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FNS verstehenUrsache oder Auslöser?
Warum der Anfang nicht die Erklärung ist
„Seit meiner OP ist das so.“ Der Zeitpunkt lässt sich oft genau benennen – und genau deshalb wirkt er wie die Erklärung.
Die kurze Antwort
Ein Auslöser sagt, wann etwas angefangen hat. Die Ursache wäre die Antwort auf das Warum – und die gibt es bei FNS nicht als Einzahl. Die Fachliteratur unterscheidet prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren. Verändern lässt sich in aller Regel nur die dritte Gruppe.
Körperliche Ereignisse stehen häufig am Anfang
Eine Arbeit an 50 Menschen mit funktioneller Bewegungsstörung fand bei 40 von ihnen ein körperliches Ereignis kurz vor Beginn: elf nach einer Verletzung, neun nach einem Infekt, acht nach einer neurologischen Erkrankung, dazu Schmerz, Arzneimittelreaktionen, Operationen und Ohnmachten. Bei 38 Prozent kam im Zusammenhang damit eine Panikattacke vor.1
Wie belastbar ist diese Zahl? 50 Personen sind eine kleine Stichprobe. Sie stammen aus einer spezialisierten Ambulanz, wurden also nicht zufällig ausgewählt, und die Angaben zum Beginn beruhen auf Erinnerung. Eine Kontrollgruppe gab es nicht. Als Aussage darüber, wie häufig körperliche Ereignisse bei allen Menschen mit FNS vorausgehen, taugt sie deshalb nicht. Sie zeigt, dass es diese Konstellation gibt und dass sie in dieser Stichprobe die Mehrheit betraf.
Die Rolle körperlicher Verletzungen am Beginn funktioneller Symptome ist bereits 2009 in einer Übersichtsarbeit zusammengetragen worden.2 Operationen, Unfälle und Infekte gehören damit zu den dokumentierten auslösenden Ereignissen.
Drei Gruppen von Faktoren
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 hat 23 Studien ausgewertet und die Befunde in drei Gruppen geordnet.3
Prädisponierende Faktoren machen anfällig. Genannt werden unter anderem Temperamentsmerkmale, Bindungserfahrungen und Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation. Sie erklären eher, warum es diesen Menschen trifft und nicht den daneben.
Auslösende Faktoren markieren den Beginn – körperlich oder psychisch: Verletzung, Infekt, Operation, akute Belastung, innerer Konflikt.
Aufrechterhaltende Faktoren sorgen dafür, dass es bleibt: Überzeugungen über die eigene Erkrankung, Vermeidung und Schonung – und ausdrücklich auch eine unzureichende Erklärung durch Behandelnde.3
Der Unterschied in einem Satz
Die Narkose ist vorbei, die Wunde ist verheilt. Das Symptom ist geblieben. Was es hält, ist etwas anderes als das, was es begonnen hat.
Es gibt nicht die Ursache
FNS entsteht aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren – körperlicher, psychischer und sozialer.3 Ein einzelnes Ereignis kann diese Rolle nicht ausfüllen, so genau es sich auch datieren lässt. Eine Operation, ein Unfall, ein einschneidendes Erlebnis können auslösen. Die Ursache sind sie deshalb nicht.
Wenn gar kein Auslöser zu finden ist
In derselben Untersuchung waren es zehn von fünfzig, bei denen kein körperliches Ereignis vorausging.1 Das macht die Diagnose nicht unsicherer. Sie wird an positiven klinischen Zeichen gestellt, nicht an der Vorgeschichte.
Behandlungsfehler und funktionelle Störung
Fehler bei Operationen und Behandlungen kommen vor, und sie können bleibende körperliche Schäden verursachen – eine Nervenverletzung, eine Fehlstellung, eine Durchblutungsstörung. Solche Schäden werden mit Bildgebung, Messung und Befund festgestellt.
Die funktionelle Diagnose kommt dort ins Spiel, wo sich derartige Schäden nicht finden lassen – oder wo ein gefundener Schaden einen Teil der Beschwerden erklärt, aber nicht alle.
Beides kann nebeneinander bestehen. Ein Eingriff kann strukturelle Folgen haben und zugleich eine funktionelle Störung auslösen. Er ist dann in beiden Fällen der Auslöser.
Zwei Fragen bleiben davon getrennt: die medizinische Einordnung der heutigen Beschwerden und die Frage, ob bei einem Eingriff ein Fehler unterlaufen ist. Eine FNS-Diagnose beantwortet die zweite Frage nicht – weder mit Ja noch mit Nein. Ihre Klärung erfolgt auf einem anderen Weg: über ein Gutachten und juristische Prüfung.
Die Schuldfrage
Aus einem Geschehen mit vielen Faktoren lässt sich keine Schuld ableiten, in keine Richtung. Wer anfällig war, hat sich das nicht ausgesucht. Wer einen Infekt hatte, war nicht unvorsichtig. Und wer eine Operation gebraucht hat, hat nichts falsch gemacht.
Was praktisch daran hängt
Den Auslöser kann niemand rückgängig machen. Die Operation ist gelaufen, der Sturz ist passiert, der Infekt ist vorbei. Wer die Erklärung dort sucht, sucht an einer Stelle, an der sich nichts mehr ändern lässt.
Die aufrechterhaltenden Faktoren sind das, woran Behandlung ansetzt. Physiotherapie bei FNS arbeitet gezielt daran: Bewegungen wieder automatisch werden lassen statt sie bewusst zu steuern, die Aufmerksamkeit umlenken, Vermeidung abbauen.4
Das ist keine Aufforderung, sich zusammenzureißen. Es ist die Feststellung, dass Behandlung dort ansetzt, wo gerade etwas geschieht.
Noch ein Begriff: der Trigger
Davon zu unterscheiden ist der Trigger: ein Reiz, der einzelne Symptomereignisse auslöst oder verstärkt – Geräusche, Licht, bestimmte Bewegungen, Aufregung. Er betrifft nicht den Beginn der Erkrankung, sondern den Tagesverlauf, und wird in der Fachliteratur als eigenes Merkmal geführt.5
Was die Einteilung nicht kann
Sie ist ein Ordnungsmodell, kein Messinstrument. Welcher Faktor bei welchem Menschen welche Rolle spielt, lässt sich im Einzelfall nicht bestimmen.
Auch die Datenlage dahinter ist begrenzt. Die systematische Übersichtsarbeit von 2025 fasst 23 Studien zusammen, die sich in Aufbau, Stichprobengröße und untersuchten Untergruppen deutlich unterscheiden.3 Vieles beruht auf Rückblicken der Betroffenen, nicht auf Beobachtung im Verlauf. Welcher Faktor was bewirkt, ist damit nicht geklärt – nur, welche Faktoren wiederholt beschrieben werden.
Auch die Grenzen sind nicht scharf. Anhaltender Schmerz kann auslösen und zugleich aufrechterhalten.
Zusammengefasst
Der Auslöser sagt, wann es anfing. Nicht, warum es bleibt. Bei den meisten Menschen mit FNS steht am Anfang ein körperliches Ereignis, bei einem Teil steht dort nichts – beides ist mit der Diagnose vereinbar. Eine einzelne Ursache gibt es nicht, und deshalb auch keinen Schuldigen.
Weiterlesen
Wie die Diagnose gestellt wird: Was ist FNS? Zu Verstärkungskreisläufen: Die Spirale. Wenn ein neuer Befund dazukommt: Wenn eine zweite Diagnose dazukommt. Zum Austausch im Netz: FNS und soziale Medien.
Quellen
- Pareés I, Kojovic M, Pires C et al. (2014): Physical precipitating factors in functional movement disorders. Journal of the Neurological Sciences 338:174–177. 50 Betroffene, bei 40 ein körperliches Ereignis kurz vor Beginn; Operationen als eine von acht Kategorien. doi:10.1016/j.jns.2013.12.046
- Stone J, Carson A, Aditya H et al. (2009): The role of physical injury in motor and sensory conversion symptoms – a systematic and narrative review. Journal of Psychosomatic Research 66:383–390.
- Risk, Precipitating, and Perpetuating Factors in Functional Neurological Disorder – A Systematic Review Across Clinical Subtypes (2025). Brain Sciences 15:907. Systematische Übersicht über 23 Studien; ordnet die Faktoren in prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende ein und nennt unter den aufrechterhaltenden ausdrücklich eine unzureichende Erklärung durch Behandelnde. doi:10.3390/brainsci15090907
- Nielsen G, Stone J, Matthews A et al. (2015): Physiotherapy for functional motor disorders – a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 86:1113–1119. doi:10.1136/jnnp-2014-309255
- Triggers in functional motor disorder – a clinical feature distinct from precipitating factors (2022). Journal of Neurology. doi:10.1007/s00415-022-11102-1
Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.
Hinweis: Die genannten Zahlen stammen aus Studien mit vielen Teilnehmenden. Über einen einzelnen Menschen sagen sie nichts aus. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche und keine rechtliche Beratung.