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KrankheitsbildWas ist FNS? Funktionelle Neurologische Störungen einfach erklärt
FNS gehört zu den häufigsten Krankheitsbildern in der Neurologie – und ist trotzdem kaum bekannt. Hier findest du eine verständliche, wissenschaftlich fundierte Erklärung: was FNS ist, woran man es erkennt, wie häufig es ist und warum es behandelbar ist.
Die kurze Antwort
Eine Funktionelle Neurologische Störung (FNS, englisch Functional Neurological Disorder, FND) ist eine Erkrankung des Nervensystems, bei der nicht die Struktur geschädigt ist – wie etwa bei Schlaganfall oder Multipler Sklerose –, sondern die Funktion: Die Verarbeitung von Signalen zwischen Gehirn und Körper läuft verändert ab. Die Beschwerden – etwa Lähmungen, Zittern, Anfälle oder Sprechstörungen – sind real, nicht eingebildet und nicht willentlich erzeugt. Und weil die zugrunde liegenden Muster zum Teil erlernt sind, kann das Gehirn sie auch wieder umlernen: FNS ist behandelbar.
Was passiert bei FNS im Nervensystem?
Ein hilfreiches Bild: Beim Computer kann die Hardware kaputt sein – oder die Software fehlerhaft laufen, obwohl die Hardware intakt ist. FNS ist ein „Software-Problem“ des Nervensystems. Alle Bahnen und Strukturen sind vorhanden; MRT und Laborwerte sind deshalb typischerweise unauffällig. Nach dem derzeit führenden wissenschaftlichen Modell spielen fehlerhafte Erwartungen des Gehirns und eine zu stark auf den Körper gerichtete Aufmerksamkeit die zentrale Rolle: Das Gehirn sagt Bewegung und Körpersignale ständig voraus – und wenn sich diese Vorhersagen verselbstständigen, entstehen echte Symptome, ohne dass eine strukturelle Schädigung vorliegt.1,2 Typisch für FNS ist, dass Beschwerden stärker werden, wenn die Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist, und nachlassen, wenn sie „nebenbei“ geschehen – genau daran setzt die Behandlung an.
Ist FNS „eingebildet“ oder psychisch?
Nein – FNS ist weder eingebildet noch simuliert. Die Erkrankung ist eine anerkannte, eigenständige Diagnose (ICD-11: 6B60).3 Ältere Begriffe wie „psychogen“, „Hysterie“ oder „Konversionsstörung“ unterstellten eine rein seelische Verursachung – das heutige Verständnis geht darüber hinaus: Seelische Belastungen können eine Rolle spielen, müssen es aber nicht. Körper und Psyche wirken bei FNS zusammen, ohne dass eines das andere „widerlegt“ – psychisch mitbedingt heißt niemals unecht. Mehr dazu im Beitrag „Die Psyche aus der Ecke holen“.
Wie häufig ist FNS?
Häufiger, als viele glauben. Belastbare Zahlen speziell für Deutschland fehlen bislang; internationalen Untersuchungen zufolge machen funktionelle Störungen etwa 5 bis 15 Prozent der Patient:innen in neurologischen Kliniken aus.4 In einer viel zitierten schottischen Studie gehörten sie zu den häufigsten Vorstellungsgründen in neurologischen Ambulanzen überhaupt.5 FNS kann Menschen jeden Alters treffen und den Alltag erheblich einschränken – bekannt ist die Erkrankung trotzdem wenig. Genau deshalb gibt es unser Netzwerk.
Welche Symptome kann FNS verursachen?
FNS zeigt sich sehr unterschiedlich; häufig treten mehrere Beschwerden gemeinsam auf, sie können schwanken oder plötzlich auftreten. Zu den häufigsten Erscheinungsformen gehören:
- Funktionelle (dissoziative) Anfälle – anfallsartige Zustände, die epileptischen Anfällen ähneln, aber andere Ursachen haben.
- Bewegungsstörungen – Zittern (Tremor), Verkrampfungen (Dystonie), Zuckungen oder Störungen des Gangbilds.
- Lähmung & Schwäche – funktionelle Schwäche oder Lähmung von Armen, Beinen oder einer Körperseite.
- Empfindungs-, Seh- und Sprechstörungen – Taubheitsgefühle, Kribbeln, Stimm- und Schluckbeschwerden.
- Kognitive Beschwerden – Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, „Brain Fog“, Erschöpfung.
- Schwindel & vegetative Beschwerden – Benommenheit und Störungen des autonomen Nervensystems.
Wie wird FNS festgestellt?
Ein verbreitetes Missverständnis lautet, FNS sei eine reine „Ausschlussdiagnose“ („wir haben nichts gefunden, also ist es funktionell“). Das Gegenteil ist richtig: FNS wird heute aktiv festgestellt – anhand typischer positiver klinischer Zeichen, etwa dem Hoover-Zeichen bei funktioneller Beinschwäche oder charakteristischen Tremor-Mustern. Das betont auch die aktuelle Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.6 Eine frühe, gut erklärte Diagnose ist wichtig: Sie beendet die zermürbende Suche nach dem „fehlenden Befund“ und öffnet den Weg zur richtigen Behandlung. Ausführlich: Ursachen & Diagnose bei FNS.
Ist FNS behandelbar?
Ja. Eine Garantie gibt es nicht, aber die Beschwerden können sich deutlich bessern und teils ganz zurückgehen – auch nach längerer Krankheitsdauer. Wirksam ist meist ein abgestimmtes, multimodales Vorgehen: aktive Physiotherapie, bei Bedarf Psychotherapie sowie Ergotherapie und Logopädie, zugeschnitten auf die individuellen Beschwerden.7 Ein Medikament gegen die Grundstörung selbst gibt es nicht. Mehr dazu: Behandlung bei FNS und Physio, Ergo & Logopädie. FNS-erfahrene Anlaufstellen findest du in unserer Kliniken- und Praxenübersicht.
Häufige Fragen zu FNS
Ist FNS „eingebildet“ oder eine rein psychische Erkrankung?
Nein. Die Beschwerden bei FNS sind real. Das Nervensystem ist nicht strukturell geschädigt, aber die Verarbeitung von Signalen zwischen Gehirn und Körper läuft verändert ab. FNS ist eine anerkannte eigenständige Diagnose (ICD-11: 6B60). Seelische Belastungen können eine Rolle spielen, müssen es aber nicht – „funktionell“ bedeutet nicht „eingebildet“.
Ist FNS heilbar – können die Beschwerden wieder besser werden?
Eine Garantie gibt es nicht, aber die Beschwerden können sich deutlich bessern und teils ganz zurückgehen. Wichtig sind eine positiv gestellte, gut erklärte Diagnose und eine passende, auf FNS spezialisierte Behandlung. Auch lang bestehende Beschwerden können sich noch bessern – eine lange Krankheitsdauer bedeutet nicht, dass es „zu spät“ wäre. Mehr im Beitrag Prognose bei FNS.
Wie wird FNS festgestellt?
Nicht durch bloßes Ausschließen anderer Erkrankungen, sondern über positive klinische Zeichen (etwa das Hoover-Zeichen oder das Entrainment). Das betont auch die aktuelle DGN-Leitlinie. FNS ist also etwas, das man aktiv feststellen kann.
Welche Behandlung hilft bei FNS?
Meist eine transdisziplinäre Kombination – aktive Physiotherapie, bei Bedarf Psychotherapie sowie Ergo- oder Logopädie, abgestimmt auf die individuellen Beschwerden. Ein Medikament gegen die Grundstörung selbst gibt es nicht. Wichtig ist eine mit FNS erfahrene Begleitung.
Ist FNS selten?
Nein, eher im Gegenteil: FNS ist häufiger, als viele glauben. Verlässliche Zahlen speziell für Deutschland fehlen zwar; internationalen Schätzungen zufolge machen funktionelle Störungen aber etwa 5 bis 15 % der Patient:innen in neurologischen Kliniken aus. Bekannt ist die Erkrankung trotzdem wenig.
Woran erkenne ich eine geeignete Anlaufstelle?
Weil sich die FNS-Behandlung von klassischen Ansätzen unterscheidet, lohnt der Weg zu einer spezialisierten oder erfahrenen Stelle. Eine wachsende Übersicht von Kliniken, Zentren und Praxen findest du auf unserer Seite Kliniken & Praxen.
Weiterlesen
Quellen
- Edwards MJ, Adams RA, Brown H, Pareés I, Friston KJ. A Bayesian account of „hysteria“. Brain. 2012;135(11):3495–3512. doi:10.1093/brain/aws129.
- Espay AJ, Aybek S, Carson A, et al. Current Concepts in Diagnosis and Treatment of Functional Neurological Disorders. JAMA Neurology. 2018;75(9):1132–1141. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1264.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11, Kategorie 6B60: Dissoziative neurologische Symptomstörung.
- Systematische Übersicht zur Häufigkeit funktioneller neurologischer Störungen in der Neurologie. 2024. PMID 39663114.
- Stone J, Carson A, Duncan R, et al. Who is referred to neurology clinics? – The diagnoses made in 3781 new patients. Clinical Neurology and Neurosurgery. 2010;112(9):747–751. doi:10.1016/j.clineuro.2010.05.011.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“, AWMF-Registernummer 030/148.
- Nielsen G, Stone J, Matthews A, et al. Physiotherapy for functional motor disorders: a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2015;86(10):1113–1119; sowie Baker J, et al. (Logopädie, 2021) und Nicholson C, et al. (Ergotherapie, 2020), beide ebd.
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