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Für Angehörige & BetroffeneWas tun bei einem funktionellen (dissoziativen) Anfall?
Ein funktioneller Anfall sieht oft dramatisch aus – und löst bei Umstehenden verständlicherweise Angst aus. Die gute Nachricht: Meist ist das Wichtigste, ruhig zu bleiben, für Sicherheit zu sorgen und da zu sein. Und ganz wichtig: Ein funktioneller Anfall wird anders begleitet als ein epileptischer. Dieser Leitfaden erklärt Schritt für Schritt, was hilft – und was man besser lässt.
Das Wichtigste zuerst
- Ruhig bleiben und dableiben. Der Anfall geht von allein vorüber. Deine Ruhe ist das wirksamste Mittel.
- Für Sicherheit sorgen – gefährliche Gegenstände wegräumen, den Kopf polstern. Aber die Person nicht festhalten und nichts in den Mund stecken.
- Reize reduzieren: Umstehende bitten, Platz zu machen; leise und beruhigend sprechen. Aufregung und viele Blicke können den Anfall verstärken.
- Kein Notfallmedikament wie bei einem epileptischen Anfall – bei funktionellen Anfällen ist das in der Regel nicht nötig und kann schaden.
- Im Zweifel – besonders beim ersten Anfall – den Rettungsdienst (112) rufen.
Was ist ein funktioneller Anfall überhaupt?
Ein funktioneller Anfall – auch dissoziativer oder nicht-epileptischer Anfall genannt – ist ein Anfall, bei dem vorübergehend die Kontrolle über Körper und Bewusstsein verloren geht. Das kann als Zittern, Verkrampfen, Zuckungen oder als „Wegtreten“ aussehen. Anders als beim epileptischen Anfall liegt dem keine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn zugrunde – das Gehirn ist strukturell in Ordnung, sein Zusammenspiel gerät nur kurzzeitig aus dem Takt.
Zwei Dinge sind entscheidend zu verstehen: Erstens ist der Anfall unwillkürlich. Niemand macht das absichtlich, niemand kann ihn per Willen stoppen – genauso wenig wie man Erröten oder Schluckauf abstellen kann. Zweitens ist er nicht gefährlich für das Gehirn: Selbst ein länger dauernder funktioneller Anfall hinterlässt keine Schäden. Und er ist behandelbar – mit der richtigen Therapie wird etwa die Hälfte der Betroffenen anfallsfrei. Mehr dazu, was in diesen Momenten passiert, liest du unter „Dissoziation verstehen“.
So hilfst du im Moment – Schritt für Schritt
- Bleib ruhig. Deine Gelassenheit überträgt sich. Panik im Raum kann den Anfall verlängern oder verstärken.
- Sorge für Sicherheit. Räume harte oder scharfe Gegenstände aus dem Weg und lege bei Bedarf etwas Weiches unter den Kopf. Zwing die Person nicht in eine Lage und halte ihre Bewegungen nicht fest.
- Reduziere Reize. Bitte Umstehende freundlich, Abstand zu halten. Weniger Lärm, weniger Blicke, weniger Hektik – das hilft dem Nervensystem, wieder herunterzufahren.
- Sprich ruhig und freundlich. Mit leiser Stimme sagen, dass die Person sicher ist und dass es vorübergeht. Auch wer nicht antworten kann, nimmt eine beruhigende Stimme oft wahr. Manchen hilft es, sanft im Hier und Jetzt anzukommen – etwa den eigenen Namen zu hören oder wahrzunehmen, wo man gerade ist.
- Gib Zeit. Der Anfall endet von allein. Es gibt nichts „abzubrechen“ – Geduld ist genau richtig.
- Danach: stabile Seitenlage, wenn die Bewegungen aufgehört haben und die Person noch nicht ganz ansprechbar ist. Bleib da, bis sie wieder vollständig da ist.
Was du besser nicht tust
- Nicht festhalten oder die Bewegungen gewaltsam stoppen – das kann Angst und Anspannung erhöhen und zu Verletzungen führen.
- Nichts in den Mund stecken – kein Löffel, kein Finger, kein Getränk. Die Vorstellung, man könne die Zunge „verschlucken“, ist ein Mythos; ein Gegenstand im Mund verletzt eher.
- Kein Notfallmedikament (z. B. Benzodiazepine), wie es für einen lang anhaltenden epileptischen Anfall gedacht ist. Bei funktionellen Anfällen ist das in der Regel nicht nötig und kann schaden.
- Nicht rütteln, wecken oder anschreien. Das ist kein Weg zurück – es erhöht nur den Stress.
- Keine Menschentraube. Viele Zuschauer und Aufregung können den Anfall verlängern.
Wann du den Rettungsdienst (112) rufen solltest
Wenn sicher bekannt ist, dass es sich um funktionelle Anfälle handelt, ist auch ein längerer Anfall nicht gefährlich, und ein Notruf ist meist nicht nötig. In diesen Situationen solltest du aber 112 rufen:
- Es ist der erste Anfall oder die Ursache ist unklar.
- Die Person hat sich ernsthaft verletzt oder atmet nicht normal.
- Ein epileptischer Anfall ist nicht auszuschließen – etwa weil zusätzlich eine Epilepsie bekannt ist und der Anfall untypisch verläuft.
- Du bist unsicher. Im Zweifel immer Hilfe holen.
Ein wichtiger Hinweis für den Notfall: Wenn Rettungskräfte kommen, hilft es sehr, ihnen zu sagen, dass funktionelle (dissoziative) Anfälle bekannt sind. Das kann unnötige und belastende Maßnahmen – etwa starke Medikamente oder eine Beatmung – vermeiden. Ein Notfallausweis oder eine kurze Notiz im Portemonnaie/Handy („Ich habe funktionelle/dissoziative Anfälle. Kein Notfallmedikament nötig. Bitte für Sicherheit sorgen und ruhig abwarten.“) kann in so einem Moment Gold wert sein.
Nach dem Anfall
Wenn der Anfall vorüber ist, brauchen viele Menschen Zeit, um wieder ganz anzukommen – sie sind oft erschöpft, verwirrt oder verlegen. Was jetzt guttut: ruhig da sein, Zeit geben, sanft reorientieren („Du bist zu Hause, es ist alles gut“). Was nicht guttut: Vorwürfe, Drängen oder Sätze wie „Reiss dich zusammen“. Der Anfall war unwillkürlich – Scham ist völlig unnötig, aber häufig. Ein einfaches „Ich bin da, lass dir Zeit“ hilft mehr als jede Frage.
Der kleine Notfallplan – zum Merken
- Ruhig bleiben – deine Gelassenheit hilft am meisten.
- Sichern – Gefahren weg, Kopf polstern, nicht festhalten.
- Reize runter – Platz schaffen, leise sprechen.
- Abwarten – der Anfall geht von allein vorbei.
- Dableiben – bis die Person wieder ganz da ist.
- 112 nur bei Verletzung, erstem Anfall oder Unsicherheit.
Weiterlesen
Quellen
- Stone J, et al. Functional (Dissociative) Seizures – Patienteninformation. neurosymptoms.org (abgerufen 2026).
- Epilepsy Action (British Epilepsy Association). Dissociative seizures (non-epileptic attack disorder / NEAD) – first aid & support. epilepsy.org.uk (abgerufen 2026).
- Deutsche Hirnstiftung. Dissoziative Anfälle: Symptome, Ursachen und Behandlung. hirnstiftung.org (abgerufen 2026).
- Deutsche Epilepsievereinigung e. V. Faltblatt „Dissoziative, nicht epileptische Anfälle“ (2024).
- Goldstein LH, Robinson EJ, Mellers JDC, et al. Cognitive behavioural therapy for adults with dissociative seizures (CODES): a pragmatic, multicentre, randomised controlled trial. The Lancet Psychiatry. 2020;7(6):491–505. doi:10.1016/S2215-0366(20)30128-0. PMID 32445688.
- Espay AJ, Aybek S, Carson A, et al. Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology. 2018;75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264. PMID 29868890.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“, AWMF-Registernummer 030/148, 2026.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn du oder eine nahestehende Person funktionelle Anfälle hat, besprich einen individuellen Notfallplan mit einer FNS- oder epilepsie-erfahrenen Fachärzt:in.