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FNS und Gemeinschaft

Beides darf da sein

Warum eine Grenze enttäuschen darf – und warum es sich lohnt, das auszuhalten

Wer der Harmonie hinterherläuft, glättet, erklärt und bügelt aus – manchmal, bis die eigene Kraft aufgebraucht ist. Was die Forschung darüber weiß, ein unangenehmes Gefühl auszuhalten, statt es sofort aufzulösen.

Kurz gefasst

Wer eine Grenze zieht, kann einen anderen Menschen enttäuschen. Das fühlt sich unangenehm an, und der Impuls liegt nahe, dieses Gefühl schnell aufzulösen – durch Erklären, Glätten, Nachgeben. Die Forschung zeigt, was das kosten kann, und was dabei hilft, das Unbehagen auszuhalten. Die Enttäuschung des anderen und die eigene Grenze können nebeneinander stehen.

Der Wunsch nach Harmonie

Der Wunsch dazuzugehören sitzt tief. Die Sozialpsychologen Roy Baumeister und Mark Leary haben 1995 die Forschung dazu ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass das Bedürfnis nach stabilen, freundlichen Beziehungen ein grundlegendes menschliches Motiv ist.1 Wer Streit meidet, Unstimmigkeiten glättet und Enttäuschungen abwenden möchte, folgt diesem Bedürfnis. Das macht vieles im Zusammenleben leichter.

Schwierig wird es, wenn Harmonie zur Bedingung wird: wenn jede Spannung sofort gelöst und jedes Nein so lange erklärt werden muss, bis der andere einverstanden ist. Dann bestimmt das Gefühl des anderen über die eigene Entscheidung.

Was es kosten kann

In zwei Experimenten von Emily Butler, James Gross und Kollegen unterhielten sich jeweils zwei Frauen, die sich nicht kannten, über ein belastendes Thema. Wenn eine von beiden ihre Gefühle unterdrückte, störte das das Gespräch: Der Blutdruck stieg, auch bei der Gesprächspartnerin, und zwischen den beiden entstand weniger Verbindung.2

Emily Impett und Kollegen haben Paare über zwei Wochen begleitet. An Tagen, an denen jemand für den Partner zurücksteckte und dabei die eigenen negativen Gefühle unterdrückte, ging es beiden schlechter, und beide bewerteten die Beziehung schlechter.3 Eine Folgestudie fand eine Ausnahme: Bei Menschen, für die der Zusammenhalt mit anderen sehr im Vordergrund steht, fühlte sich dieses Zurückhalten stimmig an und schadete nicht.4 Es kommt also auch darauf an, wer zurücksteckt und warum.

Das Muster, eigene Gedanken und Bedürfnisse dauerhaft zurückzustellen, um Beziehungen sicher zu halten, hat die Psychologin Dana Jack Silencing the Self genannt. Eine Auswertung von 126 Studien bestätigt den Zusammenhang mit depressiven Symptomen.5 Mehr dazu in unserem Beitrag „Du siehst doch gut aus“.

Konflikt kann Beziehungen tragen

Lange galt in der Paarforschung, dass negative Kommunikation schadet und freundliche hilft. Die Psychologen Nickola Overall und James McNulty haben die Befunde 2017 neu geordnet: Jede Art, Konflikte auszutragen, kann helfen oder schaden – es hängt vom Zusammenhang ab. Eine Rolle spielt dabei, wie direkt ein Problem angesprochen wird. Wer es offen anspricht, auch wenn es unangenehm ist, kann es lösen und die Beziehung über die Zeit stärken.6

Ein unangenehmes Gefühl aushalten

Die Fähigkeit, unangenehme Gefühle zu ertragen, ohne sie sofort beseitigen zu müssen, heißt in der Psychologie Distresstoleranz. Eine Übersicht über die Forschung bei Erwachsenen fand Zusammenhänge zwischen geringer Distresstoleranz und verschiedenen psychischen Beschwerden; die Autoren weisen darauf hin, dass der Begriff in den Studien sehr unterschiedlich gemessen wird.7 Steven Hayes und Kollegen haben 1996 beschrieben, dass sich viele psychische Beschwerden als Versuch verstehen lassen, unangenehmen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen auszuweichen.8

Im Alltag sieht das so aus: das Unbehagen nach einem Nein, die Stille nach einer Absage, der enttäuschte Blick. Wer das aushält, muss die eigene Entscheidung nicht zurücknehmen, nur damit das Unbehagen aufhört.

Beides darf da sein

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie nach Marsha Linehan geht davon aus, dass zwei Dinge, die sich zu widersprechen scheinen, beide gelten können. In ihrem Modul zur zwischenmenschlichen Wirksamkeit unterscheidet Linehan drei Ziele, die in schwierigen Gesprächen gegeneinander abgewogen werden: das eigene Anliegen, die Beziehung und die Selbstachtung.9 Auf den Alltag übertragen: Der andere kann enttäuscht sein, und ich kann trotzdem bei meiner Grenze bleiben. Ich kann die Enttäuschung anerkennen – „Ich verstehe, dass du enttäuscht bist“ – und muss sie nicht wegmachen.

Die Familientherapie spricht von Differenzierung: in Verbindung mit anderen bleiben und die eigene Position halten, ohne in deren Gefühlen aufzugehen. In drei Studien mit 609 Erwachsenen hing höhere Differenzierung – weniger heftige gefühlsmäßige Reaktionen, die Fähigkeit, einen eigenen Standpunkt einzunehmen – mit weniger dauerhafter Angst und größerer Zufriedenheit in der Partnerschaft zusammen.10

Der andere darf enttäuscht sein. Ich darf trotzdem bei meiner Entscheidung bleiben.

Was das bei FNS bedeuten kann

Bei FNS wirken körperliche, psychische und soziale Faktoren zusammen. Eine Übersicht zur Gefühlsverarbeitung bei FNS beschreibt Belastungen – darunter Schwierigkeiten in Beziehungen – als Risikofaktoren und eine veränderte Verarbeitung von Gefühlen als mögliches Bindeglied zu den Beschwerden. Die Autoren betonen, dass viele dieser Befunde noch bestätigt werden müssen.11

Mit einer Erkrankung, die Kraft kostet, gehört ein Nein oft dazu, um mit der eigenen Kraft hauszuhalten. Wer es nicht so lange erklärt, bis alle einverstanden sind, spart dabei noch einmal Kraft.

Verwandt: Was sich vordergründig gut anfühlt und „Du siehst doch gut aus“.

Was offen ist

  • Die zitierten Studien stammen überwiegend aus Paarbeziehungen und allgemeinen Stichproben. Wie sich Harmoniestreben und Distresstoleranz bei Menschen mit FNS auswirken, ist nicht gezielt untersucht.
  • Ob mehr Direktheit im Konflikt hilft, hängt nach der Forschung vom Zusammenhang ab; eine allgemeine Regel lässt sich daraus nicht ableiten.

Quellen

  1. Baumeister RF, Leary MR. The need to belong: desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin 1995;117(3):497–529. doi:10.1037/0033-2909.117.3.497
  2. Butler EA, Egloff B, Wilhelm FH, Smith NC, Erickson EA, Gross JJ. The social consequences of expressive suppression. Emotion 2003;3(1):48–67. doi:10.1037/1528-3542.3.1.48
  3. Impett EA, Kogan A, English T, John O, Oveis C, Gordon AM, Keltner D. Suppression sours sacrifice: emotional and relational costs of suppressing emotions in romantic relationships. Personality and Social Psychology Bulletin 2012;38(6):707–720. doi:10.1177/0146167212437249
  4. Le BM, Impett EA. When holding back helps: suppressing negative emotions during sacrifice feels authentic and is beneficial for highly interdependent people. Psychological Science 2013;24:1809–1815.
  5. Jack DC, Dill D. The Silencing the Self Scale: schemas of intimacy associated with depression in women. Psychology of Women Quarterly 1992;16(1):97–106. doi:10.1111/j.1471-6402.1992.tb00242.x; Übersicht über 126 Studien: Sex Roles 2026, doi:10.1007/s11199-025-01637-8
  6. Overall NC, McNulty JK. What type of communication during conflict is beneficial for intimate relationships? Current Opinion in Psychology 2017;13:1–5. doi:10.1016/j.copsyc.2016.03.002
  7. Leyro TM, Zvolensky MJ, Bernstein A. Distress tolerance and psychopathological symptoms and disorders: a review of the empirical literature among adults. Psychological Bulletin 2010;136(4):576–600. doi:10.1037/a0019712
  8. Hayes SC, Wilson KG, Gifford EV, Follette VM, Strosahl K. Experiential avoidance and behavioral disorders: a functional dimensional approach to diagnosis and treatment. Journal of Consulting and Clinical Psychology 1996;64(6):1152–1168. doi:10.1037/0022-006X.64.6.1152
  9. Linehan MM. DBT Skills Training Manual. 2. Aufl. New York: Guilford 2015, Modul Zwischenmenschliche Wirksamkeit (Ziele: Anliegen, Beziehung, Selbstachtung).
  10. Skowron EA, Friedlander ML. The Differentiation of Self Inventory: development and initial validation. Journal of Counseling Psychology 1998;45(3):235–246. doi:10.1037/0022-0167.45.3.235
  11. Pick S, Goldstein LH, Perez DL, Nicholson TR. Emotional processing in functional neurological disorder: a review, biopsychosocial model and research agenda. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 2019;90(6):704–711. doi:10.1136/jnnp-2018-319201

Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung im Einzelfall. Stand: Oktober 2026.

Zur Autorin

Annette Gabriele Unverzagt

Journalistin. Sie ist selbst von einer Funktionellen Neurologischen Störung betroffen und hat das Netzwerk FNS gegründet, weil verlässliche Informationen zu FNS im deutschsprachigen Raum schwer zu finden sind.