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FNS und Gesellschaft„Sickfluencer“
Was der Telegraph behauptet und was davon belegt ist
Sechs Behauptungen, einzeln geprüft.
Kurz gefasst
Zwei der Behauptungen sind belegt, drei teilweise, eine nicht. Der Text macht daraus eine durchgehende Geschichte. In den Antworten darauf gerät auch das Belegte unter die Räder.
Worum es geht
Am 5. September 2026 erschien im britischen Telegraph ein Kommentar unter der Überschrift „How having a disability became cool“. Geschrieben hat ihn Poppy Coburn, dort stellvertretende Leiterin des Meinungsressorts.1
Ein Kommentar also, kein Bericht. Das Genre erlaubt Zuspitzung. Es erlaubt nicht, Vermutungen als Befunde auszugeben – und genau das geschieht an mehreren Stellen.
Der Telegraph ist eine überregionale Tageszeitung mit konservativer Ausrichtung und führt Debatten über Sozialleistungen und Diagnosezahlen mit erkennbarer Richtung.
Zwei Trugschlüsse
Zugespitzt läuft die Diskussion zwischen zwei Sätzen ab.
Mit dem einen wurde sie eröffnet: Jeder, der im bunten Rollstuhl sitzt und ein gemustertes Pflaster an der Nase trägt, spielt uns etwas vor.
Der andere beschreibt viele Reaktionen darauf: Jeder, der im bunten Rollstuhl sitzt und ein gemustertes Pflaster an der Nase trägt, ist zweifelsfrei krank.
Dasselbe Merkmal, zwei entgegengesetzte Gewissheiten. Was dazwischen liegt, kommt in der Diskussion kaum vor.
Der eröffnende Satz lässt nicht zu, dass die Beschwerden echt sind. Die Antwort darauf lässt nicht zu, dass es auch anders sein kann. Beides kommt vor, und keines lässt sich an einem Hilfsmittel ablesen.
Die Zahlen
Bevor es um die Behauptungen geht, um das, worauf sie sich stützen.
Wann Zahlen misstrauisch machen sollten
Körperliche Merkmale verteilen sich in großen Bevölkerungen um einen Mittelwert herum, und diese Verteilung verändert sich langsam. Biologie springt nicht.
Wenn eine Zahl in kurzer Zeit stark steigt, kommt dafür meist etwas anderes in Frage: die Aufmerksamkeit, die Kriterien, der Zugang zur Diagnose – oder das Phänomen ist neu.
Beim hypermobilen Ehlers-Danlos-Syndrom kommt hinzu, dass es als einziger Subtyp ohne genetischen Marker auskommt. Die Diagnose wird nach klinischen Kriterien gestellt.2 Das macht sie anfälliger für Verschiebungen der Diagnosepraxis.
Was diese Diagnosen gemeinsam haben
ADHS, Autismus, POTS, hEDS, FNS, Long Covid, Post-Vac: Für keine dieser Diagnosen gibt es einen objektiven Test. Entschieden wird nach Kriterien, Gespräch und ärztlichem Urteil.
Das wirkt in beide Richtungen.
Ohne Test bleiben echte Fälle liegen. Bei hEDS sind Verzögerungen von vielen Jahren dokumentiert, bei POTS wird häufig zuerst eine Angststörung diagnostiziert.211 Wächst das Bewusstsein, steigen die Zahlen – zu Recht.
Ohne Test kann die Praxis sich verschieben. Ein Kriterium wird weiter ausgelegt, ein Fragebogen ersetzt das Gespräch. Die Zahlen steigen, ohne dass sich an den Menschen etwas geändert hat.
Und ohne Test lässt sich eine Darstellung nicht widerlegen. Wer sieht, wie eine Erkrankung aussieht, und weiß, dass niemand das Gegenteil beweisen kann, hat eine Vorlage. Die Kommentarliteratur zur ADHS-Überdiagnose nennt Simulation ausdrücklich als eine von mehreren Quellen.12
Wie ein biologischer Anstieg aussieht
Zum Vergleich ein Krankheitsbild mit geklärter Ursache. Diabetes Typ 2 ist über Jahrzehnte häufiger geworden, parallel zu Ernährung, Körpergewicht, Bewegung und steigendem Lebensalter. Die Kurve steigt stetig, über Generationen, und jeder Faktor dahinter lässt sich benennen und messen.
So sieht es aus, wenn sich Biologie in einer Bevölkerung verändert.
Die Zahlen im Einzelnen
Die pauschale Rede vom Anstieg verdeckt, dass die hier genannten Diagnosen sich unterschiedlich verhalten.
Autismus. Von einem unter 2.000 auf einen unter 31 – das ist mehr als eine Verfünfzigfachung in etwa fünfzig Jahren.1 Biologisch ist das nicht erklärbar: Erbgut verändert sich über Generationen nicht in dieser Größenordnung. Die Fachliteratur führt den Anstieg überwiegend auf erweiterte Diagnosekriterien und gewachsenes Bewusstsein zurück. Hier ist die Sache weitgehend geklärt.
POTS nach Covid. Hier ist ein biologischer Weg vorhanden. Ein neuer Erreger hat Milliarden Menschen erreicht, und Funktionsstörungen des vegetativen Nervensystems nach Virusinfektionen sind seit langem beschrieben. Ein Anstieg ist in dieser Lage zu erwarten und kein Widerspruch zur Normalverteilung.
Hypermobiles Ehlers-Danlos-Syndrom. Die Zahl 1:800 stammt aus einer Auswertung bestehender Krankenakten – sie beschreibt eine korrigierte Schätzung, nicht eine gemessene Zunahme.2 Wer sie als Anstieg zitiert, verwechselt zwei Dinge.
Der Fall, der aus der Reihe fällt
Bei den Meldungen zum Post-Vac-Syndrom passt die Verteilung nicht.
Deutschland stellt etwa ein Prozent der Weltbevölkerung und hat gut 192 Millionen Impfungen durchgeführt – einen kleinen Bruchteil der weltweit verabreichten Dosen. Gemeldet wurden von hier 1.452 von weltweit 2.657 Verdachtsfällen.13
Das ist keine Abweichung um Prozentpunkte, sondern um eine Größenordnung. Eine biologische Erklärung dafür gibt es nicht. Deutsche Körper reagieren nicht anders auf denselben Impfstoff.
Das Paul-Ehrlich-Institut hält in seinem Bericht selbst fest, dass hierzulande keineswegs die Hälfte aller Impfdosen verabreicht wurde.13 Woran es liegt, ist nicht geklärt.
Bemerkenswert: Die Beschwerden, die das Institut unter dem Begriff aufführt, sind chronisches Erschöpfungssyndrom, POTS und Zustandsverschlechterung nach Belastung13 – dieselben, um die die Sichtbarkeitsdebatte kreist.
Was daraus folgt
Drei Erklärungen stehen zur Verfügung, und keine schließt die anderen aus:
- Es wird gefunden, was früher übersehen wurde.
- Die Diagnosepraxis hat sich verschoben.
- Es kommen Fälle hinzu, die ohne die Darstellung nicht entstanden wären – unbewusst oder nicht.
Beim Autismus reichen die ersten beiden weit. Bei POTS nach Covid kommt eine biologische Erklärung hinzu. Bei den Post-Vac-Meldungen greift keine der beiden.
Diese Frage wird selten offengelassen. Beantwortet wird sie mit alles oder mit nichts. Wahrscheinlicher ist: ein Teil – und welcher, weiß niemand.
Behauptung 1: Bestimmte Diagnosen haben stark zugenommen belegt
Der Anstieg ist real. Autismus wurde vor fünfzig Jahren bei etwa einem von 2.000 Kindern diagnostiziert, 2022 in den USA bei einem von 31. Ein Viertel der Briten gilt heute als behindert.1
Was er bedeutet, ist damit nicht gesagt – siehe oben.
Behauptung 2: Auf Instagram entsteht eine eigene Ästhetik belegt
Der Text beschreibt kuratierte Infografiken in Pastellfarben, rosa Rollstühle, bestickte Kompressionsstrümpfe.1
Das lässt sich nachsehen, und die Antworten auf den Text bestätigen es. Mehrere Betroffene sind ihn Absatz für Absatz durchgegangen und haben die genannten Gegenstände ins Bild gehalten. Widerlegt wird damit die Deutung, nicht die Beobachtung.
Die Verbreitung ist ebenfalls messbar. Videos mit den Kennzeichnungen zu Tics und Tourette wurden seit Beginn der Pandemie über neun Milliarden Mal aufgerufen, Videos zu FNS über 450 Millionen Mal.3
Behauptung 3: Dahinter steht soziale Ansteckung teilweise
Für ein Beschwerdebild ist das gut belegt. Ab 2021 meldeten Kliniken weltweit auffällig viele neue Fälle von Tics bei jungen Frauen – mit einem Bild, das zu einem Tourette-Syndrom nicht passte.4
Eine Fallserie dokumentierte fünf davon. Alle hatten vor Beginn ihrer Beschwerden entsprechende Darstellungen gesehen. Im deutschsprachigen Raum führte eine Arbeitsgruppe aus Hannover die Häufung auf einen reichweitenstarken Videokanal zurück.4
Der plötzliche Beginn, das einheitliche Bild und die Konzentration auf eine Altersgruppe passten nicht zu übersehenen Altfällen. Die Arbeiten sprechen deshalb von neuen Fällen.4
Die Autoren halten aber selbst fest: Die Reihenfolge der Ereignisse lege einen ursächlichen Zusammenhang nahe – eindeutige Kriterien dafür fehlten.4 Eine Übersichtsarbeit ordnet soziale Medien als einen von mehreren Faktoren ein und hält die Pandemie für den wahrscheinlicheren.5
Für andere Beschwerdebilder ist die Frage offen. Was sich an einem Symptom zeigen ließ, lässt sich nicht ungeprüft übertragen.
Und was mit Absicht geschieht
Wer ein Bewegungsmuster hundertfach gesehen hat, kann es auch darstellen. Zwischen Lernen am Modell und bewusster Nachahmung verläuft keine sichtbare Grenze. Wie häufig das vorkommt, ist nicht untersucht.
Behauptung 4: Die Medizin bestätigt zu bereitwillig kommt darauf an
Der Text kritisiert Anbieter, die Diagnosedienstleistungen verkaufen. Einer davon gab sich als Arzt aus und war Heilpraktiker und Yogalehrer.1 Dazu Konten mit nicht gekennzeichneter Werbung für Kompressionsstrümpfe und Nahrungsergänzungsmittel.1 Das ist nachprüfbar.
Wo der Vorwurf Stützung findet
Bei ADHS im Erwachsenenalter gibt es eine fachliche Debatte über Überdiagnose. Eine Kommentararbeit von 2025 nennt als Quellen: mangelnde Beachtung der Diagnosekriterien, schlechte diagnostische Praxis, Simulation und eine kulturelle Verschiebung im Gebrauch des Begriffs.12
Auch in der FNS-Fachgemeinschaft wird gefragt. Auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft FNS steht 2026 ein Workshop zu artifiziellen Störungen auf dem Programm.6
Wo er nicht trägt
Bei POTS und hEDS ist die dokumentierte Schwierigkeit die umgekehrte. Beide werden nach Angaben der Fachliteratur häufig zuerst als psychische Erkrankung eingeordnet, die Diagnose verzögert sich dadurch um Jahre.11 Die Kriterien für hEDS gelten manchen Fachleuten als zu eng, nicht als zu weit.2
Bei FNS hat ein Übersichtsartikel aus Edinburgh zusammengetragen, welche Schäden durch die Versorgung entstehen: späte Diagnosen, Fehldiagnosen in beide Richtungen, Stigmatisierung.7
Der Vorwurf trifft also je nach Diagnose etwas anderes. Wer ihn pauschal erhebt, trifft auch die, deren Problem das Gegenteil war.
Behauptung 5: Es geht um Identität und Status durch Leiden Hypothese
Der Text schließt: Wo keine körperliche Ursache vorliege, gehe es wahrscheinlich um den Wunsch, den eigenen Status durch Leiden zu erhöhen.1
Das Phänomen gibt es. Dass eine Erkrankung Teil der Identität wird, ist beschrieben – und kann Besserung erschweren, weil daran Rollen, Zugehörigkeit und Gemeinschaft hängen. Ausführlich dazu: Wenn die Krankheit zur Identität wird.
Eine Vermutung darüber aufzustellen ist auch nicht unwissenschaftlich. Am Anfang jeder Untersuchung steht eine Hypothese.
Der Unterschied liegt darin, was danach kommt. Eine Hypothese wird geprüft. Hier tritt sie als Ergebnis auf – ohne Zahlen darüber, auf wie viele sie zutrifft.
Was daneben bekannt ist
Bei funktionellen Symptomen zählen Lernen, Erwartung, Aufmerksamkeit und Kontext zu den Faktoren, die Beschwerden aufrechterhalten können.8 Das ist untersucht und kommt ohne eine Annahme über Statusgewinn aus.
Auch andere Beweggründe sind denkbar: Zugehörigkeit, eine Erklärung für Jahre ohne Diagnose, Entlastung. Welcher davon in welchem Fall wirkt, lässt sich von außen nicht bestimmen.
Der Kern trifft für einen Teil zu. Der Fehler liegt im Sprung von diesem Teil auf alle.
Behauptung 6: Daraus folgt wirtschaftliche Untragbarkeit nicht belegt
Der Trend ist real. In Großbritannien waren Ende 2025 rund 2,8 Millionen Menschen wegen Langzeiterkrankung nicht erwerbstätig, gegenüber etwa zwei Millionen im Jahr 2019.9 Zwischen 2019 und 2022 stieg die Zahl bei den 16- bis 34-Jährigen um 140.000, bei den 35- bis 49-Jährigen um 32.000.9
Die Ursachen sind umstritten. Genannt werden Long Covid, Wartezeiten im Gesundheitssystem, psychische Erkrankungen und methodische Effekte der Erhebung.9 Das statistische Amt selbst nennt keine eindeutige Erklärung.9
Zwischen „manche Diagnosen werden zu häufig gestellt“ und „deshalb sind die Sozialausgaben nicht tragbar“ liegen mehrere Schritte, die der Text nicht geht, sondern überspringt.
Wo der Text polemisiert
Ein Kommentar darf zuspitzen. An diesen Stellen tut er etwas anderes.
Der Einstieg. Er führt über eine Demonstration für Rechte von trans Personen, bei der auffällig viele Gehstöcke zu sehen gewesen seien.1 Das ist kein Argument, sondern eine Rahmung.
Die Reihung. Soziale Ansteckung wird zusammen mit Bulimie, Selbstverletzung und „Transgender-Ideologie“ genannt.1 Ein Phänomen mit einer „Ideologie“ gleichzusetzen, ist keine Analyse.
Der Vergleich. Eine Krankheits-Influencerin wolle ebenso wenig gesund werden wie eine trans Person zu ihrem Geburtsgeschlecht zurück.1 Eine Aussage über das Innenleben zweier Gruppen.
Die Ferndiagnose. Eine Popmusikerin wird anhand ihrer Auftritte beurteilt: Sie habe ihre Tics in einem Interview gezeigt und danach kaum wieder.1 Aus Auftritten folgt keine Diagnose und erst recht nicht deren Fehlen.
Dazu die Konstruktion selbst: Nimmt jemand eine psychosomatische Erklärung an, gilt sie als bestätigt. Lehnt er sie ab, gilt die Ablehnung als Beleg. Eine Annahme, die sich nicht widerlegen lässt, ist keine Erkenntnis.
Was der Aufschrei zeigt
Der Text polemisiert, pauschalisiert und schließt an mehreren Stellen von einem Zusammenhang auf eine Ursache.
Er berührt dabei einen realen Konflikt: die Frage, wann Sichtbarkeit, Gemeinschaft und Aufklärung helfen – und wann sie Krankheitsidentität, Symptomfokus oder soziale Verstärkung fördern.
Der heftige Widerspruch beweist nicht, dass der Artikel recht hat. Er zeigt, dass die Frage einen empfindlichen und bislang nicht ausreichend geklärten Bereich trifft.
Was ein Hilfsmittel zeigt
Ein Rollstuhl zeigt, dass jemand ihn benutzt. Nicht warum, nicht wie stark die Beschwerden sind, nicht ob es anders auch ginge. Wo kein struktureller Schaden vorliegt, belegt das Hilfsmittel nichts.
Deshalb funktioniert dasselbe Bild in beide Richtungen. Gezeigt wird der rosa Rollstuhl als Beleg dafür, dass jemand krank ist – und derselbe Rollstuhl als Beleg für eine Ästhetik. Gelesen wird, was man schon dachte.
Damit kehrt sich die Rechnung um. Wer ein Hilfsmittel zeigt, um ernst genommen zu werden, liefert den Gegenstand, an dem gezweifelt wird.
Aufklärung und Einflussnahme sind dasselbe
Das Gegenargument lautet: Ich bin kein Influencer, ich mache Aufklärung.
Nur entsteht Bewusstsein nicht dadurch, dass etwas ins Netz gestellt wird. Es entsteht durch Reichweite – und die entsteht durch Likes, Kommentare und einen Algorithmus.
In der Forschung ist der Begriff gesetzt. Eine Interviewstudie mit 26 Betroffenen verwendet durchgängig patient influencer und beschreibt sie als Menschen, die Inhalte erstellen, um Aufmerksamkeit für eine Erkrankung zu schaffen.10
Einfluss zu nehmen ist nichts Ehrenrühriges. Wer ihn nimmt, kann aber gefragt werden, was er bewirkt.
Was der Absolutismus anrichtet
Auf der einen Seite ist der Schaden offensichtlich: Wer alle unter Verdacht stellt, trifft die Erkrankten.
Auf der anderen wirkt er länger. Wer als Grundsatz vertritt, dass jede Darstellung echt ist, macht die Tür auf. Wo nicht gefragt wird, ist der Zutritt frei.
Und wenn ein solcher Fall auffliegt, trifft der Schaden alle, die dieselben Beschwerden haben. Der nächste Beitrag über „Sickfluencer“ hat dann ein Beispiel.
Eine Gemeinschaft, die niemanden hinterfragt, schützt ihre Mitglieder nicht. Sie macht sie angreifbar.
Unsere Position
FNS ist real. Betroffene verdienen Respekt und angemessene Behandlung. Sichtbarkeit kann dabei helfen.
Der Telegraph-Text spitzt etwas zu, das es gibt – und macht daraus eine Aussage über alle. In manchen Antworten darauf fällt auch das weg, was zutrifft. Wer sich äußert, muss weder das eine noch das andere tun.
Modelllernen, soziale Verstärkung, Krankheitsidentität und Ambivalenz gegenüber Besserung müssen besprechbar bleiben. Gerade weil wir FNS ernst nehmen. Nicht obwohl wir es tun.
Weiterlesen
Zur Frage, wem man beim Folgen begegnet: Toxische Awareness. Zur Sichtbarkeit und ihren Grenzen: Die Krankheit als Kanal.
Quellen
- Coburn P (2026): How having a disability became cool. The Telegraph, 5. September 2026. Kommentar, rund 3.400 Wörter. Die Autorin ist dort Associate Comment Editor.
- Understanding Comorbidities in Hypermobile Ehlers-Danlos Syndrome (2025), Vorabveröffentlichung ohne abgeschlossene Begutachtung. Auswertung von Daten aus über 23 Millionen Patientenakten; geschätzte Häufigkeit rund 1:800, etwa 80 Prozent der Betroffenen weiblich; hEDS ist der einzige Subtyp ohne bekannten genetischen Marker und wird klinisch diagnostiziert.
- Journalistische Zusammenstellung zur Verbreitung: Videos mit den Kennzeichnungen #Tics und #Tourettes wurden seit Beginn der Pandemie über neun Milliarden Mal aufgerufen, Videos mit #FND über 450 Millionen Mal. Scienceline, April 2022.
- Müller-Vahl KR, Pisarenko A, Jakubovski E, Fremer C (2022): Stop that! It’s not Tourette’s but a new type of mass sociogenic illness. Brain 145(2):476–480. doi:10.1093/brain/awab316. Die Arbeitsgruppe der Medizinischen Hochschule Hannover prägt den Begriff mass social media-induced illness und benennt einen deutschen YouTube-Kanal als virtuellen Indexfall. Fortführung: Fremer C et al. (2022), Frontiers in Psychiatry 13:963769; sowie European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience (2023), doi:10.1007/s00406-023-01603-z.
- Functional tics, the pandemic and social media. Advances in Clinical Neuroscience & Rehabilitation (2025).
- Programm der Gemeinsamen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Funktionelle Neurologische Störungen und des Experten-Panels Psychosomatische Epileptologie 2026.
- Mcloughlin C, Lee WH, Carson A, Stone J (2025): Iatrogenic harm in functional neurological disorder. Brain 148(1):27–38. doi:10.1093/brain/awae283
- Risk, Precipitating, and Perpetuating Factors in Functional Neurological Disorder (2025). Brain Sciences 15:907. doi:10.3390/brainsci15090907
- Office for National Statistics, Erhebungen zur wirtschaftlichen Inaktivität; Resolution Foundation und Institute for Fiscal Studies zu den Ursachen. Rund 2,8 Millionen Menschen wegen Langzeiterkrankung nicht erwerbstätig (Ende 2025), gegenüber etwa zwei Millionen 2019; Anstieg 2019 bis 2022 bei den 16- bis 34-Jährigen um 140.000.
- Communicating Health Literacy on Prescription Medications on Social Media – In-depth Interviews With „Patient Influencers“ (2023). Journal of Medical Internet Research. PMC10131845
- Psychiatric Disorder in Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome and Ehlers-Danlos Syndrome-Hypermobility Type. Zur häufigen Ersteinordnung als psychische Erkrankung und zur daraus folgenden Verzögerung der Diagnose.
- Commentary on Sources of Attention-Deficit/Hyperactivity Overdiagnosis Among U.S. Adults (2025). Healthcare. Nennt mangelnde Beachtung der DSM-5-TR-Kriterien, schlechte diagnostische Praxis, Simulation, Ablenkung durch Geräte und kulturelle Verschiebungen im Gebrauch des Begriffs. PMC12469559
- „Post-Vac-Syndrom“: Mehr als die Hälfte der weltweiten Fälle in Deutschland registriert. Deutsches Ärzteblatt, 29. Juni 2023, nach dem Bulletin zur Arzneimittelsicherheit des Paul-Ehrlich-Instituts. 1.452 von weltweit 2.657 Verdachtsfällen bis 31.03.2023; genannte Beschwerden: CFS/ME, POTS und Post-exertional Malaise; mehr als 192 Millionen Impfungen in Deutschland bis Anfang April 2023.
Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.