; 2013 – Functional Neurological Symptom Disorder (Conversion Disorder).
- Goldstein LH, Robinson EJ, Mellers JDC, et al. Cognitive behavioural therapy for adults with dissociative seizures (CODES): a pragmatic, multicentre, randomised controlled trial. Lancet Psychiatry. 2020;7(6):491–505. doi:10.1016/S2215-0366(20)30128-0.
- Weißbach A et al. (2026): Funktionelle Bewegungsstörungen. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/148, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Vollständig überarbeitete Fassung vom 2. Februar 2026, gültig bis 1. Februar 2031; unter Beteiligung von zehn weiteren Fachgesellschaften. Volltext (PDF) ↗
- Espay AJ, Aybek S, Carson A, et al. Current concepts in diagnosis and treatment of functional neurological disorders. JAMA Neurology. 2018;75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264.
- Aybek S, Perez DL. Diagnosis and management of functional neurological disorder. BMJ. 2022;376:o64. doi:10.1136/bmj.o64.
- Carson A, Lehn A. Epidemiology. In: Handbook of Clinical Neurology, Vol. 139 (Functional Neurologic Disorders). Amsterdam: Elsevier; 2016:47–60. doi:10.1016/B978-0-12-801772-2.00005-9.
Dieser Beitrag stützt sich auf internationale Fachübersichten (unter anderem The Lancet Neurology, JAMA Neurology, World Psychiatry, BMJ), auf die Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-11 sowie auf die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die historische Darstellung folgt der gängigen medizinhistorischen Lesart; einzelne Zuschreibungen – etwa wer welchen Begriff zuerst prägte – werden in der Forschung durchaus unterschiedlich bewertet. Und die Häufigkeitsangaben stammen aus internationalen Untersuchungen mit teils unterschiedlicher Methodik; belastbare Zahlen speziell für Deutschland fehlen.
Die Forschung zu FNS wird international von vergleichsweise wenigen Arbeitsgruppen getragen – einzelne Autor:innen, insbesondere Jon Stone und Alan Carson, tauchen deshalb in mehreren der hier zitierten Quellen auf. Das ist bei einem überschaubaren Fachgebiet üblich, heißt aber: Es handelt sich nicht durchweg um unabhängig gewonnene Bestätigungen.
Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.
Weiterführende Patienteninformation: neurosymptoms.org (Prof. Jon Stone).
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Er fasst den aktuellen Forschungsstand allgemein verständlich zusammen.