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Wissenschaft · Leitlinie 2026Neue Leitlinie 2026: FNS ist positiv diagnostizierbar – und behandelbar
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat ihre Leitlinie zu funktionellen Bewegungsstörungen 2026 vollständig überarbeitet. Sie räumt mit einem alten Missverständnis auf.
Lange galt die funktionelle neurologische Störung als „Ausschlussdiagnose“: Erst wenn Bildgebung und Labor nichts fanden, blieb FNS als Restkategorie übrig. Das hat Betroffene oft in eine zermürbende Odyssee geschickt – und den Verdacht genährt, es sei „nichts Richtiges“.
Die überarbeitete S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“ (AWMF-Register 030/148), veröffentlicht am 2. Februar 2026 unter Federführung von Prof. Dr. Anne Weißbach und unter Beteiligung von zehn weiteren Fachgesellschaften, kehrt das um. Ihr zentraler Satz: Die Diagnose soll über positive klinische Zeichen gestellt werden, nicht durch bloßen Ausschluss. Es gibt typische, im Untersuchungsgespräch prüfbare Befunde – etwa das Hoover-Zeichen (eine funktionelle Beinschwäche normalisiert sich kurz, wenn das gesunde Bein aktiv wird) oder das Entrainment (ein funktioneller Tremor übernimmt den Rhythmus einer vorgegebenen Bewegung). Auch die typische Variabilität der Symptome durch Aufmerksamkeitslenkung ist ein diagnostisches Merkmal. FNS ist also etwas, das man feststellen kann – nicht etwas, das übrig bleibt.
Ebenso wichtig ist, wie die Diagnose vermittelt wird. Die Leitlinie betont eine empathische Diagnosevermittlung: Betroffene sollen verstehen, was FNS ist und warum die Beschwerden real sind. Diese Verständigung ist kein Beiwerk, sondern gilt als Teil der Behandlung, weil sie Diagnoseakzeptanz und Krankheitsverständnis fördert.
Für die Therapie gibt die Leitlinie eine klare Richtung vor: transdisziplinär und integriert. Empfohlen werden Physiotherapie mit aktiven Methoden (weniger passive Anwendungen), Psychotherapie bei anhaltenden Beschwerden und individuell koordinierte Behandlungspläne unter fachärztlicher Hauptverantwortung. Eine parallele psychiatrisch-psychosomatische Einschätzung wird empfohlen. Ausdrücklich gilt: Es gibt keine Medikamente gegen die Grundstörung selbst – Wirkstoffe kommen höchstens bei Begleitbeschwerden zum Einsatz.
Damit steht FNS heute dort, wo Betroffene es verdienen: als eine Erkrankung, die man mit anerkannten Zeichen erkennen und mit wirksamen, aufeinander abgestimmten Therapien behandeln kann. Wie es ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt formuliert – es geht darum, FNS „vom Stigma der Hysterie“ zu lösen.
Quellen: DGN – S2k-Leitlinie Funktionelle Bewegungsstörungen (2026, AWMF 030/148) · Deutsches Ärzteblatt – „Vom Stigma der Hysterie lösen“
Grundlage ist die S2k-Leitlinie „Funktionelle Bewegungsstörungen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, AWMF-Registernummer 030/148, in der vollständig überarbeiteten Fassung vom 2. Februar 2026, gültig bis 1. Februar 2031. Sie ist frei zugänglich.
Zwei Hinweise zur Einordnung: Eine S2k-Leitlinie beruht auf einem strukturierten Konsens von Fachleuten, nicht auf einer systematischen Bewertung der Studienlage – das wäre eine S3-Leitlinie. Und der Titel bezieht sich auf funktionelle Bewegungsstörungen; für andere Erscheinungsformen wie funktionelle Anfälle oder kognitive Symptome gelten die Aussagen nicht unmittelbar.
Leitlinien richten sich an Behandelnde, nicht an Betroffene. Sie begründen keinen individuellen Anspruch auf eine bestimmte Behandlung – können aber im Gespräch mit Ärztinnen und Therapeut:innen sehr hilfreich sein.
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Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin mit 31 Jahren Berufserfahrung, ausgebildete Wissenschaftsjournalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung.