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Akut & Alltag

FNS in der Notaufnahme: Wann sie sinnvoll ist – und was dort wirklich passiert

„Wir haben nichts gefunden.“ Kaum ein Satz verletzt Betroffene so sehr – und kaum einer wird so oft missverstanden. Denn er ist in aller Regel kein Vorwurf und keine Abfuhr, sondern schlicht ein Untersuchungsergebnis. Dieser Beitrag erklärt, was in der Notaufnahme passiert und warum, wann eine Vorstellung wirklich nötig ist, wann eher nicht – und wie ein Notfallausweis beiden Seiten hilft.

Das Wichtigste zuerst

  • Die Notaufnahme fragt nicht „Was ist das?“, sondern „Ist das ein Notfall?“ – und bei FNS lautet die Antwort darauf oft: nein.
  • Ihre Geräte bilden Struktur ab. Bei FNS ist die Struktur intakt und die Funktion gestört – ein unauffälliger Befund ist deshalb erwartbar und kein Übersehen.
  • Beim ersten Anfall oder Ausfall gehört man in die Notaufnahme – immer. Das muss abgeklärt werden.6
  • Bei bekannter Diagnose und einem Anfall, der wie immer verläuft und von allein endet, ist eine Vorstellung medizinisch meist nicht erforderlich.2
  • Ein langer dissoziativer Anfall ist – anders als ein Status epilepticus – nicht lebensbedrohlich.2
  • Aber: Neue oder andere Symptome als sonst gehören untersucht. Rund 12 % der Menschen mit dissoziativen Anfällen haben zusätzlich eine Epilepsie.5
  • „Nichts gefunden“ ist ein Befund, keine Bosheit – aber es ist auch noch nicht die Diagnose FNS.7
Übersicht zu FNS in der Notaufnahme: Häufigkeitszahlen, Merkmale die eher für einen dissoziativen oder eher für einen epileptischen Anfall sprechen, sowie eine Einordnung wann eine Vorstellung immer nötig, meist nicht nötig oder sofort erforderlich ist.
Im Zweifel gilt immer: lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig.

FNS ist in der Notaufnahme kein Sonderfall

Funktionelle neurologische Störungen treten oft akut auf, wirken dramatisch und führen regelmäßig in die Notaufnahme. Bei stationär versorgten neurologischen Patientinnen und Patienten hatten gut 4,7 % eine FNS ohne weitere Erkrankung des Nervensystems – damit ist FNS nach Schlaganfall und Epilepsie die dritthäufigste neurologische Diagnose. In einer neurologischen Notaufnahme lag der Anteil bei 3,6 %; viele kamen mit Rettungswagen und Notarzt, vor allem wegen eines Anfalls oder akuter Ausfälle.5

Dissoziative Anfälle machen 11 bis 27 % aller Anfälle in der Notfallambulanz aus.1 Wer also mit FNS in der Notaufnahme sitzt, ist dort statistisch gesehen alles andere als ein Exot.

Zwei verschiedene Fragen

Der wichtigste Satz zum Verständnis dieser ganzen Situation lautet: Die Notaufnahme beantwortet eine andere Frage, als Betroffene stellen.

Wer dort ankommt, fragt: Was ist das, und was hilft mir? Die Notaufnahme fragt: Ist das ein Notfall? Also: Besteht jetzt, in diesem Moment, Gefahr für Leben oder Organ – und muss sofort gehandelt werden? Das ist eine Ja-Nein-Frage, keine Diagnosefrage.

Und bei FNS lautet die ehrliche Antwort darauf sehr oft: nein. Ein dissoziativer Anfall ist – anders als ein Status epilepticus – kein lebensbedrohlicher Zustand.2 Genau deshalb ist die Notaufnahme so häufig der falsche Ort: nicht, weil die Beschwerden zu klein wären, sondern weil sie nicht in die Kategorie gehören, für die dieser Ort gebaut ist.

Beides ist wahr: Ein Anfall, in dem man die Kontrolle über den eigenen Körper verliert, fühlt sich wie ein Notfall an. Dieses Gefühl ist echt und niemand muss es sich ausreden lassen. Es widerspricht aber nicht der medizinischen Einordnung, dass gerade keine akute Lebensgefahr besteht. Die beiden Sätze beantworten verschiedene Fragen – und beide dürfen stehen bleiben.

Die Geräte sehen Struktur – nicht Funktion

Hier schließt sich der Kreis zu dem, was FNS im Kern ausmacht. Alles, was eine Notaufnahme an Technik auffahren kann – CT, MRT, Labor, EKG, EEG –, bildet im Wesentlichen Struktur ab: Gewebe, Gefäße, Werte, Ströme. Genau dafür sind diese Verfahren gebaut, und darin sind sie hervorragend.

Bei FNS ist die Struktur aber intakt. Gestört ist die Funktion – das Zusammenspiel, die Steuerung, der Zugriff. Ein strukturprüfendes Verfahren findet deshalb genau das, was es finden muss: nichts. Das unauffällige MRT ist kein Übersehen, sondern ein erwartbarer Teil des Befundes.

Und damit ist der Arbeitsauftrag der Notaufnahme erfüllt. Keine strukturelle Schädigung, keine akute Gefahr, kein Notfall – Auftrag abgeschlossen, nächster Patient. Dazu kommt ein Faktor, der von außen selten mitgedacht wird: Kapazität. Eine Notaufnahme ist auf Durchsatz und Priorisierung gebaut. Sie hat weder die Zeit noch den Auftrag noch die Ruhe, eine funktionelle Störung zu erklären. Fachliteratur hält genau das fest: Eine angemessene Diagnosevermittlung ist dort wegen Erschöpfung nach dem Anfall sowie Zeit- und Raummangel oft gar nicht möglich.2

Daraus entsteht dann das Missverständnis. Die Ärztinnen und Ärzte sagen, was sie festgestellt haben: dass sie keine Schädigung gefunden haben. Das ist ein ehrliches, korrektes und übrigens beruhigendes Ergebnis auf die Frage, die sie zu beantworten hatten. Was viele Betroffene hören, ist etwas anderes: „Dir fehlt nichts.“ Beides liegt weit auseinander – und die Lücke dazwischen ist der Punkt, an dem so viel Vertrauen verloren geht.

Warum FNS durch die Raster fällt

Dazu kommt ein zweiter Mechanismus, der nichts mit Haltung zu tun hat, sondern mit dem Aufbau der Medizin: Fachärztinnen und Fachärzte untersuchen ihr Fachgebiet. Die Neurologie prüft das Neurologische, die Kardiologie das Herz, die Innere das Innere. Jede Fachrichtung arbeitet ihren Bereich sauber ab und gibt dann weiter oder entlässt.

Bei den meisten Erkrankungen funktioniert das gut. Bei FNS nicht – denn FNS liegt genau an der Schnittstelle. Das Problem ist nicht die Struktur eines Organs, sondern dessen Funktion; nicht das Nervensystem allein und nicht die Psyche allein, sondern das Zusammenspiel. Für dieses Zwischenfeld ist im Fachgebietsdenken zunächst niemand zuständig. So entsteht das, was viele als Weiterreichen erleben: Jede Station hat korrekt gearbeitet – und trotzdem hat am Ende niemand das Gesamtbild angeschaut.

Das ist ein Konstruktionsmerkmal des Systems, kein Versagen einzelner Menschen. Es zu kennen, hilft zweifach: Es nimmt der Erfahrung das Persönliche – und es zeigt, wo die Lösung liegt. Nämlich nicht in der Notaufnahme, sondern bei Stellen, die genau für diese Schnittstelle da sind.

Ein Wort zur Fairness: Nach enttäuschenden Erfahrungen wird über Ärztinnen und Ärzte in Notaufnahmen oft hart geurteilt. Manches davon ist berechtigt. Vieles beschreibt aber kein böswilliges Verhalten, sondern ein strukturelles Problem: wenige Minuten Zeit, keine Vorgeschichte, ein Mensch im Anfall, ein volles Wartezimmer – und ein Krankheitsbild, das selbst Fachärztinnen und Fachärzte im Akutmoment schwer einordnen können. Wer das mitdenkt, geht anders in dieses Gespräch hinein. Und wird dort auch anders gehört.

Wie schwer die Einordnung wirklich ist

Eine Untersuchung an 156 Betroffenen mit insgesamt 203 Notfallvorstellungen zeigt das in Zahlen: Die extern hinzugezogenen Notärztinnen und Notärzte lagen in 12 % der Fälle richtig, in 84 % gingen sie von einem epileptischen Anfall aus. In der Notaufnahme selbst kamen die neurologischen Bereitschaftsärzte auf 52 % korrekte Arbeitsdiagnosen.1

Das ist nicht schön – aber es ist auch kein Beleg für Gleichgültigkeit. Es zeigt, wie groß die Überschneidung im äußeren Bild ist und wie wenig belastbar der erste Eindruck sein kann. Erschwerend kommt hinzu, dass FNS und andere neurologische Erkrankungen häufig nebeneinander bestehen: Bei Menschen mit Epilepsie verlaufen 13 % der Anfälle dissoziativ, und umgekehrt haben 12 % der Menschen mit dissoziativen Anfällen auch eine Epilepsie. Bei Multipler Sklerose berichten 6 % der Betroffenen zusätzlich eine funktionelle Störung, und 23 % der Schub-Vorstellungen in der Notaufnahme sind funktionell.5

Wer diese Zahlen kennt, versteht, warum die Notaufnahme nicht einfach „das schon wieder“ annehmen darf. Sie muss jedes Mal neu hinsehen. Das ist kein Misstrauen – das ist Sorgfalt, die im Zweifel Leben rettet.

„Nichts gefunden“ ist noch nicht die Diagnose

Ein wichtiger Punkt, der beiden Seiten hilft: FNS ist keine Ausschlussdiagnose. Sie wird nicht dadurch gestellt, dass nichts anderes gefunden wurde, sondern durch positive klinische Zeichen – Inkongruenz und Inkonsistenz der Symptome, prüfbar in der körperlichen Untersuchung. Fachleute schlagen deshalb vor, sie als „Abschlussdiagnose“ zu verstehen: als Ende einer diagnostischen Suche und zugleich als Beginn der Behandlung.7

Das erklärt auch, warum eine unauffällige Untersuchung allein Betroffene so ratlos zurücklässt: Sie ist erst der halbe Weg. Der zweite Teil – die positive Diagnose und ihre Erklärung – braucht Zeit, Ruhe und Fachwissen. Genau das kann die Notaufnahme nicht leisten, wie oben beschrieben. Er gehört in die neurologische Sprechstunde oder in eine spezialisierte Ambulanz.

Wo es trotzdem schiefgeht: die Beruhigungsmittel-Kaskade

Bei aller Fairness gibt es einen Punkt, an dem echter Schaden entsteht – und den sollte man klar benennen. Wird ein dissoziativer Anfall für einen epileptischen gehalten, folgt oft die Gabe von Benzodiazepinen. Bei manchen hören die Bewegungen dadurch auf. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Betroffene überwachungs- oder beatmungspflichtig werden und sich eine kontraproduktive Behandlungserwartung festsetzt.2

In der oben genannten Untersuchung mussten 25 % der vom Rettungsdienst mit Benzodiazepinen behandelten Personen auf eine Überwachungsstation, 9 % wurden intubiert.1 Beschrieben sind als Folgen unter anderem Verletzungen der Stimmbänder durch die Intubation und ein Pneumothorax bei Anlage eines zentralen Zugangs.3

Der entscheidende medizinische Unterschied: Ein anhaltender dissoziativer Anfall ist kein lebensbedrohlicher Zustand. Es besteht daher kein Anlass, seine Beendigung mit Medikamentennebenwirkungen und Risiken zu erkaufen.2 Auch deshalb ist es so wertvoll, wenn das Behandlungsteam früh weiß, worum es geht.

Woran man es unterscheiden kann

Es gibt Merkmale, die statistisch klar in die eine oder andere Richtung weisen. Wichtig vorweg: Kein einzelnes Merkmal beweist etwas. Erst das Gesamtbild trägt.

Eher für einen dissoziativen Anfall sprechen: eine Dauer über zwei Minuten, geschlossene oder zugekniffene Augen, Lidflattern, ein wechselnder oder pausierender Verlauf, asynchrone Bewegungen mehrerer Gliedmaßen, Weinen während des Anfalls und eine Erinnerung daran. Mehrere dieser Zeichen haben eine Spezifität von über 90 %; bei einer Dauer über fünf Minuten ist ein dissoziativer Anfall rund 24-mal wahrscheinlicher als ein epileptischer.4

Eher für einen epileptischen Anfall sprechen: ein seitlicher Zungenbiss, das Auftreten aus dem Schlaf heraus, Verwirrtheit danach, röchelnde Atmung und ein abrupter Beginn.4 Ein häufiges Missverständnis: Einnässen hat keinen diagnostischen Wert, und auch Verletzungen kommen bei dissoziativen Anfällen durchaus vor.4

In der genannten Untersuchung wiesen 64 % der Betroffenen mindestens eines dieser Warnzeichen auf, 28 % sogar zwei oder mehr – die Hinweise waren also da und wurden nur nicht gelesen.1 Genau deshalb fordert das Autorenteam eine bessere Schulung des Notfallpersonals.

Also: Macht die Notaufnahme überhaupt Sinn?

Diese Frage stellen sich viele nach enttäuschenden Erfahrungen. Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an – und die Unterscheidung ist wichtiger als die Enttäuschung.

Immer sinnvoll

Beim ersten Anfall, der ersten Lähmung, dem ersten plötzlichen Ausfall führt kein Weg daran vorbei. Dahinter kann ein Schlaganfall, ein epileptischer Anfall oder eine andere ernsthafte Erkrankung stecken, die rasche Hilfe braucht.6 Auch wenn sich etwas Neues oder anderes zeigt als sonst, gehört das untersucht. Menschen mit FNS bekommen genauso Schlaganfälle, Herzinfarkte und Blinddarmentzündungen wie alle anderen – und die Annahme „das ist bestimmt wieder meine FNS“ ist an dieser Stelle gefährlich. Dasselbe gilt bei einer Verletzung nach einem Sturz.

Meist nicht erforderlich

Steht die Diagnose fest und verläuft der Anfall so wie immer und endet von allein, besteht aus medizinischen Gründen nach einem semiologisch eindeutigen dissoziativen Anfall keine strenge Aufnahmeindikation.2 In diesen Fällen sind ein sicherer Ort, Ruhe und eine vertraute Person meist das Wirksamere – und ersparen die Wartezimmerstunden, die Reizüberflutung und das Risiko einer Fehlbehandlung.

Eine Einschränkung nennt die Fachliteratur aber ausdrücklich: Manchmal ist eine entlastende stationäre Nachbeobachtung bis zum nächsten Morgen sinnvoll, um am Folgetag in Ruhe ein Aufklärungsgespräch zu führen.2 Wer also nach einem Anfall verunsichert ist, macht nichts falsch, wenn er bleibt.

Sofort den Notruf 112

Unabhängig von jeder Diagnose gilt: Bei Atemnot, blauen Lippen, einem schweren Sturz oder Kopfverletzung, anhaltender Bewusstlosigkeit sowie bei plötzlicher Sprach- oder Sehstörung oder halbseitiger Lähmung wird der Notruf gewählt.8 Im Zweifel immer anrufen. Niemand in einer Leitstelle wird Ihnen einen Anruf vorwerfen, der sich als harmlos herausstellt.

Der Notfallausweis: das wirksamste Werkzeug

Wenn eine Sache diesen ganzen Beitrag zusammenfasst, dann diese: Eine kleine Karte im Geldbeutel kann eine Fehlbehandlung verhindern. Sie gibt dem Team in den entscheidenden Minuten genau die Information, die es sonst nicht hat – und sie spricht für Sie, wenn Sie es selbst gerade nicht können.

Wichtig ist der Ton. Eine Karte, die dem Team vorschreibt, was es zu unterlassen hat, erzeugt Widerstand. Eine Karte, die informiert und die Entscheidung beim Behandlungsteam lässt, wird gelesen und ernst genommen. Bewährt hat sich diese Struktur:

Vorlage für einen Notfallausweis (in Scheckkartengröße ausdrucken, falten, einstecken)

Vorderseite
Name, Geburtsdatum
Diagnose: Funktionelle neurologische Störung (ICD-11 6B60), gesichert durch [Klinik/Praxis, Datum]
Bei mir können [dissoziative Anfälle / funktionelle Lähmungen / Gangstörungen] auftreten.
Notfallkontakt: [Name, Telefon]
Behandelnde: [Praxis/Klinik, Telefon]

Rückseite
So verläuft ein typischer Anfall bei mir: [z. B. Dauer 5–15 Minuten, Augen geschlossen, ich bekomme teilweise mit, was um mich herum passiert, danach 30–60 Minuten erschöpft und verlangsamt]
Was hilft: ruhige Ansprache in der Gegenwart, reizarme Umgebung, vor Verletzung schützen, Zeit lassen.
Was bei mir bisher nicht nötig war: Benzodiazepine, Intubation. Ein anhaltender dissoziativer Anfall ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht lebensbedrohlich.
Bitte beachten: Ich kann auch andere Erkrankungen bekommen. Wenn etwas anders ist als hier beschrieben, bitte wie bei jedem anderen Menschen abklären.
Diese Karte ersetzt keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall.

Der letzte Punkt ist kein Beiwerk, sondern der Kern: Er zeigt dem Team, dass Sie die Grenzen Ihrer eigenen Diagnose kennen. Genau das schafft Vertrauen – und macht die Karte glaubwürdiger als jede Forderung.

Lassen Sie die Angaben, wenn möglich, von Ihrer behandelnden Praxis gegenzeichnen oder legen Sie eine Kopie des letzten Arztbriefes bei. Eine Karte mit ärztlicher Unterschrift hat ein anderes Gewicht als ein selbst geschriebener Zettel.

Was im Anfall tatsächlich hilft

Die Fachliteratur beschreibt das Vorgehen bemerkenswert unspektakulär. Ziel ist die Wiederherstellung des Zugriffs auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Dafür eignet sich ein entängstigender Umgang mit ruhiger, gegenwartsbezogener Ansprache, verbunden mit Informationen, die die Neuorientierung in einem sicher gestalteten Raum unterstützen.2

Praktisch heißt das: nicht festhalten, nichts in den Mund schieben, nicht laut rufen. Stattdessen den Raum ruhig halten, Zuschauende bitten weiterzugehen, in einfachen Sätzen benennen, wo die Person ist und dass sie sicher ist. Und danach: Zeit lassen. Die Erschöpfung nach einem Anfall ist real, und Drängen macht alles schlechter.

Ausführlicher steht das im Beitrag Was tun bei einem Anfall?

Wie das Gespräch besser läuft

Ein paar Dinge helfen erfahrungsgemäß auf beiden Seiten:

  • Die Diagnose früh und sachlich nennen, mit Klinik und Datum. Das ordnet die Situation sofort ein.
  • Sagen, was anders ist als sonst – oder eben, dass alles wie immer war. Diese eine Information ist für die Einschätzung Gold wert.
  • Nicht um die Anerkennung der Diagnose kämpfen. Die Notaufnahme ist nicht der Ort, an dem über das Krankheitsmodell diskutiert wird. Das gehört in die neurologische Sprechstunde.
  • Nach dem konkreten Befund fragen, statt nach einer Erklärung: „Was genau haben Sie ausgeschlossen?“ ist eine Frage, die gut beantwortet werden kann.
  • Den Kurzbrief mitnehmen und zur nächsten neurologischen Vorstellung mitbringen – auch unauffällige Befunde sind Teil des Bildes.
Und wenn es doch schlecht läuft? Es gibt sie, die abwertenden Sätze – und sie sind nicht in Ordnung. Wer sie erlebt, kann das im Nachhinein sachlich an die Klinikleitung oder den Patientenfürsprecher der Klinik zurückmelden. Das wirkt mehr als jede Auseinandersetzung im Behandlungsraum, in dem beide Seiten unter Druck stehen.

Fazit

Die Notaufnahme ist nicht der Gegner. Sie hat einen klar umrissenen Auftrag: gefährliche Ursachen ausschließen und akut stabilisieren. Diesen Auftrag erfüllt sie meist gut – auch dann, wenn das Ergebnis „unauffällig“ lautet und sich das für Betroffene wie eine Zurückweisung anfühlt.

Was sie in aller Regel nicht leisten kann, ist die ruhige Erklärung einer komplexen Diagnose. Wer das weiß, geht mit anderen Erwartungen hinein und kommt weniger verletzt wieder heraus. Und wer beim nächsten Mal einen gut gemachten Notfallausweis dabeihat, macht aus einer schwierigen Situation eine, in der beide Seiten schneller zum Wesentlichen kommen.

Bei alledem gilt der Satz, der wichtiger ist als jeder andere in diesem Beitrag: Wenn etwas anders ist als sonst – lassen Sie es ansehen.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Dissoziative Anfälle in der Notaufnahme – Raum für Verbesserungen. Retrospektive Analyse von 156 Betroffenen mit 203 Notfallvorstellungen; diagnostische Treffsicherheit externer Notärzte 12 % gegenüber 52 % in der Notaufnahme; 25 % der mit Benzodiazepinen behandelten Personen Überwachungsstation, 9 % Intubation; Warnzeichen bei 64 % beziehungsweise 28 %; Anteil dissoziativer Anfälle 11–27 %. dgn.org
  2. Dissoziative Anfälle in der Notaufnahme – Diagnosestellung und Behandlung. Clinical Epileptology (Springer). Zum entängstigenden, gegenwartsbezogenen Umgang, zur fehlenden strengen stationären Aufnahmeindikation nach eindeutigem dissoziativem Anfall, zur möglichen entlastenden Nachbeobachtung, zu Risiken der Benzodiazepingabe sowie dazu, dass ein anhaltender dissoziativer Anfall – anders als ein Status epilepticus – kein lebensbedrohlicher Zustand ist. link.springer.com
  3. Dissoziative Anfälle: Eine Herausforderung für Neurologen und Psychotherapeuten. Deutsches Ärzteblatt. Zu Verzögerungen bis zur Diagnose, zu 20–30 % dissoziativer Anfälle unter Eingewiesenen mit vermeintlich therapieresistenter Epilepsie sowie zu iatrogenen Komplikationen wie Stimmbandverletzung bei Intubation und Pneumothorax bei zentralvenösem Zugang. aerzteblatt.de
  4. Popkirov S. et al.: Dissoziative Anfälle erkennen und erklären. Übersicht semiologischer Merkmale mit Sensitivität und Spezifität (Dauer über zwei Minuten, Augenschluss, Lidflattern, wechselnder Verlauf, asynchrone Bewegungen, iktales Weinen, Erinnerung an den Anfall gegenüber lateralem Zungenbiss, Auftreten aus dem Schlaf, postiktaler Verwirrtheit und röchelnder Atmung); zur 24-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit bei einer Anfallsdauer über fünf Minuten sowie dazu, dass Einnässen keinen diagnostischen Wert hat.
  5. Jungilligens J, Marcinkowski E, Wehner T, Skodda S, Popkirov S (2025): Functional Neurological Disorder Among Neurology In-Patients. European Journal of Neurology. doi:10.1111/ene.70338. Auswertung von 4.648 aufeinanderfolgenden stationären neurologischen Patient:innen; FNS war die dritthäufigste Diagnose. doi.org ↗ – Ergänzend zu den Notaufnahmezahlen: Hellwig K, Frank B, Michaelis R, Kleinschnitz C, Popkirov S (2025): Frequency and characteristics of functional neurological disorder in the emergency department. Journal of Neurology 272(9):640. doi:10.1007/s00415-025-13386-5. Retrospektive Analyse aller 5.504 neurologischen Notaufnahmevorstellungen eines Universitätsklinikums im Jahr 2023; 199 Fälle mit funktionellen Symptomen als Hauptvorstellungsgrund, entsprechend 3,6 %; Medianalter 33 Jahre, 71 % weiblich; funktionelle Anfälle häufigste Präsentation (54 %), gefolgt von motorischen oder sensiblen Defiziten (21 %); 75 % wurden direkt entlassen. Nur 39 % der entlassenen Fälle erhielten einen entsprechenden Diagnosecode. doi.org ↗
  6. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de: Notruf und Notaufnahme – wann der Notruf 112 zu wählen ist. Zu akuten neurologischen Symptomen wie plötzlicher Lähmung, Sprach- oder Sehstörung als Notfallzeichen. gesund.bund.de ↗
  7. Conclusion instead of exclusion – The clinical diagnosis of functional movement disorders. Der Nervenarzt / PMC. Zur Neukonzeption der funktionellen Störung als „Abschlussdiagnose“ statt Ausschlussdiagnose und zu den klinischen Hauptcharakteristika Inkongruenz und Inkonsistenz. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  8. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit): Notruf und Notaufnahme – wann der Notruf 112 zu wählen ist. gesund.bund.de
Zur Quellenlage:

Grundlage sind Fachübersichten aus Clinical Epileptology und dem Deutschen Ärzteblatt, Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sowie Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit zum Notruf.

Einschränkend gilt: Die zitierten Zahlen zur Fehleinschätzung in der Notfallversorgung stammen aus retrospektiven Auswertungen einzelner Zentren und sind nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar. Die Empfehlungen zum Vorgehen im Anfall beruhen überwiegend auf klinischer Erfahrung, nicht auf kontrollierten Studien.

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

Profil auf LinkedIn ↗

Stand: August 2026. Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ist ausdrücklich keine Anleitung, auf medizinische Hilfe zu verzichten. Im Zweifel gilt immer: Notruf 112 wählen. Außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117.

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