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Symptome & Begleiterkrankungen

FNS und Schmerzen: das Symptom, über das zu selten gesprochen wird

Fast vier von fünf Menschen mit FNS haben Schmerzen – oft schon vor der Diagnose. Trotzdem stehen Schmerzen selten im Mittelpunkt der Behandlung. Hier findest du, was dazu bekannt ist, warum Schmerz den Verlauf beeinflusst und was das für die Therapie bedeutet.

Die kurze Antwort

Schmerzen gehören bei FNS nicht zu den Randerscheinungen. In einer Befragung von Betroffenen berichteten 78 Prozent von Schmerzen bereits vor der FNS-Diagnose; bei vielen nahmen sie danach noch zu.1 Chronischer Schmerz geht funktionellen Symptomen häufig voraus und ist mit einem ungünstigeren Verlauf verbunden.2 Für die Behandlung heißt das: Schmerz gehört mitbehandelt – nicht erst, wenn alles andere erledigt ist.

Wie häufig Schmerzen sind

In einer Online-Befragung unter Menschen mit FNS gaben 78,1 Prozent an, vor der Diagnose Schmerzen gehabt zu haben, 78,0 Prozent Erschöpfung und 46,7 Prozent Schlafstörungen. Bei vielen verstärkten sich diese Beschwerden nach der Diagnose.1

Auch die Fachliteratur ordnet Schmerz inzwischen als eines der zentralen Begleitsymptome ein – nicht als Nebensache.3 Das ist eine vergleichsweise neue Sichtweise: Lange wurde vor allem auf die motorischen Symptome geschaut.

Fibromyalgie und FNS

Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankung mit ausgedehnten Schmerzen, Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Sie betrifft etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung.4

Unter Menschen mit FNS ist sie deutlich häufiger. Eine systematische Übersichtsarbeit ermittelte eine zusammengefasste Häufigkeit von rund zehn Prozent, mit Werten zwischen 4 und 18 Prozent in einzelnen Untersuchungen.4 Eine Prager Untersuchung von 2026 an 138 Menschen mit funktionellen Bewegungsstörungen fand mit den aktuellen Kriterien noch deutlich mehr – und stellte fest, dass eine begleitende Fibromyalgie mit schlechterer Lebensqualität, stärkeren motorischen Symptomen und mehr Medikamenteneinnahme einherging.4

Was das praktisch bedeutet

Wenn du neben FNS ausgedehnte Schmerzen hast, ist das kein Zeichen dafür, dass etwas übersehen wurde – und auch kein Beweis für eine zusätzliche Erkrankung. Es lohnt sich aber, das ausdrücklich anzusprechen: Wer nur wegen der Bewegungsstörung behandelt wird, bekommt für die Schmerzen unter Umständen gar nichts.

Warum Schmerz und FNS zusammenhängen könnten

Beide Beschwerdebilder zeigen in der Standarddiagnostik unauffällige Befunde – und beide sind trotzdem real. Neuere bildgebende Untersuchungen deuten auf gemeinsame Muster in der Hirnaktivität hin: in Netzwerken für sensomotorische Steuerung, für die Verarbeitung von Gefühlen und für den Bezug auf den eigenen Körper.5

Eine Übersichtsarbeit von 2025 fasst diese Befunde zusammen, betont aber ausdrücklich: Die Ergebnisse sind vorläufig und brauchen weitere Untersuchungen.5 Eine gesicherte gemeinsame Ursache ist damit nicht belegt – wohl aber ein Hinweis darauf, dass die Trennung zwischen „Bewegungsproblem“ und „Schmerzproblem“ die Sache vereinfacht.

Zentrale Sensibilisierung – das sogenannte Schmerzgedächtnis

Wenn Schmerz lange anhält, verändert sich die Verarbeitung im Nervensystem. Rückenmark und Gehirn werden empfindlicher, Schmerzsignale werden verstärkt weitergeleitet. In der Folge können schon leichte Reize oder Berührungen schmerzhaft werden, und der Schmerz besteht fort, auch wenn der ursprüngliche Auslöser längst abgeklungen ist.6

Fachlich heißt das zentrale Sensibilisierung. Umgangssprachlich hat sich dafür der Begriff „Schmerzgedächtnis“ eingebürgert – anschaulich, aber ungenau: Es wird nichts erinnert, sondern eine Verarbeitung hat sich verändert.

Für Betroffene ist daran zweierlei wichtig. Der Schmerz ist nicht eingebildet, sondern hat eine nachvollziehbare Grundlage im Nervensystem. Und: Weil es sich um eine veränderte Verarbeitung handelt und nicht um einen Gewebeschaden, greifen Schmerzmittel allein oft zu kurz.

Wie chronischer Schmerz behandelt wird

Übersicht der sechs Bausteine der multimodalen Schmerztherapie: Bewegungs- und Physiotherapie, Schmerzedukation, Psychotherapie, Entspannung und Körperwahrnehmung, Ergotherapie und ärztliche Behandlung. Darunter der Hinweis, dass 78 Prozent der Menschen mit FNS Schmerzen berichten.
Die Bausteine der multimodalen Schmerztherapie. Sie wirken zusammen – nicht nacheinander.

Der Standard bei anhaltendem Schmerz ist die multimodale Schmerztherapie: mehrere Verfahren, verzahnt und aufeinander abgestimmt, statt nacheinander ausprobiert. Sie gilt bei chronischen Schmerzen als wirksamste Behandlungsform und wird meist teilstationär oder stationär über ein bis zwei Wochen durchgeführt.7

Die Bausteine im Überblick:

Bewegungs- und Physiotherapie. Aktivierung statt Schonung; Wiederaufbau verlorener Belastbarkeit.

Schmerzedukation. Verstehen, wie chronischer Schmerz entsteht und was ihn aufrechterhält – ein eigener Wirkfaktor, kein Beiwerk.

Psychotherapie, meist als kognitive Verhaltenstherapie. Das Konsenspapier der Deutschen Schmerzgesellschaft bezeichnet sie als essenziellen Baustein, der maßgeblich zum Behandlungserfolg beiträgt.8

Entspannungs- und Körperwahrnehmungsverfahren wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training.

Ergotherapie mit Blick auf Alltag und Arbeitsfähigkeit.

Ärztliche Behandlung, einschließlich Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung der Medikamente.

Ein Missverständnis, das oft entsteht

Dass Psychotherapie zur Schmerzbehandlung gehört, wird häufig als „also ist es doch psychisch“ gelesen. Das ist ein Fehlschluss. Sie ist ein Baustein von mehreren und steht gleichrangig neben Bewegungstherapie und Edukation. Ihre Wirksamkeit bei chronischem Schmerz liegt im mittleren Bereich – sie hilft, aber sie ist keine Hauptbehandlung, und der Schmerz war nie eingebildet.

Warum Schmerz den Verlauf beeinflusst

Es gibt einen praktischen Grund, warum Schmerz bei FNS besondere Aufmerksamkeit verdient: Er kann die Behandlung blockieren. Wer starke Schmerzen hat, kann an aktivierender Physiotherapie oft nicht teilnehmen – und genau die ist bei FNS ein zentraler Baustein.3

Chronischer Schmerz geht funktionellen Symptomen zudem häufig voraus und sagt einen ungünstigeren Verlauf voraus.2 Er ist damit kein Nebenschauplatz, sondern ein Faktor, der über den Behandlungserfolg mitentscheidet.

Was du ansprechen kannst

Diese Punkte lohnen sich im Gespräch mit der behandelnden Praxis oder in der Reha:

Schmerz benennen, nicht nebenbei erwähnen. Wo, wie stark, seit wann, wodurch besser oder schlechter. Ein Schmerztagebuch über zwei Wochen sagt mehr als jede Schilderung aus dem Gedächtnis.

Fragen, ob die Schmerzen mitbehandelt werden. In manchen Programmen ist das vorgesehen, in anderen nicht. Nachfragen kostet nichts.

Bei ausgedehnten Schmerzen an Fibromyalgie denken lassen. Die Diagnose stellt heute niemand mehr über Druckpunkte, sondern über selbst berichtete Beschwerden.4 Sie zu haben ändert nichts an der FNS-Diagnose – kann aber die Behandlung erweitern.

Medikamente kritisch besprechen. Die Prager Untersuchung fand, dass Menschen mit FNS und Fibromyalgie deutlich häufiger Schmerzmittel einnahmen.4 Ob das im Einzelfall hilft, gehört in fachliche Hände – besonders bei länger dauernder Einnahme.

Was hier nicht steht

Dieser Beitrag empfiehlt keine Schmerztherapie und kein Medikament. Beides gehört in die Hand der behandelnden Praxis, die dich kennt. Was wir beitragen können, ist die Einordnung: Schmerz bei FNS ist häufig, er ist untersucht, und er verdient Aufmerksamkeit.

Quellen

  1. Functional neurological disorder: Clinical manifestations and comorbidities – an online survey (2023). Journal of Clinical Neuroscience. 97,3 % der Befragten berichteten mehr als ein FNS-Kernsymptom; 78,1 % Schmerzen, 78,0 % Erschöpfung und 46,7 % Schlafstörungen bereits vor der Diagnose, häufig mit Zunahme danach. sciencedirect.com ↗
  2. Shared neural signatures in functional neurological disorder and chronic pain: a multimodal narrative review (2025). Chronischer Schmerz geht FNS häufig voraus und sagt einen ungünstigeren Verlauf voraus. pmc.ncbi.nlm.nih.gov ↗
  3. Hallett M, Aybek S, Dworetzky BA, McWhirter L, Staab JP, Stone J (2022): Functional neurological disorder – new subtypes and shared mechanisms. Lancet Neurology 21(6):537–550. Schmerz als zentrales Begleitsymptom; Behandlung von Schmerz zunehmend als Bestandteil der FNS-Behandlung anerkannt. pubmed ↗
  4. Serranová T et al. (2026): High Prevalence and Clinical Impact of Fibromyalgia in Functional Motor Disorder. Movement Disorders Clinical Practice. doi:10.1002/mdc3.70674. 138 aufeinanderfolgende Patientinnen und Patienten mit klinisch gesicherter funktioneller Bewegungsstörung; Diagnose nach den ACR-Kriterien 2016; begleitende Fibromyalgie war mit schlechterer Lebensqualität, stärkeren motorischen Symptomen und häufigerer Medikamenteneinnahme verbunden. Zur zusammengefassten Häufigkeit von rund 10 % (Spanne 4–18 %) siehe die dort zitierte systematische Übersichtsarbeit zu Schmerz bei FNS. doi.org ↗
  5. Shared neural signatures in functional neurological disorder and chronic pain (2025). Hinweise auf gemeinsame Veränderungen in Netzwerken für sensomotorische Steuerung, Emotionsregulation und Selbstbezug; die Autorinnen und Autoren betonen den vorläufigen Charakter der Befunde. pmc.ncbi.nlm.nih.gov ↗
  6. Zur zentralen Sensibilisierung: Veränderungen in Rückenmark und Gehirn führen bei anhaltendem Schmerz zu erhöhter Empfindlichkeit; Schmerzsignale werden verstärkt weitergeleitet, sodass bereits geringfügige Reize schmerzhaft sein können. Übersichtliche Patienteninformation zum Begriffspaar zentrale Sensibilisierung und „Schmerzgedächtnis“.
  7. Deutsche Schmerzgesellschaft und Leitlinien zur Behandlung chronischer Schmerzen: Die multimodale Schmerztherapie kombiniert medizinische Behandlung, Schmerzedukation, Entspannungsverfahren, Psychotherapie, körperliche Aktivierung und Ergotherapie; sie gilt bei mehreren Formen chronischer Schmerzen als wirksamste Behandlungsform. Programme dauern in der Regel ein bis zwei Wochen.
  8. Arnold B, Brinkschmidt T, Casser HR et al.: Multimodale Schmerztherapie für die Behandlung chronischer Schmerzsyndrome. Konsensuspapier der Ad-hoc-Kommission Multimodale interdisziplinäre Schmerztherapie der Deutschen Schmerzgesellschaft. Psychotherapie als essenzieller Baustein, der maßgeblich zum Behandlungserfolg beiträgt.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung im Einzelfall. Schmerzen können viele Ursachen haben – neue oder veränderte Schmerzen gehören immer ärztlich abgeklärt, auch wenn eine FNS-Diagnose besteht. Stand: August 2026.