Netzwerk FNS Bundesverband für Funktionelle Neurologische Störungen (in Gründung)
Faktencheck von Netzwerk FNS – ein stilisierter Kopf mit Fragezeichen
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Der Faktencheck

Über FNS kursieren viele Behauptungen – in Praxen, in Gruppen, im Netz. Hier greifen wir sie einzeln auf, prüfen sie an Quellen und ordnen sie ein. In klarer Sprache, ohne jemanden bloßzustellen.

Diese Rubrik wächst Stück für Stück. Jeder Faktencheck erscheint zuerst als Beitrag auf Instagram und wird hier dauerhaft gesammelt – mit Verweis auf die ausführlichen Artikel.

Faktencheck #15 · September 2026

„Funktionelle Anfälle sind lebensgefährlich.“

Falsch

Beim Status epilepticus führt anhaltende elektrische Aktivität im Gehirn zu Kreislauf- und Atemversagen. Bei funktionellen Anfällen gibt es diesen Vorgang nicht – auch nicht bei langer Dauer. Fachleute halten auch verlängerte funktionelle Anfälle für nicht gefährlich.

Die Zahl, die dagegen zitiert wird, zeigt etwas anderes: Die Sterblichkeit ist zwar erhöht, in einer US-Studie mit 700 Betroffenen hatten aber alle Verstorbenen erhebliche Begleiterkrankungen – Schlaganfall, neurodegenerative Erkrankungen, Krebs. Die Anfälle waren nicht die Todesursache.

Gefährlich wird die Verwechslung. In einer großen Studie zum Status epilepticus stellte sich bei 10 Prozent der behandelten Fälle heraus, dass es verlängerte funktionelle Anfälle waren – mit den Risiken hoher Beruhigungsmittelgaben, Beatmung und Intensivstation.

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Faktencheck #14 · September 2026

„Mit FNS bekommt man keinen Pflegegrad.“

Falsch

Nach dem Sozialgesetzbuch XI richtet sich der Pflegegrad nach der Schwere der Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten. Die Diagnose kommt darin nicht vor.

Seit der Reform von 2017 sind körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen bei der Begutachtung ausdrücklich gleichgestellt. Gemessen wird nicht mehr in Minuten, sondern in Selbständigkeit.

Ein Tipp für die Begutachtung: den schlechten Tag nicht ausklammern. Wer nur den besten Tag schildert, bekommt eine Einschätzung für den besten Tag.

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Faktencheck #13 · September 2026

„FNS ist neurologisch – also nicht psychisch.“

Teils

Der erste Teil stimmt. FNS steht in der internationalen Klassifikation bei den Erkrankungen des Nervensystems. Neurologisch heißt dabei nicht strukturell: Auch Migräne ist neurologisch, ohne dass sich etwas im Bild zeigt.

Falsch ist das „nicht“. Aus dem einen folgt das andere nämlich nicht – das wäre dieselbe Ausschlusslogik wie „kein Befund, also eingebildet“, nur in die andere Richtung.

Neurologisch und psychisch beschreiben dieselbe Sache auf verschiedene Weise. Jeder psychische Vorgang hat eine neuronale Entsprechung. Und keines ist eine Unterabteilung des anderen.

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Faktencheck #12 · August 2026

„Mir geht es psychisch gut – also kann die Psyche nichts damit zu tun haben.“

Falsch

Der Schluss liegt nahe. Nur sind Gefühl und Körperreaktion zwei verschiedene Systeme, bei allen Menschen. Der Körper kann in einen Erregungszustand gehen, ohne dass ein passendes Gefühl bewusst wird.

Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: Panikattacke ohne Panik. Und einen Messbefund, der die Erwartung umkehrt.

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Faktencheck #11 · August 2026

„Auch Kinder und Jugendliche können eine FNS haben.“

Stimmt

Ein Kind spricht von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Ein Jahr lang. Alle Untersuchungen sind unauffällig.

FNS ist keine Erwachsenendiagnose. In einer schottischen Erhebung erkrankten 18 von 100.000 Kindern pro Jahr neu, das mittlere Alter lag bei dreizehn.

Was dabei am häufigsten auftritt, was oft mitläuft und was mit dem weiteren Verlauf zusammenhängt, steht in den Kacheln auf Instagram.

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Faktencheck #10 · August 2026

„Mit einer FNS darf man kein Auto mehr fahren.“

Falsch

Diesen Satz hört man oft – und er stimmt so nicht. Es gibt kein pauschales Verbot, weil nicht die Diagnose beurteilt wird, sondern die Symptome.

Was tatsächlich zählt, wo die Verantwortung liegt und warum manche unnötig auf den Führerschein verzichten, steht ausführlich im Beitrag „FNS und Autofahren“.

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Mehr dazu: FNS und Autofahren
Faktencheck #9 · August 2026

„Der Auslöser ist die Ursache.“

Falsch

„Seit meiner OP ist das so.“ Eine Operation. Ein Autounfall. Ein Sturz. Ein Infekt. Eine Narkose. Eine Trennung. Ein Todesfall. Eine Panikattacke. Ein Bandscheibenvorfall.

Das alles können Auslöser einer FNS sein. Die alleinige Ursache sind sie nicht.

Warum das ein Unterschied ist – und warum daran hängt, woran eine Behandlung überhaupt ansetzen kann: Das steht im Beitrag.

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Faktencheck #7 · August 2026

„Endlich die Diagnose FNS – dann ist es also doch nicht psychisch.“

Falsch

Diesen Satz hört man oft. Er ist verständlich. Und er stimmt nicht.

Dahinter steckt eine Gleichsetzung, die sich festgesetzt hat: psychisch gleich eingebildet. In dem Wort steckt das nicht drin.

Wer beides trennt, verliert einen Grund, sich zu wehren – und gewinnt eine Behandlungsmöglichkeit dazu.

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Faktencheck #6 · August 2026

„Auch mit einer FNS kann man einen Grad der Behinderung bekommen.“

Stimmt

Bewertet wird nämlich nicht die Diagnose, sondern die Funktionsbeeinträchtigung und ihre Auswirkung auf die Teilhabe. Dass FNS in keiner GdB-Tabelle steht, ist deshalb kein Ausschluss: Erkrankungen, die dort fehlen, werden im Vergleich zu ähnlichen Beeinträchtigungen bewertet.

Berücksichtigt werden alle Lebensbereiche, nicht nur die Arbeit. Auch wer in Vollzeit arbeitet, kann einen hohen GdB haben.

Ein Automatismus ist das trotzdem nicht. Entscheidend ist, wie gut die Beeinträchtigungen ärztlich dokumentiert sind.

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Faktencheck #5 · August 2026

„Man kann FNS haben und zugleich eine andere neurologische Erkrankung.“

Stimmt

FNS ist keine Ausschlussdiagnose. Wäre sie es, würde jeder neue Befund sie aufheben. So wird sie aber nicht gestellt: FNS wird an positiven klinischen Zeichen erkannt – etwa am Hoover-Zeichen, an Ablenkbarkeit und Inkonsistenz. Diese Zeichen bleiben nachweisbar, auch wenn später noch etwas anderes dazukommt.

Der häufigste Denkfehler: „Jetzt wurde doch etwas gefunden – dann war es nie FNS.“ Ein neuer Befund kann einen Teil der Beschwerden erklären. Er löscht die funktionellen Zeichen nicht aus.

Zahlen aus spezialisierten Zentren: Gut jede fünfte Person mit funktionellen Anfällen hatte zusätzlich eine Epilepsie, etwa jede achte Person mit Epilepsie zusätzlich funktionelle Anfälle (Kutlubaev et al., Epilepsy & Behavior 2018). Die Spannweiten sind groß – auf die Allgemeinbevölkerung lassen sich diese Werte nicht übertragen.

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Faktencheck #4 · August 2026

„FNS ist selten."

Falsch

FNS ist nicht seltener als Multiple Sklerose – nur viel weniger bekannt. Die Zahl der Neuerkrankungen liegt bei etwa 4 bis 12 pro 100.000 Menschen im Jahr, vergleichbar mit MS und ALS.

In neurologischen Sprechstunden gehört FNS zu den häufigsten Diagnosen: je nach Zählweise 6 bis 16 Prozent der Fälle, oft genannt als zweithäufigster Grund für eine neurologische Vorstellung – gleich nach Kopfschmerz.

Ehrlich bleibt: Die genauen Zahlen schwanken je nach Land und Definition, und die „zweithäufigste"-Angabe stützt sich stark auf schottische Daten. „Jede dritte Patientin" wäre übertrieben – das stammt aus einer einzelnen Klinikstudie und ist ein Ausreißer nach oben.

FNS ist also nicht die häufigste neurologische Erkrankung – aber weit häufiger, als ihr geringer Bekanntheitsgrad vermuten lässt.

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Faktencheck #3 · August 2026

„Einmal FNS, immer FNS."

Falsch

Die Diagnose FNS ist kein Urteil auf Lebenszeit. Anders als eine fortschreitende neurologische Erkrankung kann FNS sich bessern, stabilisieren oder ganz zurückgehen – bei manchen bis zur weitgehenden Beschwerdefreiheit.

Günstig wirken vor allem eine frühe Diagnose, eine kurze Zeit bis zum Behandlungsbeginn und der Zugang zu spezialisierter, funktionsorientierter Behandlung. Je kürzer der Weg zur Diagnose, desto besser sind die Aussichten.

Ehrlich bleibt: Besserung ist kein Selbstläufer. Bei einem Teil der Betroffenen – vor allem nach später Diagnose oder langem Verlauf – bleiben Beschwerden, manchmal dauerhaft. Das ist real, und es ist keine Schuld und kein Zeichen von zu wenig Anstrengung.

Falsch ist die Endgültigkeit im Satz. Nichts an der Diagnose legt fest, dass die Beschwerden für immer bleiben. Und umgekehrt: Sich früh auf „unheilbar" festzulegen und das Leben ganz danach auszurichten, kann sogar ungünstig sein – eine negative Erwartung an die Genesung zählt zu den Faktoren, die mit einem schlechteren Verlauf einhergehen. Die Tür offenzuhalten gehört zur Behandlung.

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Faktencheck #2 · August 2026

„FNS ist eine neue Krankheit."

Falsch

Die Krankheit ist uralt – eine unwillkürliche Funktionsstörung des Nervensystems, seit der Antike beschrieben und von Charcot im 19. Jahrhundert genau dokumentiert. Das war sie immer, auch als sie Hysterie oder Konversionsstörung hieß.

Auch die einzelnen Beschwerden sind dieselben geblieben: Zittern, Lähmungen und Gangstörungen fielen schon früher unter dieses Raster. Die funktionelle Gangstörung „astasia-abasia" benannten Charcot und sein Schüler Blocq bereits 1888. Und schon damals fiel auf, dass der Tremor sich verstärkt, wenn die Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird – bis heute ein diagnostisches Zeichen der FNS.

Neu ist also nicht, dass es eine Funktionsstörung ist – neu ist die Antwort auf die Frage, wodurch sie entsteht. Das Konversionsmodell verlangte per Definition einen verdrängten seelischen Konflikt als Ursache. Davon hat sich das heutige Verständnis gelöst: Das DSM-5 strich das Erfordernis eines nachweisbaren seelischen Konflikts aus den Diagnosekriterien. Weg von der isolierten, ausschließlich psychischen Betrachtung, hin zum multifaktoriellen, bio-psycho-sozialen Modell der Leitlinie. Ein Trauma kann eine Rolle spielen, muss aber nicht – und wie bei jeder Erkrankung ist die Psyche Teil des Krankheitsgeschehens.

FNS ist also weder neu noch eine Modediagnose. Es ist ein neuer Name – und ein ehrlicheres Erklärungsmodell – für eine Krankheit, die die Medizin seit Jahrhunderten kennt.

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Faktencheck #1 · August 2026

„Wenn FNS positiv festgestellt wird, ist sie also messbar und bewiesen."

Falsch

Positive Zeichen wie das Hoover-Zeichen oder ein ablenkbarer Tremor zeigen zuverlässig, dass keine strukturelle Schädigung vorliegt – ohne belastende Untersuchungen wie eine Lumbalpunktion oder die Strahlung eines CT. Das ist ihr großer Vorteil.

Aber „positiv feststellbar" heißt nicht „messbar" oder „bewiesen". Es gibt bis heute keinen Messwert, der FNS im Einzelfall beweist. Die Diagnose ist eine klinische Feststellung anhand des Gesamtbildes – verlässlich, aber mit einer prinzipiellen Grenze: Ob etwas unwillkürlich ist, lässt sich von außen nicht sicher messen. Und „nicht strukturell" heißt nicht „nichts mit der Psyche zu tun" und schon gar nicht „eingebildet". Die Leitlinien gehen von vielen Ursachen zugleich aus; eine Mitbeteiligung der Psyche gehört dazu – ohne Schuld.

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Neue Faktenchecks zuerst auf Instagram

Dort erscheint jeder Faktencheck als Erstes – hier auf der Website werden sie dauerhaft gesammelt und mit den ausführlichen Artikeln verknüpft.

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