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Ableismus – was der Begriff leistet, und wo er kippt

„Ableismus“ benennt eine reale, gut belegte Form von Diskriminierung – auch und gerade im Gesundheitswesen. Zugleich wird der Begriff manchmal auf Aussagen angewendet, die keine Diskriminierung sind, sondern evidenzbasierte Medizin. Eine Einordnung mit Quellen: Wofür der Begriff da ist, wo er zu Recht trifft – und woran man erkennt, wenn er ins Leere geht.

Was Ableismus ist

Der Begriff stammt aus der US-amerikanischen Behindertenbewegung und den Disability Studies und leitet sich von „ability“ (Fähigkeit) ab. Die Ableismus-Forscherin Fiona Kumari Campbell beschreibt ihn als ein Geflecht aus Überzeugungen und Praktiken, das einen bestimmten Körper- und Fähigkeitsstandard als „normal“ und voll menschlich setzt – und Behinderung dadurch als geminderten Zustand des Menschseins erscheinen lässt.1 Ableismus heißt also: Menschen werden an ihren Fähigkeiten gemessen und über ihre Beeinträchtigung definiert – mal offen feindselig, mal subtil, mal gut gemeint. Im Deutschen überschneidet sich der Begriff mit „Behindertenfeindlichkeit“, ist aber weiter gefasst: Er schließt Strukturen, Alltagsbemerkungen („Mikroaggressionen“), mediale Klischees und verinnerlichte Abwertung ein.2 Die UN-Behindertenrechtskonvention liefert den normativen Rahmen: Behinderung entsteht aus der Wechselwirkung zwischen Beeinträchtigung und gesellschaftlichen Barrieren – nicht aus dem „Defekt“ einer Person.3

Die Sozialpsychologie unterscheidet dabei zwei Gesichter: feindseligen Ableismus (Abwertung, Ausgrenzung, Absprechen von Glaubwürdigkeit) und wohlwollenden Ableismus – überfürsorgliches Behandeln, ungefragtes „Helfen“, Entscheidungen über die Köpfe von Betroffenen hinweg, Mitleid statt Augenhöhe.4 Beides nimmt Menschen ihre Selbstbestimmung – das eine durch Verachtung, das andere durch Bevormundung.

Warum der Begriff gerade für FNS-Betroffene wichtig ist

Menschen mit Funktionellen Neurologischen Störungen erleben nachweislich überdurchschnittlich viel Stigmatisierung – auch im Gesundheitswesen selbst. Die Forschung dokumentiert das breit: abwertende Etiketten, Zweifel an der Echtheit der Beschwerden, spürbar geringeres Engagement, sobald die Diagnose fällt.5,6 Die Philosophie nennt das epistemische Ungerechtigkeit: Betroffenen wird als Zeug:innen ihres eigenen Erlebens systematisch weniger geglaubt.7,8 Wer je den Satz „Sie haben nichts“ gehört hat, obwohl das Bein nicht trug, weiß, wie sich das anfühlt. Für genau diese Erfahrungen braucht es einen Namen – und dafür ist „Ableismus“ das richtige Wort. Der Begriff ist kein Kampfbegriff, sondern ein analytisches Werkzeug: Er macht Muster sichtbar, die sonst als Einzelfälle abgetan würden.

Wo der Begriff kippt: wenn Fachlichkeit zum Vorwurf wird

So wichtig der Begriff ist – er kann auch überdehnt werden. Der Psychologe Nick Haslam hat dafür den Ausdruck concept creep geprägt: Begriffe, die Schaden und Unrecht beschreiben, weiten sich mit der Zeit aus und erfassen immer mildere und immer mehr Phänomene. Das ist teils Fortschritt – Sensibilität wächst –, birgt aber ein Risiko: Wenn alles Ableismus ist, ist es irgendwann nichts mehr; der Begriff verliert die Kraft, echte Diskriminierung zu treffen.9

Wie sieht diese Überdehnung konkret aus? Am deutlichsten wird es an einer Frage, an der sich die Debatte immer wieder entzündet – grundsätzlich gestellt, unabhängig von einzelnen Diskussionen: Ist es Ableismus, einem Menschen mit FNS zu sagen, dass ein Hilfsmittel seine Beschwerden verfestigen kann – und dass es ohne besser werden kann?

Die Antwort der Fachliteratur ist eindeutig: Nein – diese Aussage ist keine Diskriminierung, sondern der Stand der Wissenschaft. Die internationalen Konsensempfehlungen für Ergo- und Physiotherapie bei FNS raten ausdrücklich zu einer individuellen Abwägung von Hilfsmitteln: Sie können Sicherheit, Selbstständigkeit und Teilhabe ermöglichen – und sie können bei FNS gestörte Bewegungsmuster verfestigen, zu Gelenkproblemen und Dekonditionierung führen und Besserung verzögern, wenn sie unkritisch und dauerhaft eingesetzt werden.10,11,12 Der Grund ist kein Werturteil, sondern der Mechanismus der Erkrankung: Bei FNS ist das Nervensystem strukturell intakt, Funktion kann zurückkehren – eine Versorgung, die das gestörte Muster festschreibt, kann genau dieser Rückkehr im Weg stehen. Das unterscheidet die Situation grundlegend von einer strukturellen Schädigung, bei der ein Rollstuhl schlicht Mobilität herstellt und niemand ihn infrage stellt. Der Vergleich „niemand würde einem Menschen mit Querschnittlähmung den Rollstuhl ausreden“ führt deshalb in die Irre – er überträgt die Logik einer irreversiblen Schädigung auf eine Erkrankung, deren Kennzeichen die grundsätzliche Umkehrbarkeit ist.10,12

Zugleich – und das ist der Spagat, den man aushalten muss – kommt es auf das Wie an. „Wir wägen gemeinsam ab, ob dir das Hilfsmittel gerade hilft oder deine Besserung bremst“ ist evidenzbasierte, respektvolle Medizin. Dieselbe Botschaft kippt in Bevormundung, wenn sie pauschal, über den Kopf der betroffenen Person hinweg oder als Schuldzuweisung daherkommt („Du sitzt da ja freiwillig drin“) – oder wenn Hilfsmittel verweigert werden, wo sie nach Abwägung nötig sind, etwa bei Verletzungsgefahr oder anhaltenden schweren Symptomen.11,12 So viel wie nötig, so wenig wie möglich ist deshalb keine Abwertung von Hilfsmittelnutzer:innen, sondern gelebter Respekt vor ihrem Anspruch auf maximale Wiederherstellung. Wie diese Abwägung praktisch aussieht, zeigen unsere Beiträge „Hilfsmittel bei FNS – ein Balanceakt“ und „Physio, Ergo & Logopädie bei FNS“.

Verallgemeinert liegt der entscheidende Unterschied zwischen zwei Arten von Aussagen: Aussagen über Menschen und Aussagen über Maßnahmen. „Wer einen Rollstuhl nutzt, ist nicht wirklich krank“ – das ist ableistisch: Es wertet eine Person ab und spricht ihr Glaubwürdigkeit ab. „Bei FNS sollte ein Rollstuhl individuell abgewogen werden, weil er den Verlauf ungünstig beeinflussen kann“ – das ist eine evidenzbasierte Aussage über eine Maßnahme, mit dem Ziel von mehr Teilhabe, nicht weniger. Wird die zweite Aussage als Ableismus etikettiert, wird der Begriff ad absurdum geführt und kehrt sich gegen die, die er schützen soll: Betroffenen wird dann nämlich vorenthalten, was die Forschung über ihre Behandlungschancen weiß – und ihre reale Chance auf Besserung wird dem Schutz eines Begriffs geopfert. Auch das kann man bevormundend nennen.9

Fünf Prüffragen, bevor man „Ableismus“ sagt

  • Richtet sich die Aussage gegen Menschen (Wert, Glaubwürdigkeit, Zugehörigkeit) – oder bewertet sie eine Maßnahme?
  • Beruht sie auf Evidenz und lässt sie sich mit Quellen begründen – oder auf Klischees?
  • Lässt sie individuelle Abwägung zu – oder verallgemeinert sie pauschal?
  • Zielt sie auf mehr Teilhabe und Autonomie – oder auf Ausschluss und Kontrolle?
  • Wird Betroffenen die Kompetenz über ihr eigenes Erleben abgesprochen – oder wird ihnen etwas zugetraut?

Und trotzdem: Der Begriff bleibt nötig

Diese Einordnung ist kein Freibrief, jede Kritik am Ableismus-Vorwurf abzuwehren. Wohlwollender Ableismus existiert auch in der Medizin: Entscheidungen über Köpfe hinweg, ungefragtes Anfassen und „Helfen“, das Absprechen von Lebensqualität, die Annahme, man wisse besser als die Betroffenen, was gut für sie ist.4 Und FNS-Betroffene erleben real, dass ihnen nicht geglaubt wird.5,6 Beides kann gleichzeitig wahr sein: Es gibt Ableismus im Gesundheitswesen – und es gibt evidenzbasierte Behandlungsprinzipien, die keiner sind. Ein Begriff, der beides unterscheiden kann, ist stärker als einer, der alles trifft. Genau deshalb lohnt es sich, ihn präzise zu verwenden.

Weiterlesen

Warum bei Hilfsmitteln die Balance zählt, vertieft der Beitrag „Hilfsmittel bei FNS – ein Balanceakt“. Wie FNS-gerechte Therapie arbeitet, zeigt „Physio, Ergo & Logopädie“. Und warum „psychisch“ nicht „eingebildet“ heißt, erklärt „Die Psyche aus der Ecke holen“.

Quellen

  1. Campbell FK. Contours of Ableism: The Production of Disability and Abledness. London: Palgrave Macmillan; 2009. ISBN 978-0-230-57928-6.
  2. Maskos R. Ableismus und Behindertenfeindlichkeit. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de), 28.08.2023. Online ↗
  3. Vereinte Nationen. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention). 2006, in Deutschland in Kraft seit 2009 – insbes. Präambel (e) und Art. 1.
  4. Nario-Redmond MR. Ableism: The Causes and Consequences of Disability Prejudice. Hoboken: Wiley-Blackwell; 2020. ISBN 978-1-119-14207-9 (u. a. zu feindseligem und wohlwollendem Ableismus).
  5. MacDuffie KE, Grubbs L, Best T, et al. Stigma and functional neurological disorder: a research agenda targeting the clinical encounter. CNS Spectrums. 2021;26(6):587–592. doi:10.1017/S1092852920002084. PMID 33267932.
  6. A meta-ethnographic synthesis of the experiences of stigma amongst people with functional neurological disorder. Disability and Rehabilitation. 2023;45(10):1–12. doi:10.1080/09638288.2022.2155714.
  7. Fricker M. Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford: Oxford University Press; 2007.
  8. Byrne EA. Striking the balance with epistemic injustice in healthcare: the case of Chronic Fatigue Syndrome/Myalgic Encephalomyelitis. Medicine, Health Care and Philosophy. 2020;23:371–379. doi:10.1007/s11019-020-09945-4.
  9. Haslam N. Concept Creep: Psychology's Expanding Concepts of Harm and Pathology. Psychological Inquiry. 2016;27(1):1–17. doi:10.1080/1047840X.2016.1082418.
  10. Nicholson C, Edwards MJ, Carson AJ, et al. Occupational therapy consensus recommendations for functional neurological disorder. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2020;91(10):1037–1045. doi:10.1136/jnnp-2019-322281. PMID 32732388.
  11. Nielsen G, Stone J, Matthews A, et al. Physiotherapy for functional motor disorders: a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2015;86(10):1113–1119. doi:10.1136/jnnp-2014-309255. PMID 25433033.
  12. Stone J, et al. Occupational Therapy bei FND – Patienteninformation. neurosymptoms.org (abgerufen 2026).

Dieser Beitrag ist eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Einordnung, keine Rechtsberatung und kein Ersatz für individuelle medizinische Beratung. Ob und welche Hilfsmittel im Einzelfall passen, gehört in die gemeinsame Abwägung mit FNS-erfahrenen Fachleuten.

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