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Dissoziation verstehen – wenn Körper und Wirklichkeit sich fremd anfühlen

Dissoziation klingt bedrohlich, ist aber vor allem eines: ein verstehbarer Schutzmechanismus des Nervensystems – von alltäglich-flüchtig bis belastend-intensiv. Hier erfährst du, was Dissoziation ist, wie sie mit FNS zusammenhängt, was dissoziative Anfälle sind – und was hilft.

Dissoziation als Spektrum: von alltäglich (Tagträumen) über Depersonalisation und Derealisation bis zu intensiven Zuständen.
Dissoziation ist ein Spektrum – von alltäglich-flüchtig bis belastend-intensiv.

Was ist Dissoziation?

Normalerweise fügt das Gehirn all das, was uns ausmacht – Wahrnehmung, Bewegung, Gedanken, Gefühle und das Gefühl, „ich selbst" zu sein – nahtlos zu einem Ganzen zusammen. Bei einer Dissoziation entkoppeln sich Teile davon vorübergehend: Das Nervensystem schaltet gewissermaßen in einen anderen Modus. Das ist kein Zeichen von „Verrücktsein", sondern oft eine Schutzreaktion – das System dreht die Intensität herunter, wenn etwas zu viel wird.

Dissoziation ist ein Spektrum. Am harmlosen Ende steht Alltägliches: das Tagträumen oder die „Autobahn-Trance", wenn man ankommt und sich an die letzten Kilometer kaum erinnert. Weiter reicht es zur Depersonalisation (man fühlt sich vom eigenen Körper oder Selbst getrennt – „wie ferngesteuert", „wie hinter Glas") und zur Derealisation (die Umgebung wirkt unwirklich – „wie im Nebel", „wie in Watte", „wie in einem Film"). Am intensiven Ende stehen ausgeprägte dissoziative Zustände.

Wichtig zur Einordnung: Leichte, vorübergehende Depersonalisations- oder Derealisationserlebnisse sind sehr verbreitet – je nach Studie erlebt sie zwischen gut einem Viertel und drei Vierteln der Menschen mindestens einmal im Leben. Eine ausgeprägte, anhaltende Depersonalisations-/Derealisationsstörung betrifft dagegen etwa 1–2 %3. Kurz: Du bist damit weder allein noch „falsch".

Wie fühlt sich das an?

Die Beschreibungen ähneln sich oft: wie hinter einer Glasscheibe, nicht ganz im eigenen Körper, die Umwelt wie im Nebel oder in Watte. Die Zeit kann verzerrt wirken, Gefühle gedämpft oder „wie betäubt". Manche erleben sich fast wie von außen. Das kann Angst machen – gerade weil es sich so fremd anfühlt. Doch es ist ein Zustand, kein Charakterfehler, und für sich genommen nicht gefährlich6.

Dissoziation und FNS – der Zusammenhang

Funktionelle Neurologische Störungen und Dissoziation sind eng verwandt. Die aktuelle internationale Klassifikation ICD-11 führt funktionelle neurologische Symptome ausdrücklich als „dissoziative neurologische Symptomstörung" (Code 6B60)8. Und tatsächlich zeigt die Forschung: Bei Menschen mit FNS ist Dissoziation im Durchschnitt deutlich stärker ausgeprägt als bei Gesunden – eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse fand hierfür große Effekte1.

Nach dem heutigen Verständnis passt das gut zusammen: Bei FNS ist die Steuerung von Bewegung und Wahrnehmung aus dem Takt geraten – nicht die „Hardware" (Nerven, Muskeln) ist geschädigt, sondern die „Software". Ein dissoziativer Zustand ist genau so ein Moment, in dem die normale Verknüpfung von Wahrnehmung, Bewegung und Selbststeuerung kurzzeitig gestört ist. So kann Dissoziation funktionelle Symptome anstoßen oder begleiten.

Dissoziative (funktionelle) Anfälle

Ein besonders wichtiges Beispiel sind dissoziative Anfälle – auch funktionelle Anfälle genannt, früher „psychogene nicht-epileptische Anfälle". Anders als bei einer Epilepsie steckt keine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn dahinter, sondern ein vorübergehender, tranceartiger Zustand des Nervensystems6.

Sie können sehr unterschiedlich aussehen: mit heftigen Bewegungen (Zucken, Verkrampfen) oder ohne (Reglosigkeit, „weggetreten sein", oft über Minuten). Manchmal ist das Bewusstsein teilweise erhalten, ohne dass man den Anfall steuern könnte. Entscheidend – und oft missverstanden: Es geschieht automatisch. Es ist nicht so, „dass die Person das macht"6; niemand spielt das oder erzeugt es absichtlich.

Dissoziative Anfälle lassen sich an typischen Merkmalen erkennen; am sichersten mit einer Video-EEG-Aufzeichnung, mit der Fachleute die Anfallsart in etwa neun von zehn Fällen korrekt zuordnen6. Wichtig ist auch hier: Die Diagnose wird über positive Zeichen gestellt, nicht durch bloßen Ausschluss5. Häufige Auslöser sind Stress und Reizüberflutung, aber auch Ruhe ohne Ablenkung, Hyperventilation, Schmerz – und Depersonalisation6. Das ist keine „eingebildete Epilepsie", sondern eine eigenständige, reale Erkrankung.

Muss ein Trauma dahinterstecken?

Diese Frage bewegt viele – und die ehrliche Antwort lautet: manchmal, aber nicht immer. Belastende Erfahrungen und Traumata sind bei FNS im Durchschnitt häufiger als in Vergleichsgruppen. Die bislang größte Übersicht fand etwa emotionale Vernachlässigung in der Kindheit bei 49 % der Betroffenen gegenüber 20 % der Kontrollen, körperlichen Missbrauch bei 30 % gegenüber 12 % und sexuellen Missbrauch bei 24 % gegenüber 10 %; auch belastende Lebensereignisse vor Krankheitsbeginn waren häufiger2.

Aber – und das ist ebenso wichtig: Ein erheblicher Teil der Betroffenen berichtet keine solchen Erfahrungen. Dieselbe Übersicht hält ausdrücklich fest, dass belastende Ereignisse kein Kernmerkmal der Diagnose sind2. Für dich heißt das in beide Richtungen etwas Entlastendes: Wer ein Trauma in sich trägt, findet damit eine mögliche Erklärung – und wer keines findet, hat seine Beschwerden deshalb nicht „weniger echt". Niemand muss krampfhaft nach einem verborgenen Trauma suchen, um ernst genommen und behandelt zu werden. Die Beschwerden sind real, ganz unabhängig von der Vorgeschichte.

Was hilft

Die gute Nachricht: Dissoziation ist beeinflussbar und behandelbar. Im akuten Moment helfen vielen Menschen Erdungs- (Grounding-)Techniken, die sanft zurück ins Hier und Jetzt holen – zum Beispiel die Sinne nutzen (benennen, was man sieht, hört, fühlt), die Füße bewusst auf dem Boden spüren, einen Gegenstand mit deutlicher Struktur in die Hand nehmen, langsam und länger ausatmen oder sich laut orientieren („Ich bin hier, heute ist …"). Solche Übungen sind kein Wundermittel, aber sie geben ein Werkzeug an die Hand.

Längerfristig steht eine individuell abgestimmte Psychotherapie im Mittelpunkt – je nach Person verhaltenstherapeutisch, tiefenpsychologisch bzw. psychodynamisch oder, wo passend, traumafokussiert; idealerweise begleitet von Fachpersonen, die FNS wirklich kennen5. Speziell für dissoziative Anfälle ist die kognitive Verhaltenstherapie am besten untersucht (CODES-Studie), eingebettet in einen individuellen Behandlungsplan4. Begleitende Beschwerden wie Angst oder Depression mitzubehandeln, ein ruhiger Alltag, guter Schlaf und Kräfteeinteilung unterstützen den Weg. Mit Verständnis und gezielter Behandlung lässt sich vieles bessern.

Im Notfall

Dissoziation kann mit Angst oder Krisen einhergehen. Wenn du dich in einer akuten Krise befindest oder lebensmüde Gedanken hast, bist du nicht allein – wende dich sofort an:

  • 112 – Notruf bei Lebensgefahr
  • 116 123 – Telefonseelsorge (24 Stunden, kostenlos, anonym)
  • 116 117 – Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Weiterlesen

Quellen

  1. Campbell MC, Smakowski A, Rojas-Aguiluz M, et al. Dissociation and its biological and clinical associations in functional neurological disorder: systematic review and meta-analysis. BJPsych Open. 2023;9(1):e2. doi:10.1192/bjo.2022.597. PMID 36451595.
  2. Ludwig L, Pasman JA, Nicholson T, et al. Stressful life events and maltreatment in conversion (functional neurological) disorder: systematic review and meta-analysis of case-control studies. Lancet Psychiatry. 2018;5(4):307–320. doi:10.1016/S2215-0366(18)30051-8. PMID 29526521.
  3. Hunter ECM, Sierra M, David AS. The epidemiology of depersonalisation and derealisation: a systematic review. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology. 2004;39(1):9–18. doi:10.1007/s00127-004-0701-4.
  4. Goldstein LH, Robinson EJ, Mellers JDC, et al. Cognitive behavioural therapy for adults with dissociative seizures (CODES): a pragmatic, multicentre, randomised controlled trial. Lancet Psychiatry. 2020;7(6):491–505. doi:10.1016/S2215-0366(20)30128-0. PMID 32445688.
  5. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen", AWMF-Registernummer 030/148, 2026. Leitlinie ↗
  6. Stone J. Functional (Dissociative) Seizures. Patienteninformation, neurosymptoms.org. neurosymptoms.org ↗
  7. Popkirov S. Funktionelle neurologische Störungen – Erkennen, verstehen, behandeln. Springer, 2020.
  8. Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: Dissociative neurological symptom disorder (6B60).

Weiterführende Patienteninformation: neurosymptoms.org (Prof. Jon Stone) sowie die Deutsche Hirnstiftung.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Er fasst den aktuellen Forschungsstand allgemein verständlich zusammen; individuelle Verläufe können davon abweichen.

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