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FNS verstehen

Kein Gradmesser

Warum das eigene Empfinden nicht misst, was im Körper geschieht

„Mir geht es psychisch gut.“ Der Satz fällt häufig, und er ist meist ehrlich gemeint. Als Beleg dafür, dass Psychisches keine Rolle spielt, taugt er trotzdem nicht.

Die kurze Antwort

Gefühl und Körperreaktion sind zwei verschiedene Systeme. Sie laufen bei allen Menschen nicht immer gleich. Deshalb sagt die eigene Einschätzung nichts darüber aus, was der Körper gerade tut – weder in die eine noch in die andere Richtung.

Worum es nicht geht

Nicht darum, jemandem ein verborgenes Leiden zu unterstellen. Auch nicht darum, dass eine Erkrankung seelische Ursachen haben müsse. Seit 2013 verlangt das diagnostische Handbuch DSM-5 für die Diagnose keinen psychischen Auslöser mehr, und bei einem Teil der Betroffenen lässt sich keiner finden.1

Es geht um etwas Kleineres und Genaueres: um die Frage, was die eigene Wahrnehmung eigentlich erfassen kann.

Wenn der Zugang zum Gefühl fehlt

Es gibt Menschen, denen es schwerfällt, eigene Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Wer sie fragt, wie es ihnen geht, bekommt eine ehrliche Antwort: gut. Nicht weil nichts da wäre, sondern weil kein Zugang dazu besteht.

In der Verhaltenstherapie ist eine häufige Aufgabe, aufzuschreiben, welches Gefühl in einer bestimmten Situation da war. Manche Menschen sitzen davor und wissen nicht, was sie eintragen sollen. Das ist keine Verweigerung und kein Mangel an Ernsthaftigkeit.

Die Fachliteratur nennt das Alexithymie. Es ist keine Erkrankung und kein Charakterzug, sondern eine Art, Empfindungen zu verarbeiten. Bei Menschen mit FNS wird sie häufiger beschrieben als in Vergleichsgruppen, und sie wird in den Erklärungsmodellen als Teil des Geschehens diskutiert.2

Für die Ausgangsfrage bedeutet das: Die Selbstauskunft hängt davon ab, wie gut jemand an die eigenen Gefühle herankommt. Sie misst nicht, was da ist, sondern was wahrgenommen wird.

Zwei Systeme, die nicht gleich laufen

Der Körper reagiert auf Anforderungen mit einem Erregungszustand: Der Puls steigt, die Atmung verändert sich, die Muskelspannung nimmt zu. Das bewusste Gefühl, das dazugehört, entsteht auf einem anderen Weg – und es entsteht nicht immer.

Fachleute sprechen von Konkordanz, wenn beides zusammenpasst. Sie ist bei niemandem vollständig. Wer eine Rede hält und feuchte Hände bekommt, ohne sich aufgeregt zu fühlen, kennt die Abweichung.

Panikattacke ohne Panik

Bei funktionellen Anfällen ist dieses Auseinanderlaufen beschrieben und benannt worden. Goldstein und Mellers berichteten von Betroffenen, die alle körperlichen Zeichen einer Panikattacke schilderten – Herzrasen, Atemnot, Schwindel – ohne die zugehörige Angst zu empfinden. Sie prägten dafür den Ausdruck panic attack without panic.2

Bemerkenswert ist, was sich zeigte, als beides gemessen wurde. In einer Untersuchung an Menschen mit funktionellen Anfällen hatten diejenigen, die eine starke Gefühlsreaktion auf bestimmte Bilder angaben, die schwächeren vegetativen Reaktionen. Wer keine starke Reaktion angab, zeigte die stärkeren.2

Die Selbstauskunft und die Messung liefen also nicht nur auseinander – sie liefen gegenläufig.

„Die machen es sich einfach“

Der Satz fällt oft, wenn in einer Sprechstunde das Wort psychisch vorkommt. Er unterstellt, die Einordnung entstehe aus Ratlosigkeit: Wenn nichts anderes mehr einfällt, ist es eben die Psyche.

Der Ablauf ist ein anderer. Jede Fachrichtung prüft ihren Ausschnitt. Wenn dort keine strukturelle Schädigung gefunden wird, ist das ein Ergebnis, kein Achselzucken. Und die Diagnose FNS wird nicht aus dem Fehlen von Befunden gestellt, sondern an positiven klinischen Zeichen – an Untersuchungsbefunden, die aktiv erhoben werden.

Der Weg zur Psyche führt dabei nicht über das Fehlen eines Befundes – das wäre dieselbe Ausschlusslogik, nur umgekehrt. Er führt über die Diagnose selbst: Wo eine FNS festgestellt ist, sind psychische Vorgänge am Geschehen beteiligt. Das ist keine Verlegenheitsannahme, sondern Bestandteil dessen, was die Diagnose beschreibt.

Die Gegenfrage lohnt sich: Wie sähe es aus, wenn Behandelnde es sich schwer machten? In der Regel bedeutet das weitere Bildgebung, weitere Termine, weitere Wartezeit – und mit jedem Durchgang die Möglichkeit von Zufallsbefunden, die ihrerseits abgeklärt werden müssen. Mehr Untersuchung ist nicht automatisch mehr Sorgfalt.

Was tatsächlich häufig zu kurz kommt, ist nicht die Diagnostik, sondern die Erklärung. Eine unzureichende Erläuterung der Diagnose gilt in der Fachliteratur als aufrechterhaltender Faktor.4 Der Vorwurf trifft also etwas Reales – nur nicht das, worauf er zielt.

Beteiligt ist das Psychische immer

Das führt zu einem Punkt, der oft untergeht. FNS entsteht aus dem Zusammenwirken körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren. Das Gewicht verteilt sich in jedem Fall anders – aber der psychische Anteil fällt nie ganz weg. Er steckt im Mechanismus selbst.

Einflussreiche Erklärungsmodelle beschreiben funktionelle Symptome als Ergebnis fehlgeleiteter Vorhersagen: Das Gehirn erwartet eine bestimmte körperliche Reaktion und gewichtet diese Erwartung höher als die tatsächlich eingehenden Sinnesdaten. Verstärkt wird das durch Aufmerksamkeit auf den betroffenen Körperteil.3 Erwartung und Aufmerksamkeit sind psychische Vorgänge.

Dafür braucht es kein Trauma und keine seelische Krise. Es reicht eine Verknüpfung, die einmal entstanden ist. Wer nach einem Unfall zittert, kann beim nächsten Mal in einer ähnlichen Lage wieder zittern – nicht weil die Verletzung fortbesteht, sondern weil die Erwartung es tut.

Der Unterschied, auf den es ankommt: Beteiligt sein heißt nicht verursacht haben. Dass psychische Vorgänge im Mechanismus mitwirken, sagt nichts darüber, ob am Anfang eine seelische Belastung stand. Bei vielen stand dort ein körperliches Ereignis.

Was daraus folgt und was nicht

Bei FNS wirken körperliche, psychische und soziale Faktoren immer zusammen – in jedem Fall anders gewichtet.

Auch der Auslöser ist selten ein einzelnes Ereignis. Häufiger ist es eine Anhäufung: Belastungen, die sich sammeln, bis etwas überläuft. Das letzte Ereignis fällt auf, weil es datierbar ist – ein Unfall, eine Operation, ein Infekt, eine Trennung. Es ist deshalb nicht das Entscheidende.

Es folgt daraus sehr wohl, dass psychische Vorgänge am Geschehen beteiligt sind. Aufmerksamkeit und Erwartung gehören zum Mechanismus, unabhängig davon, womit es angefangen hat.

Und es folgt daraus, dass sich die Frage nach dem Gewicht dieser Vorgänge mit Selbstauskunft nicht beantworten lässt. „Mir geht es gut“ beweist so wenig wie „mir geht es schlecht“.

Dazu kommt die Rückrichtung: Sobald Symptome da sind, wirken sie auf das Erleben zurück. Wer seit Monaten nicht weiß, ob er morgen laufen kann, trägt daran. Das gilt bei jeder Erkrankung, und es kommt zu dem hinzu, was ohnehin beteiligt ist.

Was dieser Text nicht leisten kann

Die zitierten Untersuchungen stammen aus spezialisierten Zentren und umfassen kleine Stichproben. Wie häufig das beschriebene Auseinanderlaufen ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Belegt ist, dass es vorkommt.

Zusammengefasst

Das eigene Empfinden ist verlässlich für das, was es beschreibt: wie es sich anfühlt. Es ist kein Messinstrument für das, was der Körper tut. Wer daraus einen Beweis in die eine oder andere Richtung ableitet, verlangt von ihm etwas, das es nicht leisten kann.

Weiterlesen

Warum der Auslöser nicht die Ursache ist: Ursache oder Auslöser? Warum aus einem unauffälligen Befund nicht folgt, dass nichts Psychisches beteiligt ist: Was ist FNS?

Quellen

  1. American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fünfte Auflage. Die Anforderung eines vorausgehenden psychischen Belastungsfaktors wurde aus den Kriterien der Konversionsstörung entfernt.
  2. The new science of emotion – implications for functional neurological disorder. Brain 2022;145(8):2648–2663. Zur Beschreibung von panic attack without panic nach Goldstein und Mellers, zum gegenläufigen Verhältnis von Selbstauskunft und sympathischer Reaktion sowie zur Häufigkeit von Alexithymie bei FNS. doi:10.1093/brain/awac204
  3. Risk, Precipitating, and Perpetuating Factors in Functional Neurological Disorder – A Systematic Review Across Clinical Subtypes (2025). Brain Sciences 15:907. Nennt unter den aufrechterhaltenden Faktoren ausdrücklich eine unzureichende Erklärung durch Behandelnde. doi:10.3390/brainsci15090907
  4. Risk, Precipitating, and Perpetuating Factors in Functional Neurological Disorder – A Systematic Review Across Clinical Subtypes (2025). Brain Sciences 15:907. Nennt unter den aufrechterhaltenden Faktoren ausdrücklich eine unzureichende Erklärung durch Behandelnde. doi:10.3390/brainsci15090907
  5. Edwards MJ, Adams RA, Brown H, Pareés I, Friston KJ (2012): A Bayesian account of „hysteria“. Brain 135:3495–3512. Zum Modell fehlgeleiteter Vorhersagen und zur Rolle der Aufmerksamkeit bei funktionellen Symptomen. doi:10.1093/brain/aws129

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

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Hinweis: Die genannten Untersuchungen stammen aus Studien mit kleinen Teilnehmerzahlen. Über einen einzelnen Menschen sagen sie nichts aus.