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Begriffe verstehen

„Erkrankung“ oder „neurologische Symptome“? Warum das Wort den Unterschied macht

Wer hört „neurologische Erkrankung“, denkt fast automatisch: Dann muss doch irgendwo etwas kaputt sein. Genau dieser Gedanke schickt viele Betroffene auf eine jahrelange Suche nach einem Befund, den es so nicht gibt – und hält sie von einer Behandlung ab, die wirkt. Dieser Beitrag erklärt, was „funktionell“ und „neurologisch“ bei FNS genau bedeuten, warum die offiziellen Klassifikationen von Symptomen sprechen – und warum das die Beschwerden nicht kleiner macht, sondern präziser beschreibt.

Das Wichtigste zuerst

  • „Neurologisch“ heißt das Nervensystem betreffend – nicht automatisch „strukturell geschädigt“.
  • ICD-11 und DSM-5 führen FNS ausdrücklich als Störung mit neurologischen Symptomen.1,2
  • Die Diagnose wird positiv gestellt – anhand typischer klinischer Zeichen, nicht durch ein „nichts gefunden“.3,4
  • Ein unauffälliges MRT gehört zum Befund und widerlegt die Diagnose nicht.
  • Auf Gruppenebene finden Studien durchaus Unterschiede im Gehirn – als Diagnose-Test taugt Bildgebung aber nicht.5,6

Der Denkfehler: „Erkrankung“ = „etwas ist kaputt“

In der Alltagssprache sind die beiden Dinge fest verknüpft: Wer krank ist, bei dem ist etwas defekt – ein Knochen, ein Gefäß, ein Organ, eine Nervenbahn. Diese Gleichsetzung ist verständlich, weil sie für viele Erkrankungen zutrifft. Beim Schlaganfall ist Gewebe untergegangen, bei Multipler Sklerose sind Nervenhüllen geschädigt – beides ist im Bild sichtbar.

Nur gilt die Gleichung nicht allgemein. Die Medizin kennt eine ganze Reihe von Erkrankungen, bei denen die Funktion gestört ist, während die Struktur unauffällig bleibt. Bei Migräne ist das MRT normal – niemand zweifelt daran, dass Migräne eine neurologische Erkrankung ist und höllisch wehtut. Bei Epilepsie kann das EEG zwischen den Anfällen unauffällig sein, ohne dass die Diagnose dadurch fällt. Bei Herzrhythmusstörungen ist der Herzmuskel oft intakt; gestört ist die elektrische Steuerung. In allen drei Fällen würde niemand sagen: „Dann ist es also nichts.“

Kurz: Nicht die Sichtbarkeit im Bild entscheidet, ob eine Erkrankung real ist, sondern ob eine körperliche Funktion nachweisbar nicht so arbeitet, wie sie soll.

Was „funktionell“ genau meint

Bei FNS sind die Bahnen und Strukturen vorhanden – die Verarbeitung von Signalen zwischen Gehirn und Körper läuft verändert ab. Nach dem derzeit führenden wissenschaftlichen Modell spielen dabei fehlerhafte Erwartungen des Gehirns und eine zu stark auf den Körper gerichtete Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle: Das Gehirn sagt Bewegungen und Körpersignale ständig voraus – und wenn sich diese Vorhersagen verselbständigen, entstehen echte Symptome, ohne dass eine strukturelle Schädigung vorliegt.7

Ein häufig genutztes Bild ist das von Software und Hardware: Die Hardware ist intakt, die Software läuft fehlerhaft.5 Das Bild ist hilfreich – und es hat, wie unten gezeigt, eine wichtige Einschränkung.

Deshalb sagen ICD-11 und DSM-5 „Symptome“

Die beiden internationalen Klassifikationssysteme benennen genau diesen Unterschied im Namen der Diagnose. Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation führt FNS unter 6B60 als „dissoziative neurologische Symptomstörung“.1 Das DSM-5 nennt sie „funktionelle neurologische Symptomstörung“ (Functional Neurological Symptom Disorder), früher „Konversionsstörung“.2

Beide sagen also nicht „neurologische Erkrankung“, sondern beschreiben präzise, was tatsächlich vorliegt: Symptome, die dem Nervensystem zuzuordnen sind. Das ist keine Abwertung und kein Vorbehalt – es ist eine Beschreibung auf der richtigen Ebene. Der Begriff sagt: Hier zeigen sich neurologische Beschwerden. Er behauptet nicht: Hier ist Gewebe zerstört.

Im deutschen Sprachraum hat sich als Krankheitsbezeichnung dennoch „Funktionelle Neurologische Störung“ durchgesetzt – auch bei Fachgesellschaften und in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.4 Das ist kein Widerspruch: Der etablierte Name benennt das Krankheitsbild, die Klassifikation beschreibt die Ebene.

Die Diagnose entsteht nicht durch Ausschluss

Hier liegt der zweite, ebenso folgenreiche Denkfehler: Viele Betroffene erleben ihre Diagnose als Restkategorie – „man hat nichts gefunden, also FNS“. So funktioniert es heute nicht mehr. FNS ist eine Positivdiagnose: Sie wird anhand typischer klinischer Zeichen gestellt, die die untersuchende Ärztin aktiv prüft.3,4

Bei funktioneller Schwäche gehört dazu etwa das Hoover-Zeichen: Die Kraft im „gelähmten“ Bein kehrt zurück, wenn die Aufmerksamkeit auf das andere Bein gelenkt wird. Bei funktionellem Zittern sind Ablenkbarkeit und Rhythmusübernahme (Entrainment) typisch. Solche Zeichen sind keine Tricks, sondern belegen genau den Mechanismus: Die Bewegung ist möglich – die willentliche Ansteuerung ist es, die blockiert.

Praktisch bedeutet das: Ein unauffälliges MRT ist bei FNS erwartbar. Es schließt andere Ursachen aus und gehört damit zum typischen Befund – es ist kein Hinweis darauf, dass „nichts“ wäre.

Ehrlich bleiben: Ganz „unsichtbar“ ist es nicht

An dieser Stelle wäre es bequem zu sagen: Im Gehirn ist alles normal, nur die Steuerung stimmt nicht. So einfach ist die Datenlage nicht – und das spricht nicht gegen Betroffene, sondern für sie.

Bildgebungsstudien finden bei FNS auf Gruppenebene durchaus Unterschiede: in der Aktivität und Vernetzung von Netzwerken, die für Bewegungsplanung, Körperwahrnehmung, Aufmerksamkeit und Emotionsverarbeitung zuständig sind. Eine Übersichtsarbeit von Bègue und Kolleg:innen zeigt, dass sich in manchen Kohorten sogar strukturelle Unterschiede nachweisen lassen – weshalb die Autor:innen das Software-Hardware-Bild ausdrücklich als hilfreich, aber zu einfach bezeichnen. Ob solche Befunde Risikofaktoren, Folge, Anpassung oder Teil des Mechanismus sind, ist offen; in kleineren Studien fanden sich auch keine Unterschiede.5

Entscheidend für den Alltag ist die Einordnung: Diese Befunde gelten für Gruppen, nicht für den Einzelfall. Als Diagnose-Test taugt Bildgebung derzeit nicht – niemand kann an einem MRT ablesen, ob eine Person FNS hat.6 Wer also auf ein Bild wartet, das die Diagnose beweist, wartet auf etwas, das die Forschung heute nicht liefern kann. Umgekehrt gilt: Dass überhaupt messbare Unterschiede gefunden werden, unterstreicht, dass es sich um ein körperliches Geschehen handelt.

Warum die Unterscheidung praktisch wichtig ist

Es geht nicht um Wortklauberei, sondern um Folgen, die Betroffene täglich spüren:

  • Die Suche endet. Wer versteht, dass ein unauffälliger Befund zur Diagnose passt, muss nicht von Praxis zu Praxis weiterziehen, um „endlich“ etwas zu finden.
  • Die Behandlung beginnt früher. Eine früh gestellte und gut erklärte Diagnose gilt als einer der wichtigsten günstigen Faktoren überhaupt.4
  • Das Umfeld versteht besser. „Die Funktion ist gestört“ ist leichter zu erklären als „man hat nichts gefunden“ – gegenüber Familie, Arbeitgeber und Behörden.
  • Die Zuständigkeit bleibt klar. FNS gehört zu den häufigen Diagnosen in der Neurologie und wird dort gemeinsam mit anderen Fachgebieten behandelt.4,8 Die präzisere Sprache ändert daran nichts.

Was der Begriff nicht bedeutet

Damit hier kein neues Missverständnis entsteht, vier Klarstellungen:

  • „Symptomstörung“ heißt nicht, dass die Beschwerden geringer, leichter oder weniger behandlungsbedürftig wären. FNS kann den Alltag so stark einschränken wie viele strukturelle Erkrankungen.
  • Es heißt nicht, dass die Symptome willentlich erzeugt werden. Genau das schließt die Diagnose aus.
  • Es heißt nicht, dass FNS „keine richtige“ neurologische Diagnose sei. Sie ist eine anerkannte, eigenständige Diagnose mit eigenem Code.1
  • Es heißt nicht, dass Ansprüche auf Behandlung, Reha oder Teilhabeleistungen dadurch schwächer wären. Maßgeblich ist die Beeinträchtigung, nicht die Sichtbarkeit im Bild.

Fazit

„Neurologisch“ beschreibt bei FNS die Ebene – das Nervensystem –, nicht eine sichtbare Schädigung. Deshalb sprechen ICD-11 und DSM-5 von neurologischen Symptomen, und deshalb ist ein unauffälliges MRT kein Gegenbeweis, sondern Teil des Bildes. Die Diagnose steht auf eigenen Füßen: gestellt anhand positiver Zeichen, eingebettet in ein Modell, das erklärt, wie Beschwerden ohne Gewebeschaden entstehen – und, weil erlernte Muster sich wieder umlernen lassen, behandelbar.

Wer den Unterschied einmal verstanden hat, muss nicht mehr fragen: „Wo ist der Schaden?“ Sondern kann fragen: „Wie kommt die Funktion zurück?“

Quellen

  1. Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11, Kategorie 6B60 – Dissoziative neurologische Symptomstörung. icd.who.int ↗
  2. American Psychiatric Association. DSM-5: Functional Neurological Symptom Disorder (Conversion Disorder), Kapitel „Somatic Symptom and Related Disorders“.
  3. Espay AJ, Aybek S, Carson A et al. (2018): Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology 75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264. doi.org ↗
  4. Weißbach A et al. (2026): Funktionelle Bewegungsstörungen. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/148, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Vollständig überarbeitete Fassung vom 2. Februar 2026, gültig bis 1. Februar 2031; unter Beteiligung von zehn weiteren Fachgesellschaften. Volltext (PDF) ↗
  5. Bègue I, Adams C, Stone J, Perez DL (2019): Structural alterations in functional neurological disorder and related conditions – a software and hardware problem? NeuroImage: Clinical 22:101798. doi:10.1016/j.nicl.2019.101798. PMC ↗
  6. Perez DL, Nicholson TR, Asadi-Pooya AA, et al. Neuroimaging in functional neurological disorder: state of the field and research agenda. NeuroImage: Clinical. 2021;30:102623.
  7. Edwards MJ, Adams RA, Brown H, Paréés I, Friston KJ (2012): A Bayesian account of „hysteria“. Brain 135(11):3495–3512. doi:10.1093/brain/aws129. doi.org ↗
  8. Stone J, Carson A, Duncan R et al. (2010): Who is referred to neurology clinics? – The diagnoses made in 3781 new patients. Clinical Neurology and Neurosurgery 112(9):747–751. doi:10.1016/j.clineuro.2010.05.011. doi.org ↗
Zur Quellenlage:

Dieser Beitrag stützt sich auf die Klassifikationssysteme ICD-11 und DSM-5, auf Fachübersichten in JAMA Neurology und Brain sowie auf die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Zur Einordnung: Die Frage, wie FNS am treffendsten bezeichnet wird, ist in der Fachwelt selbst nicht abschließend geklärt – die Begriffe haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach geändert. Wir geben den aktuellen Stand wieder, nicht ein endgültiges Urteil.

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

Profil auf LinkedIn ↗

Stand: Juli 2026. Die Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.

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