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FNS und soziale MedienToxische Awareness
Selbstdarstellung, Modelllernen und externe Regulation bei FNS
Es gibt Profile, die über FNS aufklären. Und es gibt Profile, bei denen die Betroffenen, denen angeblich geholfen werden soll, nichts weiter sind als Mittel zum Zweck: Publikum für einen Selbstwert, der von außen kommen muss.
Was Betroffene bewegt, die ihre Erkrankung öffentlich machen, behandelt Die Krankheit als Kanal. Hier geht es um die andere Seite: um Aufklärung darüber, wem man beim Folgen begegnet.
Die kurze Antwort
Ein Profil ist keine geprüfte Quelle, nur weil es von Betroffenen kommt. Was dort über Diagnosen und Behandlung steht, kann niemand nachprüfen – und was es über die Erkrankung vermittelt, kann anderen schaden.
Was Sichtbarkeit leisten kann
Austausch unter Betroffenen ist wichtig und kann guttun. Wer jemanden findet, der dieselben Beschwerden beschreibt, fühlt sich weniger fremd damit – ob in einer Klinik, einer Gruppe vor Ort oder online.
Die kuratierte Unmittelbarkeit
Was als der Teil angekündigt wird, den sonst niemand sieht, ist ausgewählt, geschnitten, untertitelt und mit Musik unterlegt.
Das Ungefilterte ist das am sorgfältigsten Gemachte.
In der Forschung zu sozialen Medien heißt das performative authenticity: Echtheit als etwas, das hergestellt und mit dem Publikum ausgehandelt wird.1 Wer sie zeigt, muss sie inszenieren – sonst würde sie niemand sehen.
Zugespitzt: Kuratiert wird die Botschaft, dass hier nichts kuratiert ist.
Schwere als Währung
Betroffenen begegnen dort auch Sätze darüber, dass Behandelnde einen solchen Fall noch nie gesehen hätten. Solche Aussagen ordnen die Erkrankung nicht ein, sie heben sie heraus.
Dahinter steht eine Ökonomie: Wo Anerkennung knapp ist, wird Schwere zur Währung. Ausführlich dazu: Wer ist am kränksten? Was die Erkrankung im Selbstbild einnehmen kann: Wenn die Krankheit zur Identität wird.
Die vorgeschobene Begründung
Aus „Ich veröffentliche viel von meinem Kranksein“ wird „Ich muss das veröffentlichen, weil ich anderen damit helfe.“
Der zweite Satz kann ein Schutzschild sein. Er verwandelt Selbstdarstellung in eine Pflicht und macht sie damit unangreifbar. Wer fragt, ob wirklich jeder Anfall öffentlich sein muss, steht plötzlich gegen Aufklärung und gegen Betroffene.
Wo das so eingesetzt wird, ist es eine Immunisierung.
Wir wissen nicht, was die Motivation ist
Ob Aufklärung der Antrieb hinter einem Account ist – oder ob er der Selbstdarstellung dient, der Regulierung des Selbstwerts, dem Erhalt einer Krankheitsidentität oder deren Legitimation –, wissen wir nicht.
Massive öffentliche Krankheitsdarstellung kann selbst eine seelische Funktion erfüllen. Sie kann Ausdruck einer zusätzlichen Problematik sein.
In Betracht kommen etwa: die Regulierung von Selbstwert und Gefühlen über die Reaktionen anderer, ein starkes Bedürfnis nach Mitleid oder Fürsorge, die Suche nach Bewunderung, das Bedürfnis nach Besonderheit, ein dramatischer Darstellungsstil, eine ausgeprägte Patientenidentität – und in bestimmten Fällen bewusste Übertreibung oder Täuschung.
Dazu können persönlichkeitsbezogene Muster gehören. Bei einer narzisstischen Struktur etwa hängt das Selbstbild an Bewunderung und Bestätigung von außen; bei einer histrionischen steht das Bedürfnis im Vordergrund, im Mittelpunkt zu stehen, oft mit dramatischer Darstellung. Solche Strukturen sind selbst behandlungsbedürftig und können neben anderen Erkrankungen bestehen – auch neben einer FNS.
Der Effekt kann dann emotionale Ausbeutung sein. Ein Publikum, das aus Mitgefühl folgt, wird zur Ressource: Es liefert Zuspruch, Sorge und Aufmerksamkeit – und bekommt dafür etwas, das ihm nicht guttut.
Wo die Grenze liegt
Dafür gibt es einen alten Maßstab. Immanuel Kant verlangt in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, den Menschen „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ zu behandeln.6
Das entscheidende Wort ist bloß. Menschen als Mittel zu gebrauchen, ist alltäglich: Wer eine Frage stellt, nutzt das Wissen des anderen. Verboten ist auch das Weitergehende nicht – die Frage ist keine rechtliche, sondern eine ethische.
Sie stellt sich dort, wo jemand nur noch Mittel ist. Wo die eigenen Zwecke der anderen keine Rolle mehr spielen – auch nicht deren eigene Erkrankung.
Wer sich für den Selbstwert ein Publikum hält, interessiert sich nicht dafür, wie es diesem Publikum geht. Das ist die Grenze, um die es hier geht.
Kant nennt das an anderer Stelle Verdinglichung: einen Menschen zur Sache herabzuwürdigen.6
Awareness als Legitimation
Hier setzt der zweite Teil an. Der Satz lautet dann nicht „Ich zeige das, weil ich Aufmerksamkeit brauche“, sondern „Ich muss das zeigen, damit andere sich nicht allein fühlen“.
Das kann eine Rationalisierung sein: eine gesellschaftlich akzeptierte Begründung für ein Verhalten, das andere Bedürfnisse bedient. Es kann auch berechnet sein. Von außen unterscheidet sich beides nicht.
Der Unterschied für Außenstehende: Kritik wird damit schwer. Wer nachfragt, gerät leicht in die Position, gegen Betroffene zu sein.
Und: Wir wissen nicht, ob es stimmt
Ein Punkt, der in der Diskussion meist fehlt. Was in solchen Beiträgen über Diagnosen, Untersuchungen oder ärztliche Aussagen berichtet wird, ist nicht überprüfbar.
Wenn jemand schreibt, eine Ärztin habe etwas Bestimmtes gesagt, ist das eine Wiedergabe aus zweiter Hand. Wir kennen weder den Wortlaut noch den Zusammenhang noch das, was davor und danach gesagt wurde.
Das gilt auch für fachliche Aussagen über die Erkrankung selbst. Wer aus einem Profil lernt, wie FNS diagnostiziert oder behandelt wird, lernt aus einer Quelle, die niemand geprüft hat.
Praktische Regel: Fachliche Aussagen gehören belegt. Wo kein Beleg steht, ist es eine Erfahrung – und Erfahrungen sind wertvoll, aber nicht übertragbar.
Die Sätze, die sich wiederholen
Einzeln ist an keinem dieser Sätze etwas auszusetzen: Niemand hat mir geglaubt. Mein Fall war so schwer wie keiner zuvor. Nur Spezialisten verstehen mich. Ich zeige euch, was sonst niemand sieht.
Als wiederkehrendes Muster entsteht daraus eine Botschaft, die niemand ausspricht:
Je schwerer, außergewöhnlicher und sichtbarer die Erkrankung, desto mehr Bedeutung, Gemeinschaft und Anerkennung.
Wenn die Erkrankung die Erzählung ordnet
Ein drittes Muster zeigt sich in Rückblicken. Ein Jahr wird chronologisch erzählt, und beinahe jedes Ereignis bekommt seinen Platz in derselben Reihe: Verschlechterung, Klinik, Krise, Rettung, nächste Verschlechterung.
Gutes kommt darin vor. Aber es erscheint als Lichtblick innerhalb der Leidensgeschichte, nicht als etwas, das daneben besteht. Es gibt keine zweite, gewöhnliche Biografie.
Die Erkrankung ist dann nicht mehr ein Teil der Lebensgeschichte. Sie ist das Ordnungssystem, in dem alles andere seinen Platz zugewiesen bekommt.
Das ist eine sehr stabile Erzählweise. Sie kann alles Neue aufnehmen und bestätigt sich dabei selbst. Ob das konkrete Jahr richtig erzählt ist, spielt dabei keine Rolle – entscheidend ist, welche Kategorie noch zur Verfügung steht.
Warum das anderen schaden kann
Menschen lernen auch durch Beobachtung. Bei funktionellen Symptomen spielen Lernen, Erwartung und Aufmerksamkeit eine Rolle – sie zählen zu den Faktoren, die Symptome aufrechterhalten können.2 Modelllernen setzt dabei kein Nachmachen voraus. Es läuft ab, während jemand zusieht.
Ein Feed aus Anfällen, Hilfsmitteln, Notfallsituationen und ausführlichen Körpersignalen kann deshalb mehr bewirken als Aufklärung. Er kann die Aufmerksamkeit auf Körpersignale lenken, Erwartungen darüber prägen, wie FNS aussieht, und den sozialen Wert bestimmter Symptome erhöhen.
Was die Plattform dazu beiträgt – und was in Online-Gemeinschaften über die Zeit geschieht – behandeln Die Krankheit als Kanal und Wer ist am kränksten?
Was andere dabei lernen können
Der Schaden betrifft nicht nur die Person selbst. Wer regelmäßig zusieht, kann etwas mitnehmen, das nirgends geschrieben steht:
- So sieht schwere FNS aus.
- Damit muss ich dauerhaft rechnen.
- Immer neue Symptome gehören dazu.
- Hilfsmittel und Klinik sind Bestandteile der Identität.
- Wer wirklich schwer krank ist, muss das zeigen.
- Anerkennung gibt es über Schwere und Besonderheit.
Woran sich etwas erkennen lässt
Nicht an einzelnen Beiträgen. An dem, was über längere Zeit entsteht.
Kommt etwas anderes vor? Arbeit, Freundschaften, Interessen, gute Tage – oder ist jeder Beitrag mit der Erkrankung verknüpft?
Wird eingeordnet oder herausgehoben? Wird gesagt, dass Verläufe verschieden sind – oder dass der eigene beispiellos ist?
Gibt es Belege? Werden fachliche Aussagen mit Quellen versehen oder nur behauptet?
Ist Widerspruch möglich? Oder wird jede Nachfrage als Angriff auf Betroffene behandelt?
Wohin führt es? Zu Behandlung, zu Fachstellen, zu Selbstwirksamkeit – oder zurück auf das Profil?
Was daraus nicht folgt
Wer über seine Erkrankung schreibt, tut damit nichts Falsches.
Was folgt, ist Vorsicht beim Folgen. Ein Profil ist keine Informationsquelle, nur weil es von Betroffenen kommt. Und was sich gut anfühlt, ist nicht dasselbe wie das, was hilft.
Was dieser Text nicht leisten kann
Wie häufig die beschriebenen Muster vorkommen, ist nicht untersucht. Belegt sind die Belohnungsstruktur der Plattform, die Wirkung von Online-Gemeinschaften und die Rolle von Aufmerksamkeit bei funktionellen Symptomen. Der Zusammenhang zwischen beidem ist plausibel, aber nicht gemessen.
Zusammengefasst
Ein Account mit Aufklärungsanspruch kann aufklären. Er kann auch etwas ganz anderes tun – und beides kann zutreffen, ohne dass jemand lügt.
Wer folgt, sollte deshalb dieselben Fragen stellen wie bei jeder anderen Quelle: Was wird belegt? Was wird herausgehoben?
Die Frage lautet nicht: Darf man Krankheit öffentlich zeigen?
Sie lautet: Welche Vorstellung von FNS entsteht dabei – und fördert sie Selbstwirksamkeit, oder verstärkt sie Symptomfokus, Besonderheitswettbewerb und eine Identität, aus der die Erkrankung kaum noch herauslösbar ist?
Weiterlesen
Zur Sichtbarkeit und ihren Grenzen: Die Krankheit als Kanal. Zur Rangordnung der Schwere: Wer ist am kränksten? Zur Frage, was die Erkrankung im Selbstbild einnimmt: Wenn die Krankheit zur Identität wird.
Quellen
- Zur Forschung über performative authenticity in sozialen Medien: Echtheit als etwas, das hergestellt und zwischen Produzierenden und Publikum ausgehandelt wird. Unter anderem in Arbeiten zur Selbstdarstellung von Influencerinnen und Influencern.
- Risk, Precipitating, and Perpetuating Factors in Functional Neurological Disorder – A Systematic Review Across Clinical Subtypes (2025). Brain Sciences 15:907. Zu aufrechterhaltenden Faktoren, darunter Aufmerksamkeit und Erwartung. doi:10.3390/brainsci15090907
- Kant I: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Selbstzweckformel; sowie Metaphysik der Sitten zum Verbot, Menschen als bloße Sache zu behandeln.
Zur Autorin
Annette Gabriele Unverzagt
Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt Muster.