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FNS und Gesellschaft

Erklärung ist keine Entschuldigung

Über Verantwortung, Spielraum und die Bedingungen von Veränderung

Wenn sich alles aus Vorgeschichte, Erkrankung und Umständen erklären lässt – bleibt dann überhaupt noch eine Entscheidung?

Die kurze Antwort

Verantwortlich ist, wer auf Gründe ansprechbar ist – wer Argumente aufnehmen, Rückmeldung verarbeiten und Folgen berücksichtigen kann. Das gilt auch mit Diagnose. Wie viel jemand verändern kann, hängt allerdings von Bedingungen ab, die ungleich verteilt sind.

Ein Argument, das zu weit trägt

Je genauer psychische Vorgänge erklärt werden, desto naheliegender wird ein Schluss: Wenn Verhalten aus Vorgeschichte, Bindungserfahrungen, Temperament und Erkrankung folgt, dann ist es festgelegt. Und wo alles festgelegt ist, gibt es weder Schuld noch Entscheidung.

Der Schluss führt in eine Sackgasse. Ohne Entscheidungsspielraum wäre auch Veränderung ausgeschlossen. Behandlung wäre dann die Verwaltung eines feststehenden Zustands. Da Veränderung stattfindet, taugt die vollständige Zurückführung auf Krankheit nicht als Beschreibung der Wirklichkeit.

Der Einwand, dass auch Veränderung ihre Ursachen hat – Behandlung, Beziehung, Einsicht –, ist berechtigt. Die philosophische Frage lässt sich damit nicht entscheiden. Für die praktische Frage ist sie nachrangig, weil ein anderes Kriterium maßgeblich ist.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion

Viktor Frankl hat der Reiz-Reaktions-Theorie widersprochen. Sein Einwand: Sie leugne die Voraussetzung menschlicher Freiheit – nämlich, dass der Mensch selbst zwischen Reiz und Reaktion eingreift, um zu wählen und zu entscheiden.16

Dieser Raum ist das eigentliche Thema. Nicht die Frage, ob alles Ursachen hat – das hat es. Sondern die Frage, ob zwischen dem, was jemandem widerfährt, und dem, was er daraus macht, etwas liegt.

Der bekanntere Satz – „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum, und in diesem Raum liegt unsere Freiheit“ – wird Frankl häufig zugeschrieben, findet sich in seinen Schriften aber nicht. Nach Auskunft des Viktor-Frankl-Instituts stammt die Formulierung aus einem Buch, das Stephen Covey gelesen, dessen Titel er sich aber nicht notiert hatte.17 Der Gedanke ist Franks, der Wortlaut nicht.

Wenn jedes Etikett Verantwortung verschiebt

Eine Bezeichnung kann entlasten. Sie ordnet ein, was vorher unverständlich war, und nimmt den Verdacht, jemand bilde sich etwas ein.

Sie kann aber auch etwas anderes tun: die Zuständigkeit vollständig verlagern. Dann erklärt jedes neue Etikett, warum gerade wieder nichts geht – und der Raum zwischen Reiz und Reaktion wird kleiner, statt größer.

Das Muster

Es hat eine wiederkehrende Gestalt. Eine Behandlung greift, es geht besser. Dann taucht eine zweite Diagnose auf, die erklärt, warum die Besserung nicht anhält. Später eine dritte, die erklärt, warum die zweite nicht behandelbar ist. Und so weiter.

Gemeint ist hier die Variante, in der neue Diagnosen allein dem Zweck dienen, zu legitimieren, dass Veränderung gar nicht möglich ist – weil ein Außen sie verhindert. Als Entlastung des Inneren.

Wenn Empfehlungen zur Ausnahme werden

Dasselbe zeigt sich bei der Behandlung. Was fachlich nicht empfohlen wird, wird als Ausnahme begründet: Bei diesem Verlauf sei es anders, der Fall sei untypisch, die üblichen Regeln träfen hier nicht zu.

Untypische Verläufe gibt es. Aber wenn jede Empfehlung eine Ausnahme braucht, beschreibt das keine Besonderheit mehr, sondern ein Verhältnis zur Behandlung.

Kein einzelner dieser Schritte ist für sich genommen zu beanstanden. Das Muster zeigt sich erst in der Summe – und auch dann sagt es nichts darüber, was in einem bestimmten Fall zutrifft.

Warum die Suche nach außen leichter fällt

Eine weitere Untersuchung, ein neues Medikament, eine zusätzliche Meinung – das kostet Zeit und Geduld, aber es verlangt keine Veränderung. Man wartet auf ein Ergebnis.

Der andere Weg ist unbequemer: üben, was nicht gelingt, Vermeidung aufgeben, Situationen aushalten, in denen es schlechter wird, bevor es besser wird. Wer in dieser Lage einen Termin bekommt, an dem etwas gefunden werden könnte, hat einen guten Grund, das andere zu verschieben.

Dass Weitersuchen auch berechtigt sein kann, ist eine eigene Frage. Dazu ausführlich: FNS und andere Erkrankungen.

Was das Muster kostet, ist der Bewegungsraum. Wer für jede Schwierigkeit eine Erklärung außerhalb seiner selbst hat, hat nichts mehr, woran sich arbeiten ließe.

Die philosophische Frage – kurz

Der Streit hat feste Namen. Determinismus heißt: Alles, was geschieht, ist durch vorangehende Bedingungen und Naturgesetze bestimmt. Inkompatibilismus ist die Auffassung, dass es dann keinen freien Willen gibt. Kompatibilismus hält beides für vereinbar – frei ist danach eine Handlung, die man ausführt, weil man sie ausführen will, und die nicht erzwungen ist.5

Es gibt auch die radikale Position. Derk Pereboom nennt sie harten Inkompatibilismus: Weder Determinismus noch Zufall lassen einen freien Willen zu, weil niemand die letzte Ursache seiner eigenen Wünsche ist.6

Und wenn es keinen freien Willen gäbe?

Der naheliegende Schluss lautet: Dann ist zwar alles erklärt, aber auch alles sinnlos. Diesen Schluss ziehen die Beteiligten nicht.

Peter Strawson hat 1962 darauf hingewiesen, dass unsere reaktiven Einstellungen – Dankbarkeit, Kränkung, Empörung, Vergebung – nicht von einer metaphysischen Theorie abhängen. Sie gehören zu dem, wie Menschen miteinander umgehen. Sie aufzugeben, hielt er für unvernünftig: Wir würden mehr verlieren als gewinnen.7

Pereboom widerspricht ihm nur teilweise. Wer überzeugt ist, dass niemand letztlich verantwortlich ist, müsse nicht alle diese Haltungen aufgeben. Empörung vielleicht. Aber sich verletzt zu fühlen, besorgt zu sein, dankbar zu sein und zu vergeben – das bleibt möglich.6

Selbst in der radikalsten Position bleibt also erhalten, worauf es im Alltag ankommt: dass Menschen aufeinander reagieren, sich Grenzen setzen, sich zumuten und einander etwas zutrauen. Was wegfällt, ist die Vorstellung, jemand habe eine Strafe verdient.

Für die Frage, ob sich etwas ändern lässt, ist der Streit deshalb weniger entscheidend, als er wirkt. Und der Maßstab, der sich in Ethik und Psychiatrie durchgesetzt hat, kommt ohne seine Entscheidung aus.

Das Bedürfnis nach Vergeltung

Wer geschädigt wurde, will oft, dass der andere dafür einsteht. Dieses Bedürfnis wird gern als primitiv abgetan. Es ist aber weder unmoralisch noch verzichtbar: Es hält fest, dass etwas geschehen ist und dass es nicht in Ordnung war.

Auch Pereboom, der letzte Verantwortlichkeit bestreitet, räumt ein, dass nicht alle diese Regungen wegfallen. Sich verletzt zu fühlen bleibt möglich, empört zu sein ebenso.6 Was er in Frage stellt, ist enger, als es zunächst klingt: die Vorstellung, jemand habe Leid verdient.

Für den Alltag ändert das wenig. Grenzen zu ziehen, Kontakt zu beenden, Konsequenzen folgen zu lassen – all das braucht kein Verdienstprinzip. Es reicht, dass etwas nicht tragbar ist.

Warum Konsequenzen auch dann wirken

Das praktisch wichtigste Argument ist einfacher, als die Debatte vermuten lässt.

Konsequenzen sind selbst Ursachen. Wer festgelegt ist, ist auch durch das festgelegt, was ihm widerfährt. Eine Grenze, eine Absage, ein Widerspruch gehen in die Rechnung ein und verändern, was beim nächsten Mal herauskommt.

Deshalb widerspricht der Determinismus dem Setzen von Konsequenzen nicht – er erklärt, warum sie wirken. Und er zeigt, worauf es dabei ankommt: Sie wirken bei jemandem, der Gründe aufnehmen und auf sie reagieren kann.

Damit schließt sich der Kreis zum Maßstab, um den es hier geht.

Was die Psychologie beigetragen hat

Die bekannteste empirische Zuspitzung stammt von Benjamin Libet. In seinen Versuchen aus den 1980er Jahren sollten Personen eine Hand bewegen, wann sie wollten, und den Zeitpunkt des Entschlusses an einer Uhr ablesen.8

Das Ergebnis: Das Bereitschaftspotential im Gehirn setzte im Mittel rund 550 Millisekunden vor der Bewegung ein. Der Entschluss wurde erst etwa 200 Millisekunden vorher bewusst – also gut ein Drittel einer Sekunde nach dem Hirnsignal.8

Daraus wurde vielfach gefolgert, die bewusste Entscheidung sei eine Illusion. Libet selbst hat das nie behauptet. Er hielt es für möglich, eine eingeleitete Bewegung kurz vor der Ausführung noch zu stoppen – er nannte es ein Veto.8

Was die spätere Forschung daraus gemacht hat

Der Befund ist seither erheblich relativiert worden. Eine Arbeit von 2012 legt nahe, dass das Bereitschaftspotential aus spontanen Schwankungen der Hirnaktivität entsteht und keine bereits gefallene Entscheidung anzeigt.9

Und eine Freiburger Untersuchung von 2016 fand, dass sich das Signal beeinflussen lässt: Wer dem Impuls folgte, bei dem verstärkte es sich; wer widerstand, bei dem wurde es schwächer; wer die Handlung verzögerte, bei dem verschob es sich mit.10

Das Bereitschaftspotential ist damit eher eine Vorbereitung als ein Beschluss. Es erleichtert eine Handlung, es legt sie nicht fest.

Bei FNS ist das keine Theoriefrage

Was in der Philosophie verhandelt wird, ist bei FNS eine alltägliche Wahrnehmung: Eine Bewegung geschieht, ohne sich gewollt anzufühlen. Das veränderte Erleben eigener Urheberschaft gilt als klinisches Kernmerkmal der Erkrankung und ist im Gehirn nachweisbar.13

Und es lässt sich beeinflussen. Eine Machbarkeitsstudie von 2025 konnte das Urheberschaftserleben bei Betroffenen stärken.15

Urheberschaft ist kein fester Zustand. Sie kann gestört sein, und sie lässt sich verändern. Damit ist sie behandelbar – und nichts, was jemand entweder hat oder nicht hat.

Zwei verschiedene Fragen

Aus dem gestörten Urheberschaftserleben folgt eine Unterscheidung, die im Alltag oft verwischt.

Die erste Frage: Wird eine Bewegung willentlich hervorgebracht? Bei FNS lautet die Antwort Nein – und das ist keine Auslegungssache, sondern Teil der Erkrankung.

Die zweite Frage: Ist jemand zuständig für das, was er mit seiner Lage anfängt – für Termine, für den Umgang mit anderen, für Entscheidungen über Behandlung? Hier lautet die Antwort in aller Regel Ja.

Ein Symptom, das sich nicht steuern lässt, macht nicht die ganze Person unzuständig. Die beiden Fragen zu vermischen, führt in zwei Richtungen in die Irre: Wer sie zusammenwirft, unterstellt entweder Absicht, wo keine ist – oder spricht jemandem eine Stellung ab, die er hat.

Ansprechbarkeit auf Gründe

In Ethik und Psychiatrie hat sich ein Maßstab durchgesetzt, der ohne Vorentscheidung über den freien Willen auskommt. Er stammt aus einer Arbeit von John Martin Fischer und Mark Ravizza und heißt reasons-responsiveness: Ansprechbarkeit auf Gründe.1

Ihr Punkt ist, dass Verantwortung nicht voraussetzt, jemand hätte auch anders handeln können. Es genügt, dass er auf Gründe ansprechbar ist. Das hat zwei Seiten: Gründe erkennen – also Überzeugungen an Belegen ausrichten können – und auf Gründe reagieren können.1

Aufgehoben ist Verantwortlichkeit dort, wo diese Ansprechbarkeit fehlt: bei akuter Psychose, schwerer Vergiftung, ausgeprägter kognitiver Beeinträchtigung. Persönlichkeitszüge, Krankheitsverarbeitung oder Kränkbarkeit gehören nicht dazu.

Eine Erklärung ist keine Entschuldigung. Zu verstehen, warum jemand so handelt, sagt nichts darüber, ob das Handeln in Ordnung ist. Beides zu vermischen wirkt großzügig – und nimmt der Person die Stellung, die Veränderung erst möglich macht.

Wenn krank sein bequemer ist

Die Krankenrolle kann einfacher sein als das, was ohne sie käme. Kein Bewerbungsgespräch, keine Auseinandersetzung, keine Veränderung. Und für alles, was ohnehin schwerfällt, eine Erklärung, die niemand in Frage stellt.

Menschen wählen überall den Weg, der weniger kostet. Warum sollte das bei Krankheit anders sein.

Eine Frage, die sich jeder selbst stellen kann: Was würde ich tun müssen, wenn die Symptome morgen weg wären – und wie fühlt sich dieser Gedanke an? Wenn dabei Erleichterung aufkommt, ist alles in Ordnung. Wenn Unbehagen aufkommt, ist das eine Auskunft.

Der Preis liegt woanders, als es zunächst aussieht. Was der Krankheit zugeschrieben wird, ist der Bearbeitung entzogen. Wer Schwierigkeiten mit Nähe, mit Konflikten oder mit Anforderungen hat und beides zusammenlegt, verliert den Zugriff auf den Teil, der sich ändern ließe.

Das ist der eigentliche Verlust: nicht ein moralischer, sondern ein praktischer.

Welcher Preis einem was wert ist, entscheidet am Ende jeder selbst – solange es die eigene Rechnung bleibt.

Wer für sich zu dem Schluss kommt, dass ein Leben mit Einschränkung besser aufgeht als der Weg zurück, trifft eine Entscheidung über das eigene Leben. Dagegen lässt sich nichts einwenden.

Etwas anderes ist es, sobald andere die Rechnung mitbezahlen: Angehörige, die auffangen, Freundschaften, die tragen, Menschen, die zurückstecken. Dann ist es keine Privatsache mehr.

Wovon Veränderung abhängt

Veränderung tritt nicht durch Einsicht allein ein. In der Forschung zu Behandlungsverläufen tauchen einige Voraussetzungen immer wieder auf.

Eigener Leidensdruck

Solange ein Muster funktioniert und die Kosten überwiegend andere tragen, entsteht kein Anlass, es aufzugeben. Druck von außen erzeugt Anpassung, selten Veränderung.2

Ausreichende Stabilität

Wer mit Existenzsicherung, akuter Krise oder unsicherem Wohnen befasst ist, hat keine Kapazität für Umstellungsarbeit. Sicherheit kommt vor Bearbeitung.

Eine tragfähige Beziehung

Die Qualität des Arbeitsbündnisses gehört zu den am besten belegten Merkmalen erfolgreicher Behandlungen. Eine Metaanalyse über 295 Studien fand einen stabilen Zusammenhang mit dem Ergebnis.3 Der Zusammenhang ist korrelativ – die Richtung bleibt damit offen.

Ein Umfeld, das Veränderung nicht bestraft

Ist Zuwendung an den kranken Zustand geknüpft und lässt mit Besserung nach, entsteht ein Anreiz gegen Fortschritt. Ausführlich dazu: Wer ist am kränksten?

Aushaltbare Zwischenverschlechterung

Veränderung verläuft selten geradlinig. Wer alte Muster aufgibt, verliert zunächst eine funktionierende Regelung und hat die neue noch nicht. Diese Phase entscheidet häufig über Abbruch oder Fortsetzung.

Wiederholung

Muster verändern sich über geübtes neues Verhalten, nicht über einmalige Erkenntnis. Das braucht Zeit.

Ein Ziel jenseits von Symptomfreiheit

Dass Behandlungsziele auseinandergehen können, ist untersucht. In einer Studie mit 22 Betroffenen, 18 Angehörigen und 21 Behandelnden nannten Angehörige und Behandelnde die Verringerung der Symptome deutlich häufiger als Ziel als die Betroffenen selbst. Diese nannten am häufigsten Verbesserungen des Wohlbefindens.4

Fehlen mehrere dieser Bedingungen, bleibt Veränderung aus, ohne dass mangelnder Wille die Erklärung wäre. Das ist der sachliche Kern hinter der Beobachtung, dass Menschen mit ähnlichen Diagnosen sehr unterschiedliche Wege nehmen.

Was Behandelnde tun können

Was soll ein Behandlungsteam in einer solchen Lage tun? Abwarten und auf Einsicht hoffen ist keine Antwort – und es entspricht auch nicht dem, was die Fachliteratur beschreibt.

Was Betroffene selbst berichten

Eine Untersuchung fragte Menschen, bei denen eine Psychotherapie nicht angeschlagen hatte, nach den Gründen. Sie beschrieben unter anderem drei Schritte, die nötig gewesen wären: aufhören zu bestreiten, dass Hilfe angebracht ist; Verantwortung für eigene Verhaltensweisen zu übernehmen, die zum Zustand beitragen; und sich auf die anstrengende Arbeit einzulassen, die Veränderung verlangt.19

Dieselbe Arbeit nennt, was dabei geholfen hat: eine tragfähige Beziehung, eine klare Diagnose, ein gemeinsames Vorgehen – und die Ausrichtung auf praktische Ziele, die im Leben etwas verändern.19

Der eigene Anteil ist damit kein Vorwurf von außen, sondern etwas, das Betroffene selbst als Bedingung benennen. Ihn anzusprechen gehört zur Behandlung.

Und wo die Aufgabe endet

Eine Arbeit zur Frage aussichtsloser Behandlung in der Psychiatrie hält fest, dass im Verhältnis zwischen Behandelnden und Betroffenen getrennte und gemeinsame Zuständigkeiten bestehen. Und sie warnt vor einem verengten Fürsorgeverständnis: der Vorstellung, man dürfe niemals aufhören. Wer so denkt, spricht Betroffenen das Recht ab, selbst zu entscheiden.20

Praktisch heißt das: Ziele vereinbaren, sie in Abständen überprüfen, ausbleibende Veränderung benennen statt umschreiben – und aus dem Ergebnis Folgerungen ziehen. Das kann ein anderes Ziel sein, ein anderes Verfahren, eine Pause oder ein Ende.

Was es nicht sein muss: unbegrenzte Fortsetzung ohne Richtung.

Wenn Behandlung nicht greift

Eine Behandlung kann scheitern. Nicht nur, weil das Verfahren nicht passt oder die Beziehung nicht trägt, sondern auch, weil die Bereitschaft zur Veränderung fehlt. Das auszusprechen ist unangenehm und gehört trotzdem dazu.

Was dann entsteht, ist eine Wiederholungsschleife: dieselben Termine, dieselben Gespräche, dieselben Ergebnisse. Beide Seiten halten sie in Gang – die eine, weil aufhören wie Aufgeben wirkt, die andere, weil weitermachen leichter ist als benennen.

Was das System trägt

Dieser Kreislauf bleibt nicht folgenlos. In den USA wurden zwischen 2008 und 2017 jährlich mehr als 20.000 stationäre Aufnahmen und rund 40.000 Notaufnahmebesuche wegen FNS gezählt, mit Kosten von über 1,2 Milliarden Dollar pro Jahr.20 Die Zahlen steigen: Allein zwischen 2017 und 2019 nahmen die Notaufnahmekosten um 67 Prozent zu.21

Menschen mit FNS machen etwa 9 Prozent der neurologischen Aufnahmen aus und 16 Prozent der Zuweisungen in neurologische Sprechstunden. Und viele stellen sich auch nach der Diagnose weiter in Notaufnahmen vor.22

Der Grund liegt dabei nicht nur bei den Betroffenen. Dieselbe Literatur nennt als Ursachen: unzureichende Ausbildung, späte Diagnosen, Stigmatisierung – und fehlende erreichbare Behandlung. Wörtlich heißt es, Betroffene blieben ohne verlässlichen Ausweg.23

Wer keine Behandlung bekommt, geht in die Notaufnahme. Das ist kein Missbrauch, sondern die Folge einer Lücke. Die Frage nach dem eigenen Anteil stellt sich erst dort, wo eine Behandlung verfügbar ist und nicht angenommen wird.

Wann Belastung zum Vorwurf wird

Ein naheliegendes Kriterium lautet: Problematisch wird Verhalten dort, wo andere darunter leiden. Als Prinzip ist das richtig, greift bei chronischer Erkrankung aber zu kurz. Krankheit verteilt sich immer. Angehörige tragen mit, Freundschaften verändern sich, Aufgaben verschieben sich. Belastung ist der Normalfall und für sich genommen kein Vorwurf.

Der brauchbarere Unterschied liegt eine Ebene tiefer: Werden die Kosten für andere gesehen und verhandelt – oder als selbstverständlich vorausgesetzt und bestritten?

Wer die eigene Belastungswirkung wahrnimmt, benennt und im Rahmen der Möglichkeiten begrenzt, handelt anders als jemand, der Ansprüche stellt und die Frage nach den Kosten als Angriff behandelt.

Damit verschiebt sich der Maßstab weg vom Ausmaß der Hilfe hin zur Gegenseitigkeit. Und dieser Maßstab lässt sich anwenden, ohne über Schwere oder Echtheit von Symptomen zu urteilen.

Für Angehörige folgt daraus: Erschöpfung in einer solchen Lage ist kein Mangel an Mitgefühl. Grenzen zu setzen bleibt berechtigt, auch wenn die andere Person wirklich erkrankt ist.

Wenn die Rechnung dauerhaft andere tragen

Wo jemand seine Entlastung über Jahre von anderen bezahlen lässt und die Frage danach abwehrt, ist die Grenze überschritten. Dann sind spürbare Konsequenzen angemessen: weniger Verfügbarkeit, klarere Absagen, weniger Selbstverständlichkeit.

Damit schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage. Ob jemand letztlich frei entschieden hat, muss dafür nicht geklärt sein. Konsequenzen wirken, weil sie Ursachen sind. Wer sie ausbleiben lässt, um niemandem unrecht zu tun, nimmt der Lage das Einzige, was sie noch verändern könnte.

Das ist keine Bestrafung. Es ist die Rückgabe einer Rechnung an den, der sie aufgemacht hat.

Der eigene Weg als Maßstab

Wer selbst an Besserung gearbeitet hat, trägt eine Erfahrung, die sich leicht verallgemeinern lässt: Es geht, wenn man will.

Diese Verallgemeinerung ist der schwächste Punkt einer sonst tragfähigen Haltung, weil sie den ungleich verteilten Spielraum übergeht.

Haltbar bleibt sie dort, wo der andere Weg ausdrücklich gilt – wo also anerkannt wird, dass Rückzug, Aufgeben oder Einrichten in der Krankenrolle mögliche Wege sind. Erst diese Anerkennung unterscheidet ein Argument von einem persönlichen Maßstab, an dem andere gemessen werden.

Und erst sie macht Kritik an konkretem Verhalten belastbar: nicht daran, dass jemand keinen Fortschritt macht, sondern daran, wie mit den Menschen umgegangen wird, die die Kosten mittragen.

Was dieser Text nicht leisten kann

Die Bedingungen für Veränderung stammen überwiegend aus der allgemeinen Psychotherapieforschung, nicht aus Untersuchungen zu FNS. Und aus keiner dieser Aussagen lässt sich ableiten, wie viel Spielraum eine bestimmte Person hat.

Zusammengefasst

Eine Diagnose hebt Verantwortung nicht auf, solange jemand auf Gründe ansprechbar ist. Wie viel sich ändern lässt, hängt aber von Bedingungen ab, die niemand sich aussucht.

Der Maßstab, der beides zusammenhält, ist nicht die Menge an Fortschritt. Es ist die Frage, ob die Kosten für andere gesehen werden.

Weiterlesen

Zur Rolle von Zuwendung und Verstärkung: Wer ist am kränksten? Zur Frage, was die Erkrankung im Selbstbild einnimmt: Wenn die Krankheit zur Identität wird. Zur Rechtfertigungslast: Nichts vorzuzeigen. Zur Frage, wann Weitersuchen berechtigt ist: FNS und andere Erkrankungen.

Quellen

  1. Fischer JM, Ravizza M (1998): Responsibility and Control – A Theory of Moral Responsibility. Cambridge University Press. Zur Ansprechbarkeit auf Gründe mit ihren beiden Bestandteilen: Gründe erkennen und auf Gründe reagieren.
  2. Miller WR, Rollnick S: Motivational Interviewing – Helping People Change. Zur Beobachtung, dass Druck von außen Widerstand erzeugt und Veränderungsbereitschaft aus eigenen Gründen entsteht.
  3. Flückiger C, Del Re AC, Wampold BE, Horvath AO (2018): The alliance in adult psychotherapy – a meta-analytic synthesis. Psychotherapy 55(4):316–340. 295 Studien; stabiler Zusammenhang zwischen Arbeitsbündnis und Behandlungsergebnis.
  4. Outcome measurement in functional neurological disorder – a qualitative study on the views of patients, caregivers and healthcare professionals. Interviews mit 22 Betroffenen, 18 Angehörigen und 21 Behandelnden. PMC11814038
  5. Zu den Grundbegriffen: Vihvelin K: Arguments for Incompatibilism. Stanford Encyclopedia of Philosophy. Determinismus, Inkompatibilismus und Kompatibilismus in ihrer üblichen Fassung.
  6. Pereboom D (2001): Living without Free Will. Cambridge University Press. Zum harten Inkompatibilismus und zu der Frage, welche reaktiven Einstellungen ohne Annahme letzter Verantwortlichkeit bestehen bleiben.
  7. Strawson PF (1962): Freedom and Resentment. Proceedings of the British Academy 48:1–25. Zu den reaktiven Einstellungen und dazu, warum ihr Aufgeben mehr kosten als einbringen würde.
  8. Libet B et al. (1983); Libet B (1985): Unconscious cerebral initiative and the role of conscious will in voluntary action. Behavioral and Brain Sciences 8:529–566. Bereitschaftspotential im Mittel 550 ms vor der Bewegung, bewusster Willensakt 200 ms vorher; Libets eigene Deutung eines möglichen Vetos.
  9. Schurger A, Sitt JD, Dehaene S (2012): An accumulator model for spontaneous neural activity prior to self-initiated movement. PNAS. Zum Bereitschaftspotential als Folge spontaner Schwankungen neuronaler Aktivität.
  10. Untersuchung des Universitätsklinikums Freiburg (2016). Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Zur Beeinflussbarkeit des Bereitschaftspotentials durch Folgen, Widerstehen oder Verzögern des Impulses. doi:10.1016/j.neubiorev.2016.06.023
  11. Maurer CW, LaFaver K, Ameli R et al. (2016): Impaired self-agency in functional movement disorders – a resting-state fMRI study. Neurology. Verringerte funktionelle Verbindung zwischen der rechten temporoparietalen Region und sensomotorischen Arealen. doi:10.1212/WNL.0000000000002940
  12. Müller E, Loukas S, Häuselmann S, Concetti C, Van De Ville D, Gninenko N, Aybek S (2025): Modulating the sense of agency in functional neurological disorder using real-time fMRI neurofeedback – a proof-of-concept study. NeuroImage: Clinical. doi:10.1016/j.nicl.2025.103899
  13. Frankl VE: Kritik an der Reiz-Reaktions-Theorie. Sinngemäß: Sie leugne die Voraussetzung menschlicher Freiheit – dass der Mensch selbst zwischen Reiz und Reaktion eingreift, um zu wählen und zu entscheiden.
  14. Quote Investigator (2018): Between Stimulus and Response There Is a Space. Zur Herkunft der Formulierung und zur Auskunft des Viktor-Frankl-Instituts, wonach Stephen Covey sie in einem Buch fand, dessen Titel er sich nicht notiert hatte.
  15. Patient perspectives on non-response to psychotherapy for borderline personality disorder – a qualitative study. Zu den von Betroffenen benannten Voraussetzungen und zu dem, was ihnen geholfen hat. PMC10114439
  16. Developing the language of futility in psychiatry with care. Zu getrennten und gemeinsamen Zuständigkeiten im Behandlungsverhältnis und zur Kritik an einem Fürsorgeverständnis, das kein Ende zulässt. PMC6138197
  17. Stephen CD, Fung V, Lungu CI et al. (2021): Assessment of emergency department and inpatient use and costs in adult and pediatric functional neurological disorders. JAMA Neurology 78:88–101. Mehr als 20.000 stationäre Aufnahmen und rund 40.000 Notaufnahmebesuche jährlich; Kosten über 1,2 Milliarden Dollar pro Jahr.
  18. Comparison of Inpatient and Emergency Department Costs to Research Funding for Functional Neurologic Disorder (2025). Neurology. Notaufnahmekosten für Erwachsene 2019: 257,9 Millionen Dollar, ein Anstieg um 67 Prozent seit 2017. doi:10.1212/WNL.0000000000213445
  19. O’Mahony B, Nielsen G, Baxendale S, Edwards MJ, Yogarajah M (2023): Economic cost of functional neurologic disorders – a systematic review. Neurology 101(2). Anteil an neurologischen Aufnahmen und Zuweisungen; erneute Vorstellungen in Notaufnahmen nach der Diagnose.
  20. Watson M, Woodward J, Strom LA (2023): The financial burden of functional neurological disorders. Current Neurology and Neuroscience Reports 23(10):637–643. Zu unzureichender Ausbildung, Stigmatisierung und fehlender erreichbarer Behandlung als Kostentreibern.

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind. Für diese Website recherchiert sie Fachliteratur, ordnet sie ein und legt offen, wo die Datenlage begrenzt ist.

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Hinweis: Die beschriebenen Zusammenhänge dienen der Einordnung. Rückschlüsse auf einzelne Personen lassen sich daraus nicht ziehen.