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FNS in der Kultur · HeidiKlara lernt laufen
Eine Spurensuche in Johanna Spyris Heidi
Ein Mädchen im Rollstuhl, jahrelang gelähmt – und auf der Alp lernt es wieder laufen. Unter Fachleuten kursiert die Vermutung, Johanna Spyri habe eine funktionelle Störung beschrieben. Eine Spurensuche: Was für diese Lesart spricht, was sich belegen lässt – und was die Autorin im Haus ihres Vaters gesehen haben könnte.
Die kurze Antwort
Die Vermutung liegt nahe und wird von Fachleuten geteilt, ist aber wissenschaftlich nicht belegt – uns ist keine Fachpublikation bekannt, die Klara Sesemann als Fall einer funktionellen Störung untersucht. Was sich zeigen lässt: Der von Spyri beschriebene Rahmen entspricht in mehreren Punkten dem, was heute über die Entstehung funktioneller Symptome bei Kindern bekannt ist. Und die Autorin hatte für dieses Thema eine Vorgeschichte, die kaum jemand kennt.
Was im Buch steht
Klara Sesemann, Tochter eines wohlhabenden Frankfurter Kaufmanns, ist seit Jahren gehunfähig und auf den Rollstuhl angewiesen. Eine Ursache wird nicht genannt. Die Mutter ist früh gestorben, der Vater beruflich meist abwesend. Den Alltag bestimmt Fräulein Rottenmeier, die Haushälterin: streng, korrekt, auf Anstand bedacht. Nicht bösartig – aber sie lässt keinen Raum für kindliche Bedürfnisse.
Auf der Alp ändert sich alles. Klara kommt in eine andere Umgebung, an die Sonne, in Bewegung. Sie trinkt Ziegenmilch, isst mit Appetit. Vor allem aber: Sie hat zum ersten Mal Freundinnen und Freunde – Heidi, den Großvater, den Geißenpeter. Als der Rollstuhl den Hang hinunterstürzt, muss sie stehen. Und sie steht.
Warum Fachleute an eine funktionelle Störung denken
Drei Beobachtungen fallen auf.
Erstens fehlt jede Diagnose. Spyri nennt keine Erkrankung, keinen Unfall, keine Lähmungsursache. Für eine Autorin des 19. Jahrhunderts, die medizinisch belesen war, ist das bemerkenswert – zumal sie andere Krankheiten in ihren Büchern durchaus benennt.
Zweitens passt der Verlauf nicht zu einer strukturellen Schädigung. Bei einer durchtrennten oder geschädigten Nervenbahn führt kein Weg zurück ins Gehen – nicht durch Bergluft, nicht durch Freundschaft, nicht durch einen Schreck. Wer nach Jahren wieder geht, hatte eine funktionsfähige Bahn.
Drittens beschreibt Spyri ein Umfeld, das der heutigen Fachliteratur erstaunlich genau entspricht. Ein Übersichtsartikel zu Konversionsstörungen im Kindes- und Jugendalter benennt als besonders typisch ein „emotional invalidierendes Familienklima, das den authentischen und direkten Ausdruck von Bedürfnissen und Befindlichkeiten des Kindes hemmt“.1
Auch die Literaturwissenschaft liest die Figur so: Klara lebe unter der Dominanz Fräulein Rottenmeiers, die – wenn auch ohne böse Absicht – an der Unterdrückung ihrer ungeäußerten Bedürfnisse beteiligt sei.2 Beide Beschreibungen stammen aus völlig verschiedenen Fächern und aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie treffen sich.
Was in diesem Haus fehlt
Wer die Figur ernst nimmt, sieht zuerst einen Verlust. Klaras Mutter ist tot. Wann genau, sagt der Text nicht – aber Klara ist ein Kind, und sie wächst ohne sie auf.
Der Vater lebt, ist aber fast nie da. Herr Sesemann reist beruflich, das Haus wird von Angestellten geführt. Man kann ihn schwerlich lieblos nennen: Er holt Heidi als Gesellschaft für die Tochter, er sorgt für die beste Pflege, die Geld kaufen kann. Aber er ist abwesend – und literaturwissenschaftlich lässt sich fragen, ob nicht auch er in seiner eigenen Trauer gefangen ist und mit einem kranken Kind schlicht überfordert.
An seiner Stelle steht Fräulein Rottenmeier. Sie ist zuständig für Ordnung, Anstand und Betreuung. Sie ist nicht grausam. Aber sie ist keine Bezugsperson, bei der ein Kind traurig sein darf.
Die Konstellation in einem Satz
Ein Kind verliert die Mutter, der Vater ist abwesend, an seiner Stelle steht eine Aufsicht statt einer Bindung – und in diesem Haus soll das Kind funktionieren. Die Fachliteratur zu Konversionsstörungen im Kindes- und Jugendalter nennt als Auslöser ausdrücklich traumatische Erfahrungen, akute Belastungsfaktoren und überfordernde Entwicklungsaufgaben.1
Wichtig ist dabei die Richtung der Aussage: Solche Umstände können eine Rolle spielen. Sie sind keine Voraussetzung und keine Erklärung für jeden Fall. Viele Menschen mit FNS haben keine solche Vorgeschichte – und die allermeisten Kinder mit Verlusterfahrungen entwickeln keine funktionellen Symptome.
Was Klara auf der Alp findet
Auf dem Berg bekommt sie nicht nur frische Luft. Sie macht neue Beziehungserfahrungen – und zwar genau die, die ihr zu Hause fehlen.
Heidi ist eine Freundin, die etwas von ihr will, nicht etwas für sie tut. Der Großvater trägt sie hinaus, hebt sie, stellt sie hin – zupackend, ohne Vorsicht, ohne Mitleid. Der Geißenpeter ist grob und eifersüchtig, behandelt sie also wie einen Menschen und nicht wie eine Kranke. Zum ersten Mal ist Klara Teil von etwas, statt versorgt zu werden.
Und am Ende, das gehört dazu, kommt der Vater. Er sieht seine Tochter stehen, und die Erzählung lässt keinen Zweifel daran, dass sich zwischen den beiden etwas löst. Auch diese Beziehung wird heil – nicht nur die Beine.
Was Johanna Spyri gesehen haben könnte
Hier wird es aufschlussreich. Johanna Spyri, geborene Heusser, wuchs im Doktorhaus von Hirzel auf – ihr Vater Johann Jakob Heusser war Arzt.6 Und zwar nicht irgendeiner: Er hatte sich neben der Chirurgie auf „Geisteskrankheiten“ spezialisiert und machte sich einen Namen als Betreuer und Untersucher von „Gemütskranken“, die er zu diesem Zweck in sein Haus aufnahm.6
Das Haus war so gebaut, dass es neben der Familie auch Praxis, Apotheke, Operationsraum und Unterbringung für psychisch kranke Menschen bot – Behandlungsstätte und Ort der Genesung in einem.7
Johanna Spyri ist also unter Menschen aufgewachsen, die genau solche Beschwerden hatten. Sie hat als Kind und junge Frau gesehen, wie ihr Vater sie behandelte, und vermutlich auch, dass manche wieder gesund wurden. Für eine Autorin, die eine gehunfähige Figur ohne Diagnose schreibt und sie wieder aufstehen lässt, ist das ein bemerkenswerter Hintergrund.
Und sie kannte es von innen
Nach der Geburt ihres einzigen Sohnes 1855 fiel Spyri in eine tiefe Depression, die über Jahre anhielt.8 Ihre Ehe mit dem Zürcher Juristen Bernhard Spyri gilt als unglücklich; überliefert sind Klagen über Sprachlosigkeit am gemeinsamen Tisch.9 Und sie, die auf dem Land aufgewachsen war, lebte nun in der Stadt.
Wer das weiß, liest Heidis Heimweh in Frankfurt anders. Und Klaras Leben im Frankfurter Haus – wohlhabend, versorgt, aber ohne Raum für eigene Bedürfnisse – bekommt eine biografische Tiefe.
Der zweite Fall im Buch
Übersehen wird meist, dass Spyri noch eine zweite körperliche Reaktion auf seelische Not beschreibt: Heidi selbst wird in Frankfurt krank. Sie beginnt zu schlafwandeln, nachts steht sie auf und öffnet die Haustür; die Dienerschaft hält ein Gespenst für die Ursache.
Der herbeigerufene Arzt stellt keine körperliche Erkrankung fest. Er erkennt Heimweh – und verordnet keine Medizin, sondern die Rückkehr in die Berge. Die Symptome verschwinden.
Damit hat Spyri im selben Buch zweimal beschrieben, dass Lebensumstände körperliche Symptome erzeugen – und dass deren Veränderung sie auflöst. Der Arzt, der das erkennt, ist die klügste Figur der Geschichte.
Was wir nicht behaupten
Klara ist eine erfundene Figur. Man kann sie nicht diagnostizieren, und niemand hat sie untersucht. Was sich sagen lässt: Johanna Spyri hat etwas beschrieben, das sie vermutlich beobachtet hat – Kinder, deren Körper nicht mehr mitmacht, wenn ihre Lebensumstände sie überfordern. Ein Krankheitsbegriff dafür existierte damals nicht.
Was an der Genesung zur heutigen Behandlung passt
Der Weg, den Spyri beschreibt, enthält Bestandteile, die auch heute zur Behandlung gehören – und das ist der eigentlich bemerkenswerte Teil.
Bewegung und Aktivierung. Klara wird nicht geschont, sondern hinausgetragen, gestützt, aufgestellt. Genau das entspricht dem heutigen Ansatz: Bei FNS gilt aktivierende Physiotherapie als zentraler Baustein, nicht Ruhe.3
Erwartung. Auf der Alp glauben alle, dass es besser wird – der Großvater plant es, Heidi rechnet damit. Dass diese Haltung wirkt, ist inzwischen untersucht: In der Nachauswertung der bislang größten Physiotherapie-Studie bei funktionellen Bewegungsstörungen sagte ein stärkeres Kontrollerleben eine Verbesserung voraus; die Überzeugung, die Symptome seien dauerhaft, sagte das Ausbleiben voraus.4
Beziehung. Klara erlebt zum ersten Mal, dass ihre Bedürfnisse zählen. In der Fachliteratur zu Konversionsstörungen im Kindesalter gilt genau das Gegenteil – ein Klima, in dem Bedürfnisse nicht geäußert werden dürfen – als typischer Entstehungsboden.1
Ablenkung. Klara steht nicht auf Kommando auf, sondern in einem Moment, in dem sie nicht an ihre Beine denkt. Dass funktionelle Symptome unter Ablenkung nachlassen, ist heute ein diagnostisches Merkmal – man nutzt es sogar in der Untersuchung.5
Wie realistisch ist das?
Erstaunlich realistisch, wenn man es nicht als Rezept liest.
Dass Besserung möglich ist, belegt die Forschung: In der Zusammenfassung von 30 Reha-Studien mit 1.581 Teilnehmenden verbesserten sich rund drei Viertel klinisch.3
Wie lange es dauert, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche erleben Besserung innerhalb von Wochen – manchmal schon, nachdem die Diagnose verständlich erklärt wurde. Andere brauchen länger und mehrere Anläufe. Manche kommen ohne Rehabilitation aus, für andere ist sie der entscheidende Schritt. Es gibt keinen einheitlichen Weg und keinen Zeitplan, an dem man sich messen müsste.
Was an Klaras Weg stimmt
Ihre Genesung ist keine Willensleistung, sondern das Ergebnis veränderter Umstände: eine andere Umgebung, andere Beziehungen, tägliche Bewegung, die Erwartung von Besserung. Genau das tut gute Behandlung – nicht antreiben, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Umlernen möglich wird. In dieser Hinsicht hat Johanna Spyri etwas beschrieben, das anderthalb Jahrhunderte später bestätigt wurde.
Was bleibt
Die Geschichte erzählt von einem Körper, der wieder kann, obwohl nichts kaputt war. Von einer Besserung ohne Operation und ohne Medikament. Und von einem Kind, dem niemand vorwarf, sich das eingebildet zu haben.
Fräulein Rottenmeier hätte gesagt, Klara solle sich nicht so anstellen. Der Großvater trägt sie hinaus an die Sonne.
Zwischen diesen beiden Haltungen entscheidet sich bis heute, wie es Menschen mit FNS ergeht.
Quellen
- Konversionsstörungen: Störungsbild, Diagnostik, Psychoedukation und Intervention. Kindheit und Entwicklung, Hogrefe. doi:10.1026/0942-5403/a000050. Als besonders typisch wird ein emotional invalidierendes Familienklima benannt, das den authentischen und direkten Ausdruck von Bedürfnissen und Befindlichkeiten des Kindes hemmt. hogrefe.com ↗
- Literaturwissenschaftliche Arbeit zur Figur Klara Sesemann: „Das Thema Behinderung im Kinder- und Jugendbuch. Am Beispiel von Klara Sesemann aus ‚Heidi‘.“ Beschreibt Klaras Leben unter der Dominanz Fräulein Rottenmeiers und deren Beteiligung an der Unterdrückung ihrer ungeäußerten Bedürfnisse.
- Rehabilitation Therapies for Functional Neurological Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis of Clinical Trials (2026). Journal of Neuropsychiatry and Clinical Neurosciences. 30 Studien, N = 1.581; 74 % klinische Verbesserung bei erheblicher Streuung der Effektstärken. Siehe auch unseren Beitrag Reha bei FNS.
- Which factors predict outcome from specialist physiotherapy for functional motor disorder? Prognostic modelling of the Physio4FMD intervention (2025). Journal of Psychosomatic Research. doi:10.1016/j.jpsychores.2025.112056. doi.org ↗
- Zur Abhängigkeit funktioneller Symptome von der Aufmerksamkeit: Funktionelle Bewegungsstörungen können sich verbessern, wenn der Fokus auf eine andere Bewegung oder Tätigkeit gelenkt wird; funktionelles Zittern kann verschwinden, wenn die Aufmerksamkeit auf eine andere Aufgabe gerichtet wird. Siehe auch unseren Beitrag Ursachen & Diagnose.
- Johann Jakob Heusser (1783–1859), Schweizer Arzt in Hirzel, Vater von Johanna Spyri. Er spezialisierte sich auf Chirurgie und auf Geisteskrankheiten und machte sich einen Namen als Betreuer und Untersucher von „Gemütskranken“, die er zu diesem Zweck in sein Haus aufnahm. de.wikipedia.org ↗
- Biografische Darstellung zum Doktorhaus in Hirzel: Das Haus beherbergte neben der Familie eine Praxis, eine Apotheke sowie im Anbau Platz für Operationen und die Unterbringung geistig kranker Menschen, die dort behandelt und zur Pflege aufgenommen wurden.
- Biografische Darstellungen zu Johanna Spyri: Nach der Geburt ihres einzigen Sohnes Bernhard Diethelm 1855 fiel sie in eine tiefe Depression, deren Folgen sie über Jahre begleiteten.
- Zur Ehe mit Bernhard Spyri, Jurist und späterer Stadtschreiber von Zürich: Die Ehe gilt in der biografischen Literatur übereinstimmend als nicht glücklich. Der Sohn starb 1884 mit 28 Jahren an Schwindsucht, der Ehemann im selben Jahr.
Hinweis: Dieser Beitrag ordnet eine literarische Figur ein und stellt keine Diagnose – weder für Klara Sesemann noch für Leserinnen und Leser. Heidis Lehr- und Wanderjahre erschien 1880, Heidi kann brauchen, was es gelernt hat 1881. Beide Werke sind gemeinfrei. Stand: August 2026.