Netzwerk FNS Bundesverband für Funktionelle Neurologische Störungen (in Gründung)

StartThemen & Beiträge › Krankheitsgewinn & Identität

Hinschauen

Wenn Krankheit auch etwas gibt – über Krankheitsgewinn, Identität und das, was wirklich heilt

Es gibt ein Thema, über das in Patient:innen-Communities selten offen gesprochen wird, weil es so leicht missverstanden wird: dass Krankheit – neben allem Leid – manchmal auch etwas gibt. Wärme. Zuwendung. Umsorgt werden. Dieser Beitrag schaut ehrlich hin – und räumt zugleich mit dem gefährlichsten Missverständnis auf: Nichts davon geschieht mit Absicht. Und die Antwort lautet nicht „ändere deine Einstellung“.

Vorweg – damit kein Missverständnis entsteht

  • Sekundärer Krankheitsgewinn ist kein Vorwurf und hat mit Simulation oder „Ausnutzen“ nichts zu tun. FNS-Symptome sind echt und werden nicht willentlich erzeugt.
  • Es geht um Lernprozesse unterhalb des Willens – das Nervensystem verknüpft Dinge, ohne uns zu fragen.
  • Die Bedürfnisse dahinter – Wärme, Geborgenheit, Wertschätzung – sind zutiefst menschlich und legitim.
  • Was heilt, ist nicht eine „bessere Einstellung“, sondern neue Beziehungserfahrungen: Zuwendung, die nicht an Symptome geknüpft ist.

Was „sekundärer Krankheitsgewinn“ meint – und was nicht

Der Begriff stammt aus der Psychoanalyse: Sigmund Freud beschrieb, dass eine Erkrankung neben ihrem Leid auch Folgen haben kann, die etwas Entlastendes tragen – Rücksicht, Umsorgtwerden, Entpflichtung von Überforderung.1 Die Soziologie beschrieb später die „Krankenrolle“: Wer krank ist, darf Pflichten abgeben und hat Anspruch auf Fürsorge – das ist gesellschaftlich so vereinbart und zunächst völlig richtig.3

Wichtig ist, was der Begriff nicht bedeutet. Er bedeutet nicht, dass jemand seine Krankheit einsetzt, um etwas zu bekommen. Die Forschung ist hier deutlich: Der Begriff wurde in der Praxis oft missbraucht, um Patient:innen Absicht zu unterstellen – dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.2 Für FNS gilt das doppelt: Die Diagnosekriterien verlangen ausdrücklich nicht den Nachweis, dass Symptome unbeabsichtigt sind – weil Fachleute wissen, dass FNS-Symptome nicht willentlich produziert werden; absichtliches Vortäuschen ist eine völlig andere, seltene Kategorie.4,11 Wenn wir hier also über Krankheitsgewinn sprechen, sprechen wir nicht über Schuld. Wir sprechen über Lernen.

Dazu gehört auch: Schon das Wort selbst ist unglücklich gewählt. „Gewinn“ klingt nach Vorteil, Kalkül und Absicht – und legt damit genau das Missverständnis nahe, das der Begriff eigentlich nicht meint. Tatsächlich beschreibt er unbeabsichtigte Entlastungen, die niemand gewählt hat und die die Verluste durch die Erkrankung – Gesundheit, Teilhabe, Pläne, Kraft – in keiner Weise aufwiegen. Niemand „gewinnt“ durch FNS. Auch deshalb plädieren Fachleute dafür, den Begriff vorsichtig zu verwenden oder neutraler von aufrechterhaltenden Faktoren zu sprechen.2,6

Wie das Nervensystem lernt, ohne uns zu fragen

Unser Gehirn verknüpft ständig Erfahrungen – nicht, weil wir es wollen, sondern weil es so gebaut ist. Wenn auf ein Symptom verlässlich etwas Gutes folgt – jemand kommt, jemand kümmert sich, zum ersten Mal seit Langem ist da Wärme –, dann registriert das Nervensystem diese Verknüpfung. Nicht das Ich entscheidet das; es geschieht auf derselben Ebene, auf der wir auch Gehen, Gewohnheiten und Ängste lernen. Die moderne FNS-Forschung beschreibt Symptome als Ergebnis von Erwartungs- und Aufmerksamkeitsprozessen im Gehirn – Vorhersagen, die sich verselbstständigen.5 In dieses System fließt alles ein, was Symptome bedeutsam macht – auch das Gute, das ihnen folgt. So kann, ganz ohne Absicht, ein Kreislauf entstehen: Das Symptom liefert, was im Leben schmerzlich fehlt – und wird dadurch stabiler. Die Behandlungsempfehlungen zählen solche aufrechterhaltenden Faktoren ausdrücklich zu den Dingen, die in einer guten Therapie besprochen gehören – ohne Schuldzuweisung, aber auch ohne Tabu.6

Wenn Krankheit zur Identität wird

Es gibt noch eine zweite, tiefere Ebene. Eine längere Erkrankung verändert, wer wir sind: Termine, Sprache, Alltag, Kontakte – vieles organisiert sich um die Krankheit herum. Die Forschung nennt es Engulfment („Verschlungenwerden“), wenn die Erkrankung das Selbstbild so weit ausfüllt, dass daneben wenig Platz bleibt – ein Muster, das nachweislich mit schlechterem Befinden einhergeht.7,8 Dazu kommt etwas sehr Menschliches: In der Krankheit finden viele zum ersten Mal eine Gemeinschaft, die sie versteht, eine Sprache für ihr Leiden, eine Rolle, in der sie gesehen werden. Das ist ein echter Wert – und niemand gibt seine Identität freiwillig her. Genesung kann sich dann paradoxerweise wie ein Verlust anfühlen: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Kranke bin? Wer kümmert sich dann noch um mich?9

Aus Berichten von Betroffenen ist ein irritierender Moment bekannt: Eine Behandlerin oder ein Behandler sagt, es wäre doch schön, wenn vieles wieder besser würde – und statt Freude meldet sich ein flaues Gefühl. Denn das Gute, das mit der Erkrankung kam – Wärme, Geborgenheit, Wertschätzung, Umsorgtwerden –, möchte verständlicherweise niemand wieder hergeben. Ein solcher Moment ist kein Beleg dafür, dass jemand „nicht gesund werden will“. Er ist ein Zeichen ehrlichen Hinschauens – und er zeigt genau die Stelle, an der Heilung ansetzen muss.

Warum „ändere deine Einstellung“ die falsche Antwort ist

Wer bis hierhin gelesen hat, könnte den Schluss ziehen: Dann muss man eben loslassen, sich umstellen, positiv denken. Genau das ist der Kurzschluss, vor dem wir warnen möchten. Denn der Kreislauf besteht ja nicht, weil jemand falsch denkt – er besteht, weil ein reales Bedürfnis über lange Zeit nicht anders gestillt wurde. Die Wunde ist eine Beziehungswunde. Und Beziehungswunden heilen nicht durch Tabletten und nicht durch Willenskraft, sondern durch neue, korrigierende Beziehungserfahrungen: die Erfahrung, Wärme und Wertschätzung zu bekommen, ohne dass Symptome der Preis dafür sind. Die Psychotherapieforschung bestätigt das eindrucksvoll – die tragfähige therapeutische Beziehung gehört zu den stärksten bekannten Wirkfaktoren überhaupt, quer durch alle Therapieschulen.10

Praktisch heißt das: Es braucht Orte, an denen man als ganzer Mensch vorkommt – nicht nur als Patientin oder Patient. Eine Therapie, in der auch über Bedürfnisse gesprochen werden darf, nicht nur über Symptome. Beziehungen, in denen Zuwendung nicht vom Befinden abhängt. Und für Angehörige heißt es, vielleicht das Wichtigste: Sei da, wenn es gut geht – nicht nur, wenn es schlecht geht. Wer nur bei Symptomen Nähe zeigt, verstärkt ungewollt die Verknüpfung; wer Ausflüge, Fortschritte und gute Tage genauso begleitet, entkoppelt sie. Auch eine Community kann beides sein: ein Ort, der nur Leid teilt – oder einer, der Genesung mitfeiert. Wir wollen der zweite sein.

Fragen zum ehrlichen Hinschauen – ohne Schuld

  • Was hat die Erkrankung in mein Leben gebracht, das vorher gefehlt hat?
  • Wer wäre ich – und wer bliebe bei mir –, wenn es mir besser ginge?
  • Bekomme ich Wärme, Nähe und Wertschätzung auch unabhängig von Symptomen?
  • Was müsste in meinem Leben da sein, damit Gesundwerden kein Verlust wäre?
  • Mit wem kann ich über genau diese Fragen sprechen – ohne bewertet zu werden?

Diese Fragen ersetzen keine Psychotherapie – aber sie sind ein guter Anfang für eine. Es ist ein Zeichen von Stärke, sie sich zu stellen.

Weiterlesen

Warum Körper und Psyche bei FNS zusammengehören, erklärt „Die Psyche aus der Ecke holen“. Wie eine endlose Ursachensuche selbst zur Last werden kann, zeigt „Die Spirale“. Und welche Therapien konkret helfen, liest du unter „Physio, Ergo & Logopädie“ und „Behandlung bei FNS“.

Quellen

  1. Freud S. Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17), 24. Vorlesung – Begriff des primären und sekundären Krankheitsgewinns; vgl. auch „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ (1905).
  2. Fishbain DA, Rosomoff HL, Cutler RB, Rosomoff RS. Secondary Gain Concept: A Review of the Scientific Evidence. The Clinical Journal of Pain. 1995;11(1):6–21. PMID 7787338.
  3. Parsons T. The Social System. Glencoe: Free Press; 1951 (Konzept der Krankenrolle / „sick role“).
  4. Stone J, LaFrance WC Jr, Brown R, et al. Conversion disorder: current problems and potential solutions for DSM-5. Journal of Psychosomatic Research. 2011;71(6):369–376. doi:10.1016/j.jpsychores.2011.07.005 – zur Streichung des Kriteriums „nicht vorgetäuscht“; umgesetzt in: American Psychiatric Association. DSM-5. 2013.
  5. Edwards MJ, Adams RA, Brown H, Pareés I, Friston KJ. A Bayesian account of „hysteria“. Brain. 2012;135(11):3495–3512. doi:10.1093/brain/aws129.
  6. Nielsen G, Stone J, Matthews A, et al. Physiotherapy for functional motor disorders: a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2015;86(10):1113–1119. doi:10.1136/jnnp-2014-309255 (aufrechterhaltende Faktoren).
  7. Oris L, Rassart J, Prikken S, et al. Illness Identity in Adolescents and Emerging Adults With Type 1 Diabetes: Introducing the Illness Identity Questionnaire. Journal of Pediatric Psychology. 2016;41(7):715–729. doi:10.1093/jpepsy/jsw004. PMID 26989179.
  8. Van Bulck L, Luyckx K, Goossens E, Oris L, Moons P. Illness identity: Capturing the influence of illness on the person’s sense of self. European Journal of Cardiovascular Nursing. 2019;18(1):4–6. doi:10.1177/1474515118811960.
  9. Charmaz K. Loss of self: a fundamental form of suffering in the chronically ill. Sociology of Health & Illness. 1983;5(2):168–195. doi:10.1111/1467-9566.ep10491512.
  10. Flückiger C, Del Re AC, Wampold BE, Horvath AO. The alliance in adult psychotherapy: A meta-analytic synthesis. Psychotherapy. 2018;55(4):316–340. doi:10.1037/pst0000172.
  11. Bass C, Halligan P. Factitious disorders and malingering: challenges for clinical assessment and management. The Lancet. 2014;383(9926):1422–1432. doi:10.1016/S0140-6736(13)62186-8 (Abgrenzung: absichtliches Vortäuschen ist etwas grundlegend anderes als FNS).

Dieser Beitrag ersetzt keine Psychotherapie und keine ärztliche Beratung. Wenn dich diese Fragen beschäftigen, ist das kein Makel, sondern ein guter Grund, sie mit einer FNS-erfahrenen Therapeut:in weiterzudenken.

← Zurück zur Startseite