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Einordnung & Ethik

FNS, artifizielle Störung oder Simulation?

Was die Diagnose sichert – und was sie offenlässt

„Übersehen wir artifizielle Störungen?“ Unter diesem Titel steht ein Workshop im Programm der Gemeinsamen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen (AG FNS e. V.) und des Experten-Panels Psychosomatische Epileptologie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) am 18. und 19. September 2026 in Bonn. Eingeladen haben die Klinik für Epileptologie und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Dieser Beitrag geht der Frage nach, was die Untersuchung bei FNS tatsächlich zeigt: dass keine strukturelle Schädigung vorliegt. Ob Symptome ohne Zutun entstehen, erzeugt oder vorgetäuscht werden, beantwortet sie nicht. Zusätzlich gehen wir auf das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ein – es betrifft dieselbe Diagnostik, taucht im Workshop-Titel aber nicht auf.

Das Wichtigste zuerst

  • FNS, artifizielle Störung und Simulation sind drei verschiedene Dinge. Der Unterschied liegt in Absicht und Motiv.1
  • FNS ist weder vorgetäuscht noch eingebildet und wird über positive klinische Zeichen diagnostiziert.2
  • Bei der artifiziellen Störung ist die Täuschung bewusst – das Motiv dahinter aber meist nicht.3
  • Die Abgrenzung ist im Einzelfall oft schwierig, die Diagnostik kann Jahre dauern.1,4
  • Die gesamte Empfehlungslage zum Umgang beruht auf Expertenmeinung – Evidenzgrad IV.5
  • Im Zweifel gilt: weiterbehandeln, unabhängig von der Ursache.6
Gegenüberstellung von Funktioneller Neurologischer Störung, artifizieller Störung und Simulation nach Symptomkontrolle, Absicht und Einordnung, dazu Angaben zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und zum Vorgehen im Zweifelsfall.
Diese Übersicht dient dem Verständnis – sie ist ausdrücklich keine Hilfe zur Selbst- oder Fremddiagnose.

Wo dieses Thema herkommt

Die Frage stammt nicht von Kritikern, sondern aus der Fachwelt selbst – und sie steht nicht am Rand, sondern mitten im Programm. Die Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen (AG FNS e. V.) und das Experten-Panel Psychosomatische Epileptologie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) halten am 18. und 19. September 2026 ihre Gemeinsame Jahrestagung in Bonn ab. Gastgeber sind die Klinik für Epileptologie und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn; Veranstaltungsort ist das Geographische Institut der Universität Bonn. Die Tagungsleitung liegt bei Max Christian Pensel, Christian Hoppe, Maria Dietrich, Michael Trauscheid, Birgitta Esser und Clara Olligschläger, die Einladung sprechen Alexandra Philipsen, Franziska Geiser und Rainer Surges aus.7

Auf dem Programm dieser Tagung steht der Workshop „Übersehen wir artifizielle Störungen?“ Gestellt wird die Frage damit von denselben Fachgesellschaften, die sich für die Anerkennung funktioneller Störungen einsetzen. Das Motto der Tagung lautet „Miteinander sprechen und voneinander lernen“.7

Geleitet wird der Workshop von Prof. Dr. med. Constanze Hausteiner-Wiehle (BG Unfallklinik Murnau, TU München). Sie gehört zur Redaktion der S3-Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ und ist zugleich Erstautorin der einschlägigen Übersichtsarbeit zu artifiziellen Störungen im Deutschen Ärzteblatt.1,8 Sie ist also niemand, der funktionelle Störungen in Zweifel zieht – im Gegenteil: Sie hat die Leitlinie mitgeschrieben, auf die sich die Anerkennung dieser Beschwerden stützt.

Die drei Begriffe – sauber getrennt

Funktionelle Neurologische Störung

Bei FNS ist die willkürliche Kontrolle über Bewegung, Wahrnehmung oder Bewusstsein gestört. Die Symptome sind real, sie entstehen nicht absichtlich, und die Betroffenen können sie nicht einfach abstellen. Fachlich gilt ausdrücklich: Funktionelle neurologische Störungen sind weder vorgetäuscht noch eingebildet.2 Die Diagnose wird über positive klinische Zeichen gestellt – Inkongruenz und Inkonsistenz –, nicht dadurch, dass nichts anderes gefunden wurde.9

Artifizielle Störung

Hier werden Symptome wissentlich vorgetäuscht, erzeugt oder verschlimmert. Entscheidend ist die Doppelnatur: Die Täuschung selbst ist den Betroffenen bewusst, die zugrunde liegenden Motive ihres Handelns aber häufig nicht.3 Es geht nicht um einen äußeren Vorteil, sondern darum, gegenüber Ärztinnen und Ärzten ein Selbstkonzept darzustellen: krank zu sein.

Auch das ist eine ernsthafte psychische Erkrankung mit hohem Leidensdruck. In der Entstehung spielen bei einem Teil der Betroffenen frühe traumatisierende Erfahrungen eine wichtige Rolle.5 Das geläufige Klischee vom spektakulären „Münchhausen“ mit erfundenen Lebensgeschichten trifft dabei nur etwa 10 % der Fälle – überwiegend Männer mittleren Alters.1

Simulation

Simulation ist keine Krankheit, sondern die bewusste Übernahme einer Krankenrolle, um einen äußeren Vorteil zu erlangen – etwa eine Rente, eine Versicherungsleistung oder das Vermeiden einer Strafe.5 Genau dieser klare externe Anreiz unterscheidet sie von der artifiziellen Störung.

Kurzformel: Bei FNS ist die Kontrolle gestört. Bei der artifiziellen Störung ist die Täuschung gewollt, das Motiv aber unbewusst. Bei der Simulation sind Täuschung und Ziel bewusst.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Werden Krankheitssymptome nicht bei sich selbst, sondern bei einem Schutzbefohlenen erzeugt oder vorgetäuscht, spricht man fachlich von einer artifiziellen Störung, einer anderen Person auferlegt – früher Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Das ist keine bloße Variante, sondern gilt als medizinische Kindesmisshandlung.4

Die Spannbreite reicht von der Schilderung nicht vorhandener Symptome über die Verfälschung von Messdaten bis zur Erzeugung realer Symptome durch Medikamente, Gifte oder Ersticken. Beschrieben wird, dass es sich bei den Täterinnen in der Regel um Frauen handelt, die sich als besonders gute Mütter darstellen; sie sind sich oft bewusst, dass sie ihre Kinder schädigen, kennen aber ihre eigenen Motive nicht.10

Zur Einordnung der Häufigkeit: In einer italienischen Untersuchung an 751 stationär behandelten Kindern fand sich bei vier von ihnen ein Stellvertreter-Syndrom – das entspricht 0,53 %.11 Belastbare Zahlen für die Allgemeinbevölkerung fehlen. Eine ältere Literaturübersicht von 117 dokumentierten Fällen ermittelte eine Sterblichkeit von 9 %; dieser Wert gilt allerdings als Überschätzung, da in der Fachliteratur schwere Fälle überrepräsentiert sind.12 Selten also – aber wenn es auftritt, kann es lebensgefährlich sein.

Für Eltern von Kindern mit FNS: Beide Bilder können oberflächlich ähnliche Merkmale zeigen – viele Arztbesuche, unauffällige Befunde, wechselnde Symptome. Für Eltern, deren Kind tatsächlich eine FNS hat, ist das belastend: Sie können in einen Verdacht geraten, den sie kaum ausräumen können.

Umgekehrt gilt aber auch: Eine gestellte FNS-Diagnose schließt eine artifizielle Komponente nicht aus. Weil sie unauffällige Befunde plausibel erklärt, kann sie im Einzelfall genau das verdecken, was sonst auffiele – und damit ungewollt Deckung bieten. Die Fachliteratur spricht deshalb von artifiziellen Störungsanteilen, die schon in geringem Umfang einer Genesung entgegenstehen können.13 Auch dass eine artifizielle Störung neben einer echten Erkrankung bestehen kann, ist beschrieben.4

Beides zusammen heißt: Die Unterscheidung gehört in fachliche Hände, und sie bleibt eine Aufgabe, die mit der Diagnosestellung nicht erledigt ist. Bei FNS im Kindes- und Jugendalter ist die Einbeziehung der Angehörigen besonders wichtig14 – zugleich ist beschrieben, dass ab dem Grundschulalter auch Kinder selbst Symptome vortäuschen können. Es braucht Wachsamkeit in beide Richtungen, ohne tabuisierendes Wegsehen und ohne wütend-enttäuschtes Entlarven.15

Warum die Abgrenzung so schwer ist

Die Fachliteratur ist an diesem Punkt bemerkenswert offen. Die Abgrenzung artifizieller Störungen zu funktionellen und dissoziativen Störungen sowie zur Simulation ist oft schwierig; Dunkelziffer und Letalität sind wahrscheinlich hoch, und der Verdacht gilt als hochtabuisiert.1 Die Diagnostik kann mehrere Jahre dauern.4

Drei Gründe dafür:

Es gibt keinen Test. Kein Blutwert, kein Bild und kein Gerät kann zwischen den drei Bildern unterscheiden. Alle drei ähneln bekannten neurologischen Erkrankungen und zeigen keine strukturelle Schädigung.

Die Grenze verläuft im Inneren. Sie hängt an Absicht und Motivlage – also an etwas, das von außen grundsätzlich nicht messbar ist. Die Unterscheidung zwischen nicht-intentional und intentional beziehungsweise zwischen unbewusster und unklarer innerer Motivlage ist klinisch schwer durchführbar.3 Fachlich wird deshalb sowohl eine kategoriale Abgrenzung als auch ein fließendes Kontinuum diskutiert.5

Beides kann zugleich bestehen. Eine artifizielle Störung kann mit einer echten körperlichen Erkrankung einhergehen – diese ist dann zwar nicht ursächlich, häufig aber Auslöser oder Folge.4 Ein Befund schließt den anderen also nicht aus.

Die ethische Seite

Hier liegt der eigentlich schwierige Teil.

Der Schaden des Übersehens

Wird eine artifizielle Störung nicht erkannt, laufen unnötige Untersuchungen und Eingriffe weiter, die selbst schädigen. Beim Stellvertreter-Syndrom geht es unmittelbar um Leben und Gesundheit eines Kindes. Nicht hinzusehen ist also keine neutrale Option.

Der Schaden des falschen Verdachts

Umgekehrt trifft ein unbegründeter Verdacht Menschen, die ohnehin am Rand des Versorgungssystems stehen. Er zerstört die Behandlungsbeziehung, führt zu Abbruch und Behandlerwechsel und bestätigt genau das Misstrauen, das viele Betroffene seit Jahren erleben. Dass Menschen mit funktionellen Anfällen ihre Behandelnden häufiger als misstrauisch und verständnislos erleben als Menschen mit Epilepsie, ist belegt.16

Warum Konfrontation selten funktioniert

Die Zahlen sind ernüchternd: Weniger als ein Drittel der Betroffenen offenbart nach einer Konfrontation das Herbeiführen des Zustandsbildes; bei etwa einem Drittel führt die Konfrontation zum Abbruch der Behandlung.6 Eine unmittelbare Konfrontation führt bei heftiger Leugnungshaltung fast regelhaft zur Ablehnung jeglicher weiterführender Therapieangebote.3

Als Stand der Kunst gilt deshalb eine einfühlsame Konfrontation, bei der die betroffene Person ihr Gesicht wahren kann – in einem sicheren Setting, mit genug Zeit und nichtwertender Kommunikation.6 Ob konfrontiert werden soll, ist in der Fachliteratur umstritten; in schweren Fällen wird es eher empfohlen.6

Was die Diagnostik leisten kann – und was nicht

Wenn die Abgrenzung so schwierig ist: Wie wird FNS dann festgestellt? Und was sagt diese Feststellung aus?

Wie FNS positiv diagnostiziert wird

Früher galt FNS als Ausschlussdiagnose: Man suchte alles ab, fand nichts und nannte es funktionell. Dieses Vorgehen gilt heute als überholt. Stattdessen wird die Diagnose über positive klinische Zeichen gestellt – Befunde, die aktiv für eine funktionelle Störung sprechen.9

Das bekannteste ist das Hoover-Zeichen bei funktioneller Beinschwäche. Es nutzt einen unwillkürlichen Mechanismus: Hebt man ein Bein an, drückt das andere automatisch nach unten. Kann jemand das betroffene Bein willentlich kaum bewegen, drückt es beim Anheben des gesunden Beins aber kräftig nach – dann funktioniert die Bahn, nur der willentliche Zugriff nicht. Dazu kommen weitere Zeichen: das Mitschwingen eines funktionellen Tremors mit einem vorgegebenen Takt, asynchrone Bewegungen bei funktionellen Anfällen, bessere verzögerte als unmittelbare Gedächtnisleistung bei funktionellen kognitiven Störungen. Eine Übersichtsarbeit hat über 60 solcher Zeichen zusammengetragen.17

Zwei Prinzipien ziehen sich durch alle: Variabilität – das Symptom schwankt – und Ablenkbarkeit – es wird schwächer oder verschwindet, wenn die Aufmerksamkeit woanders liegt.17

Was gut abgesichert ist

Gegenüber körperlichen Erkrankungen ist die Diagnostik verlässlich. Eine systematische Übersichtsarbeit von Stone und Kolleg:innen im BMJ wertete Nachbeobachtungen von 1.466 Betroffenen aus: In den 1950er-Jahren stellte sich bei etwa einem Drittel später eine andere Erkrankung heraus, die die ursprünglichen Symptome erklärte. Bis in die 1970er-Jahre fiel diese Rate auf rund 4 % und ist seither stabil – auch nach Einführung der modernen Bildgebung. Der Nachbeobachtungszeitraum lag im Mittel bei fünf Jahren.18

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens beantwortet diese Zahl nur eine Richtung: Wie oft wurde etwas Körperliches übersehen? Wie oft eine artifizielle Störung oder Simulation übersehen wurde, ist damit nicht erfasst – und ließe sich in einer Nachbeobachtung auch kaum feststellen. Zweitens stammen viele der ausgewerteten Studien aus der Zeit vor der heutigen Diagnostik über positive Zeichen. Wie hoch die Rate mit dem aktuellen Vorgehen liegt, ist damit nicht direkt beantwortet.

Wo die Grenzen liegen

Beim Hoover-Zeichen ist die Datenlage dünner als sein Ruf. Die viel zitierten Werte von 94 % Sensitivität und 99 % Spezifität stammen aus zusammengefassten Daten; prospektiv geprüft wurde es an acht Personen, mit 63 % Sensitivität. Eine Fachübersicht hält deshalb fest, dass die Evidenz begrenzt ist und das Zeichen nicht isoliert bewertet werden sollte.19 Falsch-positive Ergebnisse sind beschrieben, etwa bei Apraxie.20

Entscheidender ist aber etwas anderes: Die positiven Zeichen prüfen, ob eine strukturelle Schädigung vorliegt – nicht, ob eine Absicht vorliegt. Inkongruenz und Inkonsistenz finden sich bei FNS. Sie finden sich aber ebenso bei erzeugten oder vorgetäuschten Symptomen: Wer nicht daran denkt, hält eine Vortäuschung nicht durch. Ablenkbarkeit schließt deshalb nichts aus.

Ob sich ein Hoover-Zeichen willentlich herstellen lässt, ist nicht untersucht. Der zugrunde liegende Mechanismus ist unwillkürlich, was es erschweren dürfte – belegt ist es nicht.

Woran die Unterscheidung tatsächlich hängt

Eine Arbeit, die sich genau dieser Frage widmet, benennt es unmissverständlich: Bei artifiziellen Störungen mit vorgetäuschten neurologischen Symptomen fehlen objektive Belege meist. Die meisten Fälle werden über die Vorgeschichte erkannt – falsche Namen, erfundene Krankengeschichten, Wechsel von Klinik zu Klinik. Und wörtlich: Ohne solche Hinweise sei die Unterscheidung zwischen artifizieller Störung und FNS sehr schwierig. Dieselbe Arbeit spricht davon, dass der Diagnoseprozess bei FNS ein notwendiges Element der Annahme enthält.21

Die Unterscheidung hängt also nicht an der Untersuchung, sondern am Verlauf – und damit an einer Ebene, die Zeit, Vertrauen und Nachfragen braucht.

Was die Bildgebung zeigt – und was nicht

Seit den 2000er-Jahren wird versucht, den Unterschied sichtbar zu machen. Die bekannteste Arbeit stammt von Spence und Kolleg:innen, veröffentlicht 2000 im Lancet: Sie verglich per PET Menschen mit funktioneller Lähmung mit Schauspielern, die dieselben Symptome nachahmten. Die Aktivierungsmuster unterschieden sich – bei funktioneller Lähmung zeigte sich verminderte Aktivität in einem anderen Bereich des Stirnhirns als bei vorgetäuschter.22

Spätere Arbeiten bestätigten das im Grundsatz. Stone und Kolleg:innen untersuchten 2007 vier Betroffene gegen vier Gesunde, die Schwäche simulierten; das Muster bei FNS war verschieden von, aber ausdrücklich überlappend mit dem der simulierten Schwäche.23 Am Lurija-Institut der Kliniken Schmieder in Allensbach verglichen Hassa und Kolleg:innen 2016 Menschen mit funktioneller Armparese mit Gesunden, die eine solche Parese vortäuschten – Letztere hatten dafür zuvor mindestens dreimal täglich strukturiert trainiert.24

Was diese Studien zeigen: Rechnet man die Hirnaktivität mehrerer Menschen mit FNS zusammen, ergibt sich ein anderes Bild als bei Menschen, die dieselben Beschwerden nachmachen. Bei FNS ist im Gehirn messbar etwas anders. Der Satz „da ist doch nichts“ stimmt nicht.

Was sie nicht zeigen: Dass man eine einzelne Person in den Scanner legen und ablesen könnte, was sie hat. Dafür bräuchte es eine festgelegte Grenze – etwa: ab diesem Messwert ist es FNS. Die gibt es nicht. Der Vergleich mit der Körpergröße trifft es: Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen, aber bei einer einzelnen Person von 1,70 m lässt sich daraus nichts ableiten. Die Gruppen unterscheiden sich, die Einzelfälle überschneiden sich. Hinzu kommt die Größe dieser Studien: drei Betroffene bei Spence, vier gegen vier bei Stone.

Wie weit die Forschung ist, zeigt ein Beispiel, das Jon Stone 2024 anführt: Ein Verfahren konnte allein anhand von Ruhezustandsaufnahmen bestimmen, wer FNS hat und wer gesund ist – mit 72 von 100 richtigen Zuordnungen. Fast jede vierte Person wurde also falsch eingeordnet. Und das war die leichtere Aufgabe. Stone selbst schreibt, ein diagnostischer Biomarker für FNS werde vielleicht eines Tages zur Verfügung stehen.25

Der Einwand, den niemand geprüft hat

Diese Studien haben eine Schwäche, die selten benannt wird. Alle verglichen Menschen mit FNS mit Gesunden, die auf Anweisung simulierten – für Tage oder Wochen trainiert. Niemand hat FNS mit Menschen verglichen, die tatsächlich eine artifizielle Störung haben und Symptome möglicherweise seit Jahren produzieren.

Warum das entscheidend sein könnte: Beim Simulieren war ausgerechnet der Bereich beteiligt, der bewusste Kontrolle steuert. Über solche Kontrollareale ist aus der Lernforschung bekannt, dass sie umso weniger gebraucht werden, je länger etwas geübt wird. Abläufe automatisieren sich – beim Autofahren, beim Klavierspielen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein über Jahre erzeugtes Symptom davon ausgenommen wäre. Zugespitzt: Wer etwas lange genug produziert, müsste sich dem FNS-Muster annähern. Das ist eine plausible Vorhersage aus etablierten Prinzipien – und sie ist ungeprüft. Kritische Stimmen haben diese Schlussfolgerung aus den Bildgebungsdaten bereits in Frage gestellt.26

Der Unterschied zwischen Zusammenhang und Ursache ist hier der springende Punkt. Dass sich zwei Gruppen im Scanner unterscheiden, heißt nicht, dass ein bestimmtes Muster nur auf einem Weg entstehen kann.

Die Gegenposition

Es wäre unredlich, das einseitig darzustellen. Edwards, Yogarajah und Stone haben 2023 in Nature Reviews Neurology einen Beitrag mit dem Titel „Warum FNS nicht Vortäuschung oder Simulation ist“ veröffentlicht. Sie halten FNS für kategorial verschieden und stützen das auf klinische, epidemiologische und experimentelle Befunde – darunter, dass FNS über Länder und Jahrhunderte hinweg dieselben Muster zeigt und in neurophysiologischen Experimenten Reaktionen auftreten, die willentlich schwer herstellbar sind. Das Format ist allerdings ausdrücklich als Standpunkt der Autoren gekennzeichnet, nicht als systematische Übersicht.27

Wie häufig beides gemeinsam dokumentiert wird, hat eine Kohortenstudie von Berlot und Kolleg:innen untersucht, veröffentlicht Ende 2025 in Brain Communications. Von 143.471 Menschen mit FNS-Diagnose erhielten 2,2 % zusätzlich einen Eintrag für Simulation oder artifizielle Störung. Nach der Diagnose lagen die Raten bei 1,36 % beziehungsweise 0,62 % – bei Multipler Sklerose zum Vergleich bei 0,17 % und 0,03 %. Die Autor:innen fanden zugleich Zusammenhänge mit Ethnizität, sozioökonomischer Benachteiligung und bestimmten Begleiterkrankungen und werten das als Hinweis auf möglichen Bias der Behandelnden. Der Anteil sank zwischen 2018 und 2023.28

Auch diese Zahl ist mit Vorsicht zu lesen: Sie bildet ab, was dokumentiert wurde – nicht, was vorlag.

Was daraus folgt

Fasst man das zusammen, ergibt sich ein nüchternes Bild. Symptome und positive Zeichen zeigen: Hier liegt keine strukturelle Schädigung vor, die Funktion ist gestört. Das kann eine FNS sein. Es kann eine artifizielle Störung sein. Es kann Simulation sein.

Werden die positiven Zeichen als hinreichend für FNS behandelt, wird folgerichtig jede Person mit diesem Muster als FNS eingeordnet. Wer etwas anderes hat, fällt dann nicht auf – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Untersuchung diese Frage gar nicht stellt. Und die einzige Ebene, auf der sich unterscheiden ließe – Vorgeschichte, Verlauf, Widersprüche in den Angaben –, ist genau die, die aus Rücksicht häufig nicht angesprochen wird.

Und noch etwas gehört dazu: Ob FNS, artifizielle Störung oder Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom – in allen Fällen steht ein Mensch da, der Hilfe braucht. Keine dieser Diagnosen ist ein Vorwurf, alle drei beschreiben Leid. Was sich unterscheidet, ist der Weg dorthin: andere Behandlung, andere Ansprechpartner, beim Stellvertreter-Syndrom zusätzlich der Schutz eines Kindes.

Das ist auch der Grund, warum die Unterscheidung überhaupt wichtig ist. Nicht um zu sortieren, wer „echt“ ist und wer nicht – sondern damit jede Person die Behandlung bekommt, die zu ihrer Lage passt.

Damit kein Missverständnis entsteht: Das heißt nicht, dass FNS unsicher diagnostiziert würde. Gegenüber körperlichen Erkrankungen ist die Diagnose gut abgesichert. Es heißt: Die Diagnose sichert die funktionelle Natur der Symptome – nicht den Entstehungsweg. Das sind zwei verschiedene Fragen, und nur die erste beantwortet die Untersuchung.

Das Dilemma: Verdacht, der Verdacht bleibt

Der eigentliche Knoten liegt tiefer als in der Frage, wie man unterscheidet. Er liegt darin, dass sich meist gar nichts beweisen lässt.

Die Workshop-Ankündigung benennt das offen: Art und Schwere artifizieller Störungen seien höchst unterschiedlich, die Täuschung oft sehr kunstvoll, Selbstoffenbarungen selten. Zusätzlich erschwerten ihre Tabuisierung und die Gleichsetzung mit Simulation die Diagnose.13

Daraus entsteht ein Kreislauf:

  • Die Diagnose bleibt in aller Regel ein Verdacht, weil ein Beweis kaum zu führen ist.
  • Ein Verdacht ohne Beweis ist heikel – also wird er tabuisiert.
  • Was tabuisiert ist, wird nicht angesprochen.
  • Was nicht angesprochen wird, bleibt Verdacht – und wird nie geklärt.

Auch die Reaktion auf eine Konfrontation klärt wenig. Weniger als ein Drittel der Betroffenen offenbart danach die Selbsterzeugung, bei etwa einem Drittel führt sie zum Abbruch der Behandlung.6 Beide Zahlen lassen sich aber in zwei Richtungen lesen: Ein Abbruch kann bedeuten, dass jemand sich der Klärung entzieht – oder dass ein Mensch zu Unrecht verdächtigt wurde und deshalb geht. Und wer nichts offenlegt, hat entweder etwas zu verbergen oder schlicht nichts zu offenbaren. Die Statistik unterscheidet das nicht.

Wie häufig artifizielle Störungen tatsächlich sind, ist entsprechend unklar. Empirisch gesicherte Daten zur Häufigkeit liegen kaum vor; von einer hohen Dunkelziffer wird ausgegangen.4

Der Preis dafür ist doppelt. Menschen mit einer artifiziellen Störung bekommen keine passende Behandlung, weil niemand das Thema anspricht – obwohl schon geringe artifizielle Anteile einer Genesung entgegenstehen können.13 Und Menschen mit FNS tragen den unausgesprochenen Verdacht mit, weil er im Raum steht, ohne je benannt und damit ausgeräumt zu werden.

Genau deshalb ist die Frage „Übersehen wir artifizielle Störungen?“ überhaupt eine Frage. Nicht weil zu viel verdächtigt würde – sondern weil ein Verdacht, der nie ausgesprochen wird, sich auch nie auflösen kann.

Wie Behandelnde damit umgehen sollen

Fachlich gibt es dazu klare Empfehlungen – und sie lösen das Beweisproblem auf eine bemerkenswerte Weise: indem sie auf den Beweis verzichten.

Empfohlen wird eine schrittweise, unterstützende Konfrontation bei gleichzeitig weiterem Kontaktangebot, aber ohne Einforderung von Beweisen oder Eingeständnissen. So kann es Betroffenen möglich werden, die Krankenrolle unter Wahrung ihres Gesichts aufzugeben.1 Es geht also nicht darum, jemanden zu überführen, sondern darum, einen Ausweg offenzuhalten.

Ebenso klar ist die Haltung, die dazugehört: ohne tabuisierendes Wegsehen, aber auch ohne wütend-enttäuschtes Entlarven. Gefordert werden Wachsamkeit und Reflexion im gesamten Behandlungsteam, empathische Direktheit und diagnostische Transparenz.15

Und für die Dokumentation gibt es eine Regel, die Betroffene kennen sollten: Eine gesicherte Diagnose soll im Arztbrief als solche aufgeführt werden – der Verdacht, der ausdrücklich als der häufigere Fall bezeichnet wird, dagegen nur im Text differenzialdiagnostisch.15

Was im Zweifelsfall hilft

Das ist die entscheidende Frage – und die Antwort der Fachliteratur ist klarer, als man erwarten würde. Sie lautet nicht: erst klären, dann behandeln. Sie lautet:

Das Behandlungsangebot aufrechterhalten und den Betroffenen vermitteln, dass die Behandlung unabhängig von der Ursache der Symptomatik bestmöglich weitergeführt wird.6

Das ist keine Verlegenheitslösung, sondern folgerichtig. Denn was auch immer den Symptomen zugrunde liegt: In allen drei Fällen – FNS, artifizielle Störung, sogar bei einer Mischform – braucht die Person Hilfe. Nur die Art der Hilfe unterscheidet sich. Und weil die Zuordnung Jahre dauern kann, wäre Abwarten die schlechteste aller Möglichkeiten.

Hinzu kommt ein handfester Unterschied in der Behandelbarkeit: Für FNS gibt es inzwischen klare multimodale Behandlungspfade mit wachsender Evidenz – Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. Für artifizielle Störungen sind empirisch abgesicherte Leitlinien und Therapieprogramme dagegen noch nicht möglich; systematische Behandlungsstudien fehlen, und die vorliegenden Empfehlungen erreichen lediglich Evidenzgrad IV.5

Daraus folgt aber nicht, dass eine Fehlzuordnung folgenlos bliebe. Für artifizielle Störungen gilt ausdrücklich, dass ungünstiges Behandlerverhalten wesentlich zu Aufrechterhaltung, Komplikationen und Chronifizierung beiträgt – weshalb Früherkennung und ein rechtzeitiger Strategiewechsel als entscheidend gelten.13 Eine dauerhaft an FNS ausgerichtete Behandlung könnte diesen Wechsel verzögern.

Beide Richtungen bergen also ein Risiko. Der Unterschied liegt im Zeithorizont: Weiterzubehandeln hält die Beziehung offen und lässt sich korrigieren, sobald sich das Bild klärt. Ein falscher Verdacht dagegen beendet die Behandlung oft sofort – und dann ist nichts mehr zu korrigieren.

Was das für Betroffene bedeutet

Vier Dinge, die aus dieser Faktenlage folgen:

  • Eine Nachfrage ist kein Vorwurf. Dass Behandelnde differenzieren, gehört zu ihrer Aufgabe – auch dann, wenn es sich unangenehm anfühlt.
  • Die Diagnose FNS steht für sich. Sie wird über positive Zeichen gestellt und ist keine Verlegenheitslösung. Eine gesicherte Diagnose mit Klinik und Datum ist die beste Antwort auf jeden Zweifel.
  • Konsistenz hilft. Wer seine Beschwerden über die Zeit gleichbleibend und nachvollziehbar schildert und Befunde offenlegt, macht die Einordnung leichter.
  • Bei falschem Verdacht: sachlich bleiben und Unterstützung holen. Eine Zweitmeinung in einer auf FNS spezialisierten Einrichtung wiegt mehr als jede Auseinandersetzung im Behandlungszimmer.

Fazit

Die Frage „Übersehen wir artifizielle Störungen?“ ist berechtigt – und sie ist kein Angriff auf Menschen mit FNS. Im Gegenteil: Je genauer die Fachwelt unterscheidet, desto weniger geraten FNS-Betroffene unter Generalverdacht. Unschärfe schadet ihnen, nicht Präzision.

Zugleich zeigt die Quellenlage, wie schmal der Grat ist. Es gibt keinen Test, die Motivlage ist von außen nicht messbar, die Empfehlungen beruhen auf Erfahrung statt auf Studien, und beides kann nebeneinander bestehen. Wer in dieser Lage schnelle Urteile fällt – in die eine wie in die andere Richtung –, wird der Sache nicht gerecht.

Bleibt der Satz, der beides auflöst: weiterbehandeln, unabhängig von der Ursache. Er schützt die, die eine FNS haben. Und er lässt die Tür offen für die, bei denen etwas anderes dahintersteckt.

Wie sich das Dilemma in der Praxis auflösen lässt, bleibt offen. Der Bonner Workshop setzt genau dort an: Er will nach eigener Ankündigung Hintergründe, klinische Hinweise und Risiken artifizieller Störungen aufzeigen – ausdrücklich in Abgrenzung vor allem zu funktionellen neurologischen Störungen –, vor allem aber, wie Behandelnde mit der Verdachts- beziehungsweise Differenzialdiagnose umgehen und wie ein Therapieeinstieg gelingen kann.13 Wie das aufgenommen wird, werden wir verfolgen.

Zur Tagung selbst: Gemeinsam tagen die Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen (AG FNS e. V.) und das Experten-Panel Psychosomatische Epileptologie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE), ausgerichtet von der Klinik für Epileptologie und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Termin ist der 18. und 19. September 2026 im Geographischen Institut der Universität Bonn, Meckenheimer Allee 166. Das vollständige Workshop-Programm mit allen Beschreibungen steht auf der Seite des Universitätsklinikums Bonn ↗. Informationen und Anmeldung: gemeinsame-jahrestagung.de ↗. Die Tagung richtet sich an Menschen, die sich in ihrer Arbeit mit funktionellen neurologischen beziehungsweise somatoform-dissoziativen Störungen befassen.

Quellen

  1. Hausteiner-Wiehle C, Hungerer S (2020): Artifizielle Störungen – Das Vortäuschen von Krankheiten im klinischen Alltag. Deutsches Ärzteblatt International 117(26):452–459. doi:10.3238/arztebl.2020.0452. Zur schwierigen Abgrenzung gegenüber funktionellen, dissoziativen und somatoformen Störungen sowie zur Simulation, zu hoher Dunkelziffer und Letalität, zum hochtabuisierten Verdacht, dazu, dass die spektakulären „Münchhausen“-Verläufe nur etwa 10 % ausmachen, sowie zur schrittweisen, unterstützenden Konfrontation ohne Einforderung von Beweisen oder Eingeständnissen. doi.org ↗
  2. Popkirov S: Täuschung und Einbildung. In: Funktionelle neurologische Störungen. Springer, Berlin/Heidelberg 2024. „Funktionelle neurologische Störungen sind weder vorgetäuscht noch eingebildet“; zur bisweilen schwierigen Unterscheidung von Simulation und artifiziellen Störungen.
  3. Kapfhammer HP: Artifizielle Störungen. In: Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie (Springer eMedpedia). Zur bewussten Täuschung bei unbewusster Motivlage, zur klinisch schwer durchführbaren Unterscheidung intentional/nicht-intentional sowie zu Konfrontation und nichtkonfrontativen Techniken.
  4. AMBOSS: Artifizielle Störungen. Zur Definition des wissentlichen Erzeugens und Vortäuschens, zur Dauer der Diagnostik von bis zu mehreren Jahren, zum möglichen Nebeneinander mit einer somatischen Erkrankung sowie zur Einordnung des Münchhausen-by-proxy-Syndroms als medizinische Kindesmisshandlung.
  5. Kapfhammer HP (2017): Artifizielle Störungen. Der Nervenarzt 88:549–570. doi:10.1007/s00115-017-0337-8. Zur Diskussion um kategoriale Abgrenzung versus Kontinuum, zur Rolle früher Traumatisierungen, zur Definition der Simulation über den äußeren Krankheitsgewinn sowie dazu, dass empirisch abgesicherte Leitlinien und Therapieprogramme noch nicht möglich sind (Evidenzgrad IV). doi.org ↗
  6. Brücken bauen – die artifizielle Störung in der Konsiliarpsychiatrie und -psychosomatik. Die Psychotherapie (Springer) 2025. Zum Aufrechterhalten des Behandlungsangebots unabhängig von der Ursache, zur „einfühlsamen Konfrontation“ als Stand der Kunst sowie zu den Zahlen: weniger als ein Drittel offenbart nach Konfrontation, etwa ein Drittel bricht die Behandlung ab.
  7. Gemeinsame Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen (AG FNS e. V.) und des Experten-Panels Psychosomatische Epileptologie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE), 18.–19.09.2026, Geographisches Institut der Universität Bonn, Meckenheimer Allee 166. Ausrichtung: Klinik für Epileptologie und Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Einladung: Philipsen, Geiser, Surges; Tagungsleitung: Pensel, Hoppe, Dietrich, Trauscheid, Esser, Olligschläger. Workshop WB1 „Übersehen wir artifizielle Störungen?“, Hausteiner-Wiehle (Murnau), 19.09.2026, 10:15–11:15 Uhr. Tagungsmotto: „Miteinander sprechen und voneinander lernen“. ukbonn.de
  8. Technische Universität München, Verzeichnis der außerplanmäßigen Professor:innen: Prof. Dr. med. Constanze Hausteiner-Wiehle, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychiatrie, seit 2013 Leitung des psychosomatischen Konsiliardienstes an der BG Unfallklinik Murnau, seit 2017 apl. Professorin an der TUM; Redaktion der S3-Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ (AWMF-Register 051-001).
  9. Weißbach A, Bolte C, Münchau A (2024): Abschluss statt Ausschluss – die klinische Diagnosesicherung funktioneller Bewegungsstörungen. Der Nervenarzt. doi:10.1007/s00115-024-01613-9. Zu Inkongruenz und Inkonsistenz als klinischen Hauptcharakteristika. doi.org ↗
  10. Artifizielle Störungen: Rätselhaft und gefährlich. Deutsches Ärzteblatt (PP). Zur Spannbreite der Täuschungen und Manipulationen beim Stellvertreter-Syndrom, zum Profil der Täterinnen sowie zum Behandlerwechsel nach Konfrontation.
  11. Ferrara P, Vitelli O, Bottaro G, Gatto A, Liberatore P, Binetti P, Stabile A (2013): Factitious disorders and Münchausen syndrome – the tip of the iceberg. Journal of Child Health Care 17(4):366–374. doi:10.1177/1367493512462262. Untersuchung an 751 stationär behandelten Kindern einer römischen Universitätsklinik zwischen November 2007 und März 2010; artifizielle Störungen bei 14 Kindern (1,8 %), Stellvertreter-Syndrom bei vier Kindern (0,53 %); in drei von vier Fällen war die Mutter die Täterin. doi.org ↗
  12. Rosenberg DA (1987): Web of deceit – a literature review of Munchausen syndrome by proxy. Child Abuse & Neglect 11(4):547–563. doi:10.1016/0145-2134(87)90081-0. Auswertung von 117 in der Literatur dokumentierten Fällen; Sterblichkeit 9 %, kurzfristige Schädigung in allen Fällen, langfristige in 8 %. Einschränkung: In der Fachliteratur wird darauf hingewiesen, dass dieser Wert die tatsächliche Sterblichkeit vermutlich überschätzt, weil schwere Fälle eher publiziert werden. doi.org ↗
  13. Universitätsklinikum Bonn, Klinik für Epileptologie: Workshops & Zusatzprogramm der Gemeinsamen Jahrestagung, Beschreibung zu WB1 „Übersehen wir artifizielle Störungen?“ (Hausteiner-Wiehle, Murnau). Dort unter anderem zu unterschiedlicher Art und Schwere, zur kunstvollen Täuschung, zu seltenen Selbstoffenbarungen, zur Tabuisierung und Gleichsetzung mit Simulation als Diagnosehindernis, dazu, dass schon geringe artifizielle Störungsanteile einer Genesung entgegenstehen können, dass ungünstiges Behandlerverhalten wesentlich zu Aufrechterhaltung, Komplikationen und Chronifizierung beiträgt, sowie zur Zielsetzung des Workshops. ukbonn.de
  14. Popkirov S (Hrsg.): Funktionelle neurologische Störungen, Kapitel zu Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen. Springer. Zur noch größeren Bedeutung der Einbeziehung von Angehörigen in Diagnosevermittlung und Therapie.
  15. Hausteiner-Wiehle C, Hungerer S: Schlusswort zur Diskussion des Beitrags „Artifizielle Störungen“. Deutsches Ärzteblatt 2021. Zur Haltung „ohne tabuisierendes Wegsehen, aber auch ohne wütend-enttäuschtes Entlarven“, zu Wachsamkeit und Reflexion im Behandlungsteam, empathischer Direktheit und diagnostischer Transparenz sowie zur Dokumentationsregel: gesicherte Diagnose als solche im Arztbrief, der häufigere Verdacht dagegen differenzialdiagnostisch im Text. aerzteblatt.de
  16. Rawlings GH, Reuber M et al.; zusammengefasst u. a. in Staton A et al.: Functional neurological disorder – a qualitative study exploring individuals’ experiences of psychological services. Psychol Psychother 2024; 97: 138–156. Menschen mit Epilepsie beschrieben Behandelnde als unterstützend, Menschen mit funktionellen Anfällen dieselben als misstrauisch und verständnislos.
  17. Mavroudis I, Franekova K, Petridis F, Ciobica A, Papagiannopoulos S, Kazis D (2025): Positive Clinical Signs in Functional Neurological Disorders – A Narrative Review and Development of a Clinical Decision Tool. Brain Sciences 15(9):997. doi:10.3390/brainsci15090997. Zusammenstellung von über 60 positiven Zeichen über sieben FNS-Untergruppen; Variabilität und Ablenkbarkeit als durchgängige Prinzipien. Die Autor:innen weisen selbst darauf hin, dass es sich um eine narrative, nicht systematische Übersicht handelt und nicht alle Zeichen in großen prospektiven Kohorten validiert sind. doi.org ↗
  18. Stone J, Smyth R, Carson A, Lewis S, Prescott R, Warlow C, Sharpe M (2005): Systematic review of misdiagnosis of conversion symptoms and „hysteria“. BMJ 331(7523):989. doi:10.1136/bmj.38628.466898.55. Auswertung von Nachbeobachtungen bei insgesamt 1.466 Betroffenen; Rückgang der Rate später revidierter Diagnosen von rund einem Drittel in den 1950er-Jahren auf etwa 4 % seit den 1970er-Jahren, mittlerer Nachbeobachtungszeitraum fünf Jahre. PubMed ↗
  19. Dolbow J, El-Azzouni S, Zhang Y, Geiger C (2025): A practical guide to assessing functional motor weakness – a review of validated techniques. Journal of Neurology 272(6):427. doi:10.1007/s00415-025-13139-4. Zur eingeschränkten Evidenz des Hoover-Zeichens: gepoolte Werte von 94 % Sensitivität und 99 % Spezifität gegenüber einer prospektiven Prüfung an acht Personen mit 63 % Sensitivität; Empfehlung, das Zeichen nicht isoliert zu bewerten. doi.org ↗
  20. Ercoli T, Stone J (2020): False Positive Hoover’s Sign in Apraxia. Movement Disorders Clinical Practice 7(5):567–568.
  21. Mason XL (2022): Challenges to the Diagnosis of Functional Neurological Disorder – Feigning, Intentionality, and Responsibility. Neuroethics 16(1):2. doi:10.1007/s12152-022-09509-8. Dazu, dass objektive Belege bei artifiziellen Störungen mit neurologischen Symptomen meist fehlen und die Erkennung überwiegend über die Vorgeschichte erfolgt; ohne solche Hinweise sei die Unterscheidung zu FNS sehr schwierig. Zum „notwendigen Element der Annahme“ im Diagnoseprozess. PMC ↗
  22. Spence SA, Crimlisk HL, Cope H, Ron MA, Grasby PM (2000): Discrete neurophysiological correlates in prefrontal cortex during hysterical and feigned disorder of movement. The Lancet 355(9211):1243–1244. PET-Vergleich von Menschen mit funktioneller Lähmung und Personen, die dieselben Symptome nachahmten; drei Betroffene.
  23. Stone J, Zeman A, Simonotto E, Meyer M, Azuma R, Flett S, Sharpe M (2007): FMRI in patients with motor conversion symptoms and controls with simulated weakness. Psychosomatic Medicine 69(9):961–969. Vier Betroffene gegen vier Gesunde; das Aktivierungsmuster bei funktioneller Schwäche überlappt mit dem der simulierten Schwäche, unterscheidet sich aber davon. PubMed ↗
  24. Hassa T, Sebastian A, Liepert J, Weiller C, Schmidt R, Tüscher O (2016): Functional networks of motor inhibition in conversion disorder patients and feigning subjects. NeuroImage: Clinical. Durchgeführt am Lurija-Institut für Rehabilitationswissenschaften und Gesundheitsforschung sowie am Neurologischen Rehabilitationszentrum Kliniken Schmieder, Allensbach. Die gesunden Vergleichspersonen trainierten das Vortäuschen einer Armparese mindestens dreimal täglich strukturiert. PMC ↗
  25. Stone J (2024): Functional neurological disorder – defying dualism. World Psychiatry 23(1). Zur Klassifikation von FNS gegenüber Gesunden anhand von Ruhezustandsaufnahmen mit einer Genauigkeit von 72 % sowie zur Einschätzung, ein diagnostischer Biomarker könne eines Tages verfügbar werden. Wiley ↗
  26. Kessler H, Axmacher N, Diers M, Herpertz S (2019): On the Purported Dichotomy Between Fake and Real Symptoms – The Case of Conversion Disorders. Frontiers in Psychology 10:2114. doi:10.3389/fpsyg.2019.02114. Wissenschaftstheoretische Arbeit der Ruhr-Universität Bochum, die die Schlussfolgerungen aus funktionellen Bildgebungsstudien zur Unterscheidung von FNS und Vortäuschung kritisch prüft. Hinweis: von der Zeitschrift als „Opinion“ gekennzeichnet, also als Standpunkt der Autoren. doi.org ↗
  27. Edwards MJ, Yogarajah M, Stone J (2023): Why functional neurological disorder is not feigning or malingering. Nature Reviews Neurology 19(4):246–256. doi:10.1038/s41582-022-00765-z. Hinweis: von der Zeitschrift ausdrücklich als „Perspective“ und damit als Standpunkt der Autoren gekennzeichnet, nicht als systematische Übersichtsarbeit. doi.org ↗
  28. Berlot R, Pollak TA, Asan L, Stanton B, Nicholson TR, Edwards MJ, Kanaan RA (2025): Clinical and demographic associations of recorded feigning in functional neurological disorder. Brain Communications 8(1):fcaf490. doi:10.1093/braincomms/fcaf490. Retrospektive Kohorten- und Fall-Kontroll-Studie im TriNetX-Netzwerk; 143.471 Personen mit FNS-Diagnose zwischen 2015 und 2024; 2,2 % mit zusätzlichem Eintrag für Simulation oder artifizielle Störung; Hinweise auf möglichen Bias der Behandelnden. doi.org ↗
Zur Quellenlage – in eigener Sache:

Die Forschung zu funktionellen neurologischen Störungen wird international von wenigen Arbeitsgruppen getragen. Jon Stone ist an mehreren der hier zitierten Arbeiten beteiligt, Mark Edwards an zweien – darunter an beiden Seiten der hier dargestellten Kontroverse: Er ist Mitautor des Beitrags, der FNS kategorial von Vortäuschung abgrenzt, und der Kohortenstudie, die misst, wie oft beides gemeinsam dokumentiert wird. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Eigenschaft eines kleinen Fachgebiets. Es bedeutet aber: Was wie breiter Konsens wirkt, stammt teilweise aus denselben Händen.

Zwei weitere Hinweise: Der zentrale Beitrag gegen die Vortäuschungsthese ist von der Zeitschrift als Standpunkt der Autoren gekennzeichnet, nicht als systematische Übersicht. Und Constanze Hausteiner-Wiehle, deren Übersichtsarbeit hier mehrfach herangezogen wird, leitet zugleich den eingangs genannten Workshop.

Wo die Datenlage dünn ist, haben wir das im Text kenntlich gemacht: bei der Evidenz zum Hoover-Zeichen, bei den Bildgebungsstudien mit ihren kleinen Fallzahlen, bei den fehlenden Häufigkeitsdaten zu artifiziellen Störungen und bei den Empfehlungen zum Umgang, die durchweg auf Expertenmeinung beruhen.

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

Profil auf LinkedIn ↗

Stand: August 2026. Dieser Beitrag dient der sachlichen Einordnung eines fachlich diskutierten Themas. Er ist keine ärztliche Beratung, keine Diagnosehilfe und ausdrücklich keine Grundlage, um bei sich selbst oder anderen eine artifizielle Störung zu vermuten. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wenden Sie sich an das Jugendamt oder an das bundesweite Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ sowie an die ärztliche Kinderschutzambulanz Ihrer Region.

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