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VerstehenBehandlung bei FNS – was wirklich hilft
Funktionelle Neurologische Störungen sind behandelbar. Es gibt nicht die eine Pille und nicht den einen Eingriff – aber eine Reihe gut untersuchter Bausteine, die zusammen viel bewegen können. Dieser Beitrag ordnet ein, was die Forschung empfiehlt.
Nach einer FNS-Diagnose steht schnell die nächste Frage im Raum: Und was hilft jetzt? Die gute Nachricht vorweg – FNS ist grundsätzlich umkehrbar, weil nicht die Struktur des Nervensystems geschädigt ist, sondern sein Zusammenspiel gestört ist. Und Zusammenspiel lässt sich neu einüben.1 Es gibt kein Standardrezept, das für alle passt: FNS zeigt sich sehr unterschiedlich – von Schwäche und Lähmung über Bewegungsstörungen und funktionelle Anfälle bis zu Sprech- und Stimmproblemen. Deshalb wird die Behandlung auf die jeweiligen Beschwerden zugeschnitten.
Das Wichtigste zuerst
- Es gibt keine einzelne Standardtherapie – die Behandlung wird auf die Beschwerden zugeschnitten.
- Eine gut erklärte, positiv gestellte Diagnose ist selbst schon der erste Behandlungsschritt.
- Die am besten untersuchten Bausteine sind Physiotherapie (bei Bewegungssymptomen) und Psychotherapie / CBT (u. a. bei funktionellen Anfällen).
- Bei Sprech- und Stimmsymptomen hilft spezialisierte Logopädie, im Alltag oft Ergotherapie.
- Am wirksamsten ist meist ein abgestimmtes, multimodales Vorgehen – mehrere Fachrichtungen ziehen an einem Strang.
- Wichtig ist, dass die Behandelnden Erfahrung mit FNS haben.
Die Diagnose ist der erste Behandlungsschritt
Bei FNS beginnt Behandlung nicht erst mit der ersten Therapiestunde, sondern schon mit der Diagnose selbst. Fachleute betonen übereinstimmend: Eine positiv gestellte Diagnose, verständlich erklärt und mit gezeigten klinischen Zeichen, ist ein eigener Wirkfaktor.1,7 Wer versteht, was FNS ist und warum die Beschwerden echt sind, kann die zermürbende Suche nach dem „fehlenden Befund“ beenden – und Kraft frei machen für das, was hilft. Genau deshalb gehört eine gute Erklärung untrennbar zur Therapie und ist keine bloße Vorstufe. Wie die Diagnose gestellt wird und woher FNS kommt, liest du unter „Ursachen & Diagnose“.
Physiotherapie – Bewegung neu einüben
Bei funktionellen Bewegungssymptomen – Lähmung, Schwäche, Zittern, Gang- und Standstörungen – ist eine auf FNS zugeschnittene Physiotherapie ein zentraler Baustein. Sie unterscheidet sich von klassischer Reha: Statt Kraft und Ausdauer zu trainieren, geht es darum, automatische Bewegung wiederzufinden und die übermäßige Selbstbeobachtung zu lösen, die Bewegungen blockiert. Internationale Fachleute haben dafür eigene Konsensempfehlungen formuliert.2 Die Studienlage entwickelt sich noch: Eine große Studie (Physio4FMD, 2024) konnte den erhofften klaren Vorsprung einer spezialisierten Physiotherapie gegenüber der üblichen Überweisung im Hauptergebnis nicht bestätigen – wohl auch, weil schon die Vergleichsgruppe FNS-erfahren behandelt wurde.3 Übergreifende Auswertungen sehen weiterhin moderate Verbesserungen der Bewegungssymptome durch Physiotherapie.6 Entscheidend ist in der Praxis vor allem, dass die Physiotherapeut:innen mit FNS vertraut sind.
Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie
Psychotherapie ist bei FNS ein Behandlungsbaustein wie Physio-, Ergo- oder Logopädie – gleichwertig und gezielt, keine Notlösung und kein Eingeständnis, dass die Beschwerden „doch nur im Kopf“ wären. Sie setzt daran an, wie Anspannung, Aufmerksamkeit, frühere Erfahrungen und körperliche Reaktionen zusammenwirken – und wie sich dieser Kreislauf beeinflussen lässt. Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (CBT), besonders bei dissoziativen (funktionellen) Anfällen. Die große CODES-Studie zeigte, dass CBT zwar die reine Anfallshäufigkeit nicht stärker senkte als eine gute Standardbetreuung, in mehreren anderen Bereichen – Lebensqualität, Funktionsfähigkeit, Zufriedenheit – aber Vorteile brachte.4 Übergreifende Auswertungen sehen den beständigsten Nutzen von CBT dann, wenn sie in ein abgestimmtes, multimodales Behandlungskonzept eingebettet ist.6 Welche Form der Psychotherapie passt, hängt von den Beschwerden und der Lebenssituation ab.
Zwei Dinge sind dabei wichtig: Wo belastende Erfahrungen eine Rolle spielen, können sie hier ihren Platz haben – und dafür gibt es traumasensible Verfahren. Wo sich keine finden, ist Psychotherapie trotzdem sinnvoll, weil sie an Aufmerksamkeit, Erwartung und erlernten Mustern ansetzt und nicht an einer „Ursachensuche“. Und wer sie nicht möchte, hat weiterhin eine echte Erkrankung und andere wirksame Bausteine.
Logopädie – funktionelle Sprech- und Stimmstörungen
FNS kann sich auch als funktionelle Sprech-, Stimm- oder Schluckstörung zeigen – etwa als plötzliches Stottern, veränderte Stimme, Flüstersprache oder ein Gefühl von Enge im Hals. Hier hilft spezialisierte Logopädie: nicht Sprechübungen wie nach einem Schlaganfall, sondern Techniken, die die automatische, ungestörte Sprech- und Stimmproduktion wieder anbahnen. Auch dafür gibt es eigene internationale Konsensempfehlungen für die Logopädie.5
Ergotherapie und der Weg zurück in den Alltag
Während Physiotherapie an der Bewegung selbst ansetzt, hilft Ergotherapie dabei, Symptome im Alltag zu bewältigen: Aufgaben so aufzuteilen, dass sie gelingen, Ablenkungsstrategien im täglichen Tun zu nutzen, Beruf, Haushalt und Teilhabe Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Gerade bei länger bestehenden oder mehrschichtigen Beschwerden ist dieser praktische, alltagsnahe Zugang ein wertvoller Baustein im Gesamtkonzept.
Spezialisierte Reha – wenn mehrere Fäden zusammenlaufen
Bei ausgeprägten oder länger bestehenden Beschwerden ist oft ein Setting sinnvoll, in dem mehrere Fachrichtungen unter einem Dach zusammenarbeiten – stationär oder teilstationär in einer auf FNS erfahrenen Klinik. Der größte Nutzen entsteht selten durch einen einzelnen Baustein, sondern durch das abgestimmte Zusammenspiel: gemeinsame Erklärung der Diagnose, Physiotherapie, psychotherapeutische Unterstützung und, wo nötig, Logopädie und Ergotherapie greifen ineinander.1,6 In Deutschland empfiehlt auch die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ein solches multimodales, individuell abgestimmtes Vorgehen.7
Gibt es Medikamente gegen FNS?
Eine häufige und verständliche Frage – die ehrliche Antwort lautet: Es gibt kein Medikament, das die Funktionelle Neurologische Störung selbst behandelt. Weil bei FNS keine strukturelle Schädigung vorliegt, sondern das Zusammenspiel im Nervensystem gestört ist, gibt es keinen Wirkstoff, der die Symptome direkt „wegnimmt“. Die tragenden Säulen der Behandlung sind deshalb Physiotherapie, Psychotherapie und die anderen oben genannten Bausteine, nicht Tabletten.1,7
Medikamente können aber begleitend sinnvoll sein – und zwar dann, wenn zusätzlich Beschwerden bestehen, die sich gut behandeln lassen: etwa eine Depression, eine Angst- oder Schlafstörung, Migräne oder chronische Schmerzen. Werden diese gelindert, fällt oft auch der Umgang mit der FNS leichter. Von einer Behandlung der FNS selbst ist das aber zu unterscheiden. Ob und welche Medikamente im Einzelfall passen, gehört in ärztliche Hand.
Was du selbst tun kannst
Behandlung ist kein Einbahnverkehr – vieles lässt sich auch selbst unterstützen. Verlässliche, gut aufbereitete Informationen zu FNS helfen, die Erkrankung zu verstehen und Ablenkungs- und Bewegungsstrategien im Alltag anzuwenden; eine international bewährte Anlaufstelle dafür ist die Seite neurosymptoms.org von Neurolog:innen um Jon Stone.8 Ebenso wichtig: einen realistischen, geduldigen Blick zu behalten. Besserung verläuft bei FNS selten geradlinig – Rückschläge gehören dazu und bedeuten nicht, dass die Behandlung nicht wirkt. Und du musst den Weg nicht allein gehen: Austausch mit anderen Betroffenen und der Kontakt zu FNS-erfahrenen Fachleuten nehmen der Unsicherheit viel von ihrer Last.
Weiterlesen
Wie sich FNS über die Zeit entwickeln, liest du im Beitrag „Prognose bei FNS“. Warum eine endlose Ursachensuche selbst zur Last werden kann, zeigt „Die Spirale“. Und wie Dissoziation und funktionelle Anfälle zusammenhängen, erklärt „Dissoziation verstehen“.
Quellen
- Espay AJ, Aybek S, Carson A et al. (2018): Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology 75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264. doi.org ↗
- Nielsen G, Stone J, Matthews A et al. (2015): Physiotherapy for functional motor disorders – a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 86(10):1113–1119. doi:10.1136/jnnp-2014-309255. doi.org ↗
- Nielsen G, Stone J, Lee TC, et al. Specialist physiotherapy for functional motor disorder in England and Scotland (Physio4FMD): a pragmatic, multicentre, phase 3 randomised controlled trial. The Lancet Neurology. 2024;23(7):675–686. doi:10.1016/S1474-4422(24)00135-2. PMID 38768621.
- Goldstein LH, Robinson EJ, Mellers JDC, et al. Cognitive behavioural therapy for adults with dissociative seizures (CODES): a pragmatic, multicentre, randomised controlled trial. The Lancet Psychiatry. 2020;7(6):491–505. doi:10.1016/S2215-0366(20)30128-0. PMID 32445688.
- Baker J, Barnett C, Cavalli L, et al. Management of functional communication, swallowing, cough and related disorders: consensus recommendations for speech and language therapy. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2021;92(10):1112–1125. doi:10.1136/jnnp-2021-326767. PMID 34210802.
- Mavroudis I, Petrides F, Franekova K, et al. Treatment of functional neurological disorder: an umbrella review of systematic reviews and meta-analyses. Journal of Neurology. 2025;272:710. doi:10.1007/s00415-025-13449-7.
- Weißbach A et al. (2026): Funktionelle Bewegungsstörungen. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/148, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Vollständig überarbeitete Fassung vom 2. Februar 2026, gültig bis 1. Februar 2031; unter Beteiligung von zehn weiteren Fachgesellschaften. Volltext (PDF) ↗
- Stone J, et al. Functional neurological disorder – Patienteninformation. neurosymptoms.org (abgerufen 2026).
Grundlage sind randomisierte kontrollierte Studien (CODES, Physio4FMD), Konsensempfehlungen der jeweiligen Berufsgruppen sowie die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
Ehrlich gesagt gehört dazu: Beide großen Studien haben ihr Hauptziel verfehlt. In der CODES-Studie senkte die kognitive Verhaltenstherapie die Anfallshäufigkeit nicht stärker als eine gute Standardbetreuung; in Physio4FMD blieb der erhoffte Vorsprung der spezialisierten Physiotherapie im Hauptergebnis aus. Positive Effekte zeigten sich jeweils in weiteren Bereichen wie Lebensqualität und Funktionsfähigkeit – solche Nebenergebnisse haben aber eine geringere Aussagekraft als das vorab festgelegte Hauptziel.
Ein Teil der Erklärung liegt im Studienaufbau: In beiden Fällen wurde auch die Vergleichsgruppe bereits FNS-erfahren behandelt. Der Vergleich lautete also nicht „Therapie gegen nichts“, sondern „spezialisierte Therapie gegen gute Regelversorgung“.
Mehrere der hier zitierten Empfehlungen beruhen zudem auf Expertenkonsens statt auf kontrollierten Studien – erkennbar an der Bezeichnung „consensus recommendation“ in der Quellenangabe. Und wie im gesamten Fachgebiet stammen mehrere Arbeiten von denselben Forschungsgruppen.
Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Welche Behandlung im Einzelfall passt, entscheidet sich immer gemeinsam mit FNS-erfahrenen Fachleuten.